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Thomas Rempen im Interview

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Rempen, dann müssen Sie wohl selber bauen

Die Gehry-Bauten sind das Wahrzeichen des Medienhafens und weit über die ­Stadtgrenzen hinaus bekannt. Wenn Werbezar Thomas ­Rempen nicht einen so eisernen Willen gehabt hätte, sehe Düsseldorf heute ganz anders aus. 

Wenn die Sonne auf die vielen, so unterschiedlichen Edelstahlbleche scheint, stehen fast immer Menschen davor und machen Fotos. Die größte Spiegelfläche Düsseldorfs präsentiert sich an jeder Stelle ein bisschen anders: mal gewölbt, mal flach und immer irgendwie verknittert. „An dem Tag, an dem das Gerüst am Neuen Zollhof abgebaut wurde, kam ein älteres Pärchen vorbei, der Mann fummelte eine Kamera aus ihrer Ochsenlederhülle und fotografierte aus allen möglichen Perspektiven die Gebäude und wie sich der Himmel und die Nachbarschaft darin spiegelten“, erinnert sich Thomas Rempen. „Da wusste ich, dass wir etwas Gutes für Düsseldorf gebaut hatten“, beschreibt der heute 72-Jährige sein Gefühl von damals. Es war das Ende eines zehnjährigen Projekts, das mehrmals vor dem Scheitern stand und Thomas Rempen in den finanziellen Ruin hätte treiben können. „Nennenswerten Profit gab es keinen“, sagt der Bauherr heute, „am Ende war es der Ehrgeiz, das Projekt fertigzustellen.“ 

Es ist immer leicht zu sagen, dass es nicht um das Geld ging. Aber Thomas Rempen spricht heute in der Rückschau auf die 1990er Jahre häufiger über den Begriff der Begeisterung. Sie war wohl der Motor dieses Teams aus motivierten Handwerkern, wagemutigen Bauleitern, einer wohlwollenden Stadtverwaltung und den Architekten rund um Frank O. Gehry. „Die Grenzen des technisch Machbaren sind an dieser Baustelle verschoben worden“, fasst Peter Albrecht, von der bauausführenden und mittlerweile insolventen Philipp Holzmann AG, die Perspektive der Ingenieure zusammen. Gehry sagte später, dass während des Projekts viele tiefe Freundschaften entstanden seien und ohne diese enge Bindung der Bau des Neuen Zollhofs nicht möglich gewesen wäre. 

Dass der Star-Architekt sich überhaupt mit dem Grundstück am Industriehafen beschäftigte, verdankt Düsseldorf vor allem Thomas Rempen. Mit Gehry verband ihn schon seit den 1970ern eine „entfernte Freundschaft“, als der Architekt auf der Weltbühne noch unbekannt war. „Frank O. Gehry, das ist eine dieser Garagengeschichten“, erinnert sich Rempen an seinen ersten Besuch in Kalifornien. Der Düsseldorfer hatte sich damals auf den Weg gemacht, um einen Architekten kennenzulernen, von dessen ersten Bauwerken er Fotos gesehen hatte. In einem sind sich die beiden Männer ähnlich: die Begeisterung für eine Sache ist ihre Motivation. Dahinter muss Vieles zurückstehen. Frank O. Gehry hatte seine ersten Erfolge als Möbelbauer. Doch obwohl seine Produkte sich gut verkauften, schmiss er nach drei Monaten hin. Gehry fühlte sich bedroht und eingeschränkt, er folgte seinem Traum als Architekt zu arbeiten. 

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"Ich wollte das, was gut gedacht, aber schlecht gemacht ist, besser machen"

Thomas Rempen, der sich selbst als „halbklassischen 68er“ bezeichnet, hat früh sein Zuhause in Schwaben verlassen und ein bisschen Kunst studiert. Dann sah er eine VW-Käfer Anzeige, die ihn begeisterte. „VW erklärte damit damals eine dämliche Diskussion unter Autonarren für beendet“, sagt Rempen. Das Motiv: „Links sieht man einen müden Esel, der vor einer Kutsche steht, rechts ein VW Käfer von hinten mit offener Heckklappe. Darunter nur die Frage: Ist das der Grund, warum die meisten Motoren noch vorn sind?“, erzählt Rempen. Diese Anekdote steht am Beginn seiner Karriere. „Ich dachte mir, das ist so super gut, du musst lernen, wie dieses Überzeugungsspiel zwischen Wort und Bild geht“, sagt er. Rempen studiert in Wuppertal, geht zur Agentur DDB nach Düsseldorf und hat Erfolg. Bald gründet er seine eigene Agentur: Werbung, Kommunikation, Design, Digitales. Rempen gefällt der Begriff Gestalter besser. „Ich wollte das, was gut gedacht, aber schlecht gemacht ist, besser machen“, sagt er. Er ist unkonventionell, manchmal derb, hat „keine Krawatte im Schrank“. 

