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Ideen für Goliaths

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Sie helfen Konzernen, auf neue Ideen zu kommen. Während andere darauf setzen, die Arbeitsweise von Start-ups zu imitieren, geht Venture Idea einen eigenen Weg. Das Erfolgsgeheimnis: echte Begeisterung und die Bereitschaft, sich wirklich auf die Produkte der Kunden einzulassen.

Sie haben in den vergangenen sieben Jahren mehr als 50 Projekte für Großunternehmen in 20 verschiedenen Branchen umgesetzt. Wer so einen Satz hört, denkt an ein erfolgreiches Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitern. Aber bei Venture Idea aus Düsseldorf läuft das anders, das Unternehmen besteht aus vier Mitarbeitern. Ihr Büro ist in der Altstadt: Kurze Straße.

Lucas Sauberschwarz, Alexander Kornelsen, Florian Lanzer und Lysander Weiß bilden das Quartett. Sie sagen den großen Unternehmen, dass sie sich nicht vor Start-ups fürchten oder ihr Geschäftsmodell völlig neu erfinden müssen. Neue Geschäftsfelder aufspüren, aber eben auch bestehende Produkte optimieren, das macht Venture Idea. Ein eigentlich funktionierendes Produkt muss dabei meist nicht verändert werden. Lucas Sauberschwarz arbeitete zuvor als Manager für L’Oréal und baute eine Onlineagentur auf, bevor er gemeinsam mit den anderen Venture Idea gründete. Daher hatte er schon Kontakt zu Unternehmen wie L’Oréal oder Germanwings, erste Aufträge kamen rein.

Das Erfolgsgeheimnis? „Unser Innovationsprozess ist genau das Gegenteil von allen anderen Innovationsprozessen. Normalerweise gibt es einen Ideenworkshop wie auf einer grünen Wiese: Denkt mal frei, alles ist erlaubt. Klar entstehen dabei gute Ideen. Das Problem ist aber oft, dass Großunternehmen diese Ideen nicht umsetzen können“, erzählt Alexander Kornelsen bei einem Kaffee im Max Brown Hotel. Die Gründe: Die Ideen bringen das gesamte Geschäftsmodell ins Wanken, anstatt das bestehende Modell zu verbessern oder schrittweise zu erneuern.

Lucas Sauberschwarz ist Düsseldorfer aus Überzeugung. Vom Standort Düsseldorf hat Venture Idea bisher nur profitiert: „Eigentlich könnte man jedem Unternehmen nur empfehlen, sich hier anzusiedeln. Hier gibt es so viele Großunternehmen, die auch über die entsprechenden Budgets verfügen“, sagt Kornelsen und fügt hinzu: „Düsseldorf ist vielleicht nicht so hip wie Berlin, unternehmerisch macht es aber völlig Sinn und bietet auch noch eine unglaubliche Lebensqualität.“

Geschichten erzählen – das kann Kornelsen wirklich gut. Deshalb ist er bei Venture Idea auch für die Pressearbeit zuständig. Die beste Geschichte ist die mit dem Wohnmobil und sie verdeutlicht auch den Ansatz von Venture Idea. Der Wohnmobilhersteller Hymer beauftragte Venture Idea damit, einen Wohnwagen neu zu erfinden.
Studien besagten, dass 80 bis 85 Prozent der Wohnmobilnutzer zu zweit unterwegs sind, die meisten Mobile aber für vier Reisende konzipiert wurden. Was brauchen also zwei Reisende und wie kann man das eleganter und trotzdem praktisch verpacken?

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„Als Innovator braucht man ein grundsätzliches, tiefes, ehrliches Interesse an der Welt“

Anstatt einen theoretischen Schlachtplan zu entwerfen, wurde Alexander Kornelsen zum Dauercamper. Die Firma stellte ihm ein Mobil zur Verfügung und der Berater reiste damit ein halbes Jahr durch Europa. Gespräche auf Campingplätzen, lange Chats in Gruppen von Wohnmobilfreunden, unendlich viele Telefonate mit anderen Campern – dazu die eigenen Reiseerfahrungen. Heraus kam ein völlig neues Grundkonzept. Der neue Camper entstand auf Basis eines Mercedes-Benz mit einem völlig anderen Grundriss. „Duschraum und Toilette stehen normalerweise in der Mitte, den Part haben wir nach hinten verfrachtet. Dann ist vorne nur noch dein Wohnraum. An den Seiten sind durchgängig Fenster eingebaut. Du hast also einfach eine Glasfront, keine Wände mehr. Du liegst im Bett, wirst wach, bist in Südtirol und siehst nur Berge. Das ist schon echt cool“, erzählt Kornelsen.

Wer denkt, dass alle Ideen spontane Geistesblitze seien, der täuscht sich. „Je konkreter die Aufgabenstellung ist, desto besser können wir arbeiten. Aber dann ist unser Ziel, einfach autark zu arbeiten. Wir möchten nicht die Berater sein, die in das Unternehmen reingehen und dann dort vor Ort zu sehr von den Strukturen aufgesogen werden. Unser Ansatz: Wir bekommen eine Aufgabenstellung, ziehen uns sechs Monate zurück und präsentieren dann die Ideen.“

30 Tage Tarifurlaub machen die vier nicht: Wer eine Auszeit braucht, nimmt sie sich. Wo gearbeitet wird, ist jedem selbst überlassen. Jeder verdient das gleiche Geld. Ihr Leitsatz: Wir arbeiten nicht für die Firma, sondern die Firma für uns. „Wenn einer von uns einen Traum hat, dann schauen wir halt, in welche Richtung kann sich die Firma entwickeln, dass dieser persönliche Traum erfüllt werden kann“, sagt Alexander Kornelsen.

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Geschäftsführer Lucas Sauberschwarz arbeitet derzeit nur vier Tage die Woche, er hat einen kleinen Sohn. Nebenbei macht er eine psychotherapeutische Ausbildung. Davon profitiert nicht nur Venture Idea in der Zusammenarbeit mit den Kunden, sondern das verbessert auch die Zusammenarbeit untereinander. Außerdem lernt man sich selber besser kennen. Einmal im Jahr zieht sich das Quartett für eine Strategiewoche zurück. Der Fokus: Wo bist du in deinem Leben? Was sind deine Ziele und Träume, was wolltest du immer schon mal machen und was kann die Firma tun, damit das realisierbar ist? So erzählte Lysander Weiß bei einem ihrer Meetings, dass er gerne mal ein Buch schreiben würde und eine Zeit lang in Südafrika leben möchte. Seit Februar 2018 ist das Buch, das Weiß gemeinsam mit Lucas Sauberschwarz geschrieben hat, erhältlich. „Das Comeback der Konzerne“ beschäftigt sich mit den täglichen Herausforderungen von Venture Idea: Wie große Unternehmen mit effizienten Innovationen den Kampf gegen disruptive Start-ups gewinnen.

Ein weiteres Projekt geht am 14. September 2018 in Düsseldorf an den Start: die TEDx Königsallee. Die Jungs haben die weltbekannte Innovationskonferenz in die Landeshauptstadt geholt. Das Thema des Tages: „The Future of“.

Der Wohnmobilauftrag endet übrigens hollywoodreif: Hymer und Venture Idea haben für das gemeinsam entwickelte sogenannte Duocar im Januar 2018 den European Innovation Award für das beste Vankonzept des Jahres gewonnen. Mehr Bestätigung geht wohl kaum. ●


 Text BRITT WANDHÖFER
Fotos DOMENIK BROICH

Sabrina Schauder