Rempen & Partner wächst und wird eine der am häufigsten ausgezeichneten Agenturen Deutschlands. 1987 verteilen sich die mehr als 100 Mitarbeiter auf vier Gebäude am Rathausufer. Der Agenturchef sucht dringend eine neue Bleibe für seine Crew, doch die lässt sich nicht finden. „Rempen, dann müssen Sie wohl selber bauen“, sagt schließlich Klaus Bungert. Düsseldorfs damaliger Oberbürgermeister ahnt wohl nicht, dass er damit den Grundstein für die Gehry-Bauten legte. Thomas Rempen nimmt den Rat an und verspricht der Stadtverwaltung einen hochrangigen Architektenwettbewerb, wenn er im Gegenzug dazu ein Grundstück aussuchen darf. Er will am Anfang des ehemaligen Industriehafens bauen. Auf dem Grundstück des Alten Zollhofs. „Damals fuhren jeden Morgen zigtausende Leute über die Rheinkniebrücke nach Düsseldorf rein und abends wieder raus“, erzählt Rempen, „ihr erstes Willkommen von Düsseldorf musste ein Landmark werden.“ Der prägende Umbau des Medienhafens, dem heutigen Filetstück von Düsseldorf, hatte damals gerade begonnen. Aus dem schäbigen Hafen wurde langsam eine gute Adresse. Die Pläne für den Bau des Rheinufertunnels standen, der Landtag tagte schon im neuen Plenarsaal und der WDR bezog 1991 sein neues Landesstudio, das Rempen gern als „Sarg der Intendanten“ bezeichnet. 

Im Sommer 1989 erfüllt der Rat der Stadt seinen Wunsch. Plötzlich ist Thomas Rempen Bauherr und Alleininvestor eines Millionenprojekts. Einer, der nicht nur Geld gibt, sondern sich einmischt, in die Entwürfe und in die Umsetzung. Seine Erfahrung mit Bauprojekten sind die eines Familienvaters, der ein altes Fachwerkhaus renoviert hat. Er kann Buddeln, Fachwerk ausbessern, Schweißen, kennt sich mit Beton, Farbe und Fliesen aus. „Da nimmt man schon Einiges mit“, sagt er. 

Die Größe des Projekts hat ihn nicht geschreckt. „Ich bin ein Freund des begeisternden Experiments – warum sollte es nicht gehen?“, erklärt Rempen. Eine vernünftige Idee lasse sich meist auch umsetzen. „Nichts geht ohne den Willen, auch andere für was Neues zu begeistern“, lautet sein Rat an Unternehmensgründer. Finanzielle Risiken habe er manchmal nicht wahrnehmen wollen. „Ich war oft leichtsinnig“, gesteht Rempen ein. Er habe in seinem Leben zweimal bei Null angefangen. Und auch mal eine Neugründung wieder geschlossen. „Das war immer okay. No risk, no fun.“

Als die Planung für den Neuen Zollhof beginnt, scheint alles zu stimmen. Rempens Agentur ist gut im Geschäft. Ihr Chef ist wie ein Nomade weltweit unterwegs, lässt sich von guter Architektur begeistern. Rempen spricht mit namhaften Architekten, fünf dieser Baukünstler nehmen im Dezember 1989 am Wettbewerb für den Zollhof teil. Frank O. Gehry gehört nicht dazu, er ist zu dieser Zeit mit der Konzerthalle in Los Angeles beschäftigt. Von der Stimmung in Düsseldorf schwärmt Rempen noch heute: „Damals herrschte ein tolles kreatives Klima in der Stadt“, erinnert er sich. „Ich empfand das als wunderbar, ein junger rechtsrheinischer bürgerlicher Aufbruch.“ 

Die irakisch-britische Architektin Zaha Hadid gewinnt den Wettbewerb. Ihr Entwurf ist raffiniert, eine Hand mit fünf Fingern, die zum Rhein zeigen. Doch trotzdem rücken am Zollhof keine Kräne an. Alles läuft schief. Die Vertragsverhandlungen erweisen sich als kompliziert. Das Gebäude kann auf dem aufgeschütteten Sandkies, der den Untergrund des Grundstücks bildet, nur sehr teuer gebaut werden. Zudem ist die vermietbare Fläche zu klein, weil in jedem Finger Aufzüge und Treppenhäuser Platz fressen. Alleininvestor Thomas Rempen hatte einen „fast zweistelligen Millionenbetrag“ ausgegeben, besaß eine Baugenehmigung - aber sonst steht er 1993 mit leeren Händen da. Den öffentlichen Spott der Skeptiker und Besserwisser hat Rempen gesammelt: Er füllt drei Aktenordner. 

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"Ich werde das machen, bis ich mausetot bin. Angeln finde ich langweilig"'

 

Rempen ruft in Los Angeles an und hofft auf seine neue Chance: Frank O. Gehry. Rempen lässt die Hosen runter: „Ich habe ein Problem. Ich brauche Dich, Düsseldorf braucht Dich. Wir bitten Dich.“ Der Star-Architekt lässt sich erst überreden und dann während eines Besuchs auf dem Rheinturm überzeugen. „Von dort oben konnte man die Situation des Hafens und die Bedeutung des Gebäudes gut ermessen“, sagt Rempen. Andere, die mit Gehry gebaut haben, berichten, dass er jemand sei, der die Realität akzeptiert. Rempen erklärt ihm die Lage und das nach dem Hadid-Experiment geschrumpfte Budget. Am Ende kostet der Bau weit über 100 Millionen Mark. 

Gehry hatte kein fertiges Konzept in der Schublade. Einmal taucht er mit 600 Klötzchen auf, jedes steht für 500 Quadratmeter, für die kleinste vermietbare Einheit. Zwei Tage bauen Gehry und Rempen damit Häuschen. Wie bei vielen großen Ideen steht auch beim Zollhof der erste Entwurf mit drei verschieden großen, schwingenden Gebäuden nicht auf Papier. Andere nehmen Bierdeckel, Gehry benutzt eine Serviette. „Wir saßen im Restaurant in der Kunsthalle in Basel an den langen Tischen und debattierten über Ideen. Frank hat dann seine Empfindungen auf die Tischdecke gezeichnet, es gab Ärger mit dem Kellner – „das koschtet sächs Fränkli!“. Frank Gehry konterte: „If I sign it, it‘s worth ten thousand dollars“, erinnert sich Rempen. Diese Skizze entspricht Rempens Gefühl vom Neuen Zollhof: Vater, Mutter, Kind – „ein familiäres Ensemble, jedes Gebäude hat seinen eigenen Ausdruck.“ Auch der Faltenwurf als Außenhaut für das mittlere Gebäude entsteht impulsiv: Gehry wirft einen Putzlappen über eine Holzskulptur, die in Grundzügen den späteren Charakter des mittleren Gebäudes zeigt. 

Das alles klingt nach einer Ansammlung von Zufällen, aber der Neue Zollhof ist gleichzeitig ein Garant für Präzision. Gehrys Modell wird eingescannt und als digitales Computermodell weiterbearbeitet. Das Verfahren stammte aus dem Automobil- oder Flugzeugbau, für die Architektur war es damals brandneu. Deshalb ziehen die Macher umher und suchen nach Handwerkern, die digitale Daten verwerten können. Die Begeisterung der Crew überzeugt auch andere. „Die waren alle fasziniert, so etwas Außergewöhnliches mal zu machen“, erinnert sich Rempen an seine Gespräche mit Helfershelfern und Zulieferern. Fast alle Teile des mittleren Gebäudes sind Unikate. Die Beton-Außenhaut besteht aus 355 individuellen Fertigteilen, bis zu sechs Meter hoch und vier Meter breit. Der Beton wird in Handarbeit in einzelne Formen gegossen, die mit Computerunterstützung aus Styroporblöcken gefräst werden. Auf der Baustelle wird wie bei einem Puzzle Teil für Teil montiert. „Der Neue Zollhof ist wahrscheinlich weltweit das erste Gebäude, das vollständig in Freiformflächen aus Beton erstellt wurde“, erläutert Peter Albrecht von der Holzmann AG.

Das forderte auch den Handwerkern Einiges ab. „Eine Fassade mit solchen Rundungen hatten wir vorher noch nie, da half nur pures Handwerk“, sagt Ronny Schmidt, damals verantwortlich für die Edelstahlfassade. Das sei kein Job für jemanden, der damit zufrieden sei, täglich 150 oder 200 Meter Blech zu montieren. „Das sind übrigens die gleichen, die heute vor der Fassade stehen und sagen: Wie schrecklich, ist ja alles verknittert“, sagt Schmidt. Der Schwabe beschreibt ein seltenes Wechselspiel zwischen Gebäude und Passanten. Ob die Gehry-Bauten als lustig, verspielt oder unpassend empfunden werden, das sagt auch etwas über den Betrachter aus. 

Viele Architekturkritiker feierten den Zollhof nach der Eröffnung am 19. Oktober 1999 als Befreiungsschlag. Sie empfanden die neuere deutsche Architektur bis dahin als überwiegend langweilig, weil die Kreativität der Architekten hierzulande von den Bauvorschriften eingeschnürt werde. Strenggenommen dürfte es den Neuen Zollhof nicht geben. Die Erbauer mussten für den Bau mehr als 240 Ausnahmegenehmigungen beantragen. „Mit der nötigen Begeisterung gehen Dinge, die sonst nicht gehen“, schrieb Kurt Schmidt, der damalige Leiter des Planungsamtes in Düsseldorf. 

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Der Streit um (Bau-)Vorschriften hat das Leben von Thomas Rempen ständig begleitet. Als junger Vater gründete er mit Freunden in Wuppertal einen der ersten Kinderläden in NRW. Der Hort wurde vom Ordnungsamt schnell wieder geschlossen - nicht wegen des pädagogischen Konzepts, sondern weil die Waschbecken für die Kinder ein paar Zentimeter zu hoch aufgehängt waren. „Die Sprachlosigkeit der Architekten im Labyrinth der Paragrafen und Verordnungen beschäftigt mich immer noch und immer wieder“, sagt Rempen. Das Baugesetzbuch sei dicker als das BGB und „die Branche duckt sich weg“. Die Flut an Vorschriften verhindere in Deutschland den Bau preiswerter Wohnungen. Deshalb lässt er seine Studenten von der „Münster School of Architecture“ in öffentlichen Veranstaltungen bizarre Passagen aus dem Baugesetzbuch vorlesen. Damit würde er gern mal bei der LitCologne mitmachen.

Der Wunsch nach Veränderung treibt ihn immer noch. Eines seiner Projekte betrifft ihn selbst. Rempen lebt wieder einmal auf einem Bauernhof, in Drensteinfurt, den er ökologisch bewirtschaftet. Für seine Schafzucht wurde er ausgezeichnet. Doch Rempen denkt immer noch in großen Dimensionen. Er will die Region zum Musterländle machen. „Münsterland ist Bioland“, sagt er, „das wäre doch was - das Projekt für eine Modell-Region, eine Chance für den Versuch regionales Bio-Marketing, gesünder Leben, kluge Mobilität, neue Nachhaltigkeit.“ Jungen Unternehmerinnen und Unternehmern rät er, frühzeitig Lichtpunkte zu setzen, damit sie und ihre Idee frühzeitig wahrgenommen werden. Außerdem unterstützt er Bürger-Start-ups, die sich in Stadtplanung einmischen, etwa Konzepte für günstiges Wohnen mit mehreren Generationen, wie in Münster-Mecklenbeck: „Ich glaube, dass alle freien und unternehmerisch und damit kreativ denkenden Leute sich aufgefordert fühlen müssen, als Bürger die verantwortlich handelnden Personen in Verwaltung und Politik immer wieder mit Vorschlägen und Kritik zu konfrontieren – auch wenn es auf den Nerv geht“, sagt Rempen, der nicht an Ruhestand denkt. „Ich werde das machen, bis ich mausetot bin. Hundertprozentig. Angeln finde ich langweilig.“ ●


Text Rainer Kurlemann 

Fotos Marina Weigl

 

Die Gehry-Bauten:  technische Fakten

Fertigstellung: Die Bauzeit betrug 28 Monate. Entstanden sind 28.000 m² Bürofläche.

Fundament: Die gemeinsame Tiefgarage mit 12.500 m² Fläche dient gleichzeitig als
Fundament für die drei Gebäude. Rund 200 Grundbohrpfähle von bis zu 14 Metern Länge nehmen die Traglast auf. 

Fenster: In gewölbten Wänden lassen sich keine Glasscheiben montieren, deshalb gibt es 1531 individuelle rechteckige Fensterboxen.

Fassade: 7.900 m² millimetergenau geschliffener Klinker, 9.600 m² weißer Putz, 4.700 m² individuelle Edelstahlplatten 

Fahrstuhl: Treppenhaus und Aufzugschächte sind fast die einzigen tragenden Elemente, die senkrecht stehen, andere tragende Stützen haben Neigungen von bis zu 28 Grad.

 

Sabrina Schauder