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Neuer Ort Für New Work

Im Dezember 2017 hat L’Oréal ­Deutsch­land seine neue Zentrale auf 
der Johannstraße bezogen. Auch das Arbei­ten an sich hat sich durch den ­Umzug verändert.

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Sofort ins Blickfeld gerät das neue Gebäude links vom Kennedydamm, wenn man von der B8 aus dem Norden kommend nach Düsseldorf hineinfährt. Seine 16 Etagen schließen nicht alle bündig miteinander ab, sind wie tektonische Platten horizontal leicht verschoben. Dadurch bekommt das Kon-­­
strukt eine große Dynamik. Die durchgängigen riesigen Glasfensterfronten erzeugen das Gefühl, durch das schmale Gebäude hindurchschauen zu können, bei gutem Wetter zumindest. Seit Dezember 2017 ist „J1“ – in Anlehnung an die Adresse Johannstraße 1 – der neue Arbeitsplatz der rund 950 Mitarbeiter der L’Oréal Deutschland GmbH am Standort Düsseldorf, nur wenige Hundert Meter entfernt vom alten Hauptsitz auf der Georg-Glock-Straße. Warum ist dieser neue Hingucker entstanden? Und wie hat sich durch die Gestaltung des Gebäudes das Arbeiten für die Mitarbeiter verändert? Georg Held, Projektleiter und einer der L’Oréal-Geschäftsführer, gibt einen Einblick bei einer persönlichen Führung.

Ein besonderes Raumgefühl bekommen Besucher des J1 schon beim Betreten der knapp sieben Meter hohen und lichtdurchfluteten Empfangshalle. Die Wartezeit hier kann man sich auf der langen S-förmigen weißen Sitzgarnitur oder an der Cafébar vertreiben. „Düsseldorf ist ein sehr attraktiver Standort und wir haben uns hier schon immer sehr wohlgefühlt, auch in der Georg-Glock-Straße“, holt Georg Held aus. „Ein stärker vernetztes und agiles Arbeiten, das wir unseren Mitarbeitern ermöglichen wollten, hätten wir am alten Standort aber nicht so umsetzen können“, erklärt er. Mit viel Planung, bei der auch die Vorstellungen der Mitarbeiter abgefragt und einbezogen wurden, entstand so nach 18 Monaten Bauzeit das Gebäude. „Im J1 haben wir drei Themen miteinander verknüpft – Transparenz, Innovation und Nachhaltigkeit“, sagt Georg Held und führt durch die Security-Schranke, die wir nur mit einem Ausweis passieren können.

Mit dem Aufzug geht es in die 14. Etage. Nur wer vor den Fahrstühlen die gewünschte Etage drückt, kommt auch dort an. Denn im Fahrstuhl selbst kann man die Etage nicht mehr auswählen. Durch diese Technik werden die Wartezeiten vor dem Fahrstuhl reduziert. In der 14. Etage angekommen, geht es am Treppenhaus vorbei. „Wir versuchen unsere Mitarbeiter zu motivieren, diese gesündere Variante zu nehmen“, sagt Georg Held lächelnd und zeigt auf die Wand: „Burn calories, not electricity“ steht dort. Auf den einzelnen Stufen kann der Treppenbenutzer seinen Kalorienverbrauch ablesen – geschätzt eine viertel Kalorie pro Stufe verbrennt er dann. Würde er alle Stufen von der ersten in die 
15. Etage nehmen, wären das stolze 80 Kalorien.

Meetings im Stehen sind wesentlich lebhafter

Nun geht es in den Bürobereich dieser Etage. Alle Schreibtische befinden sich akribisch angeordnet am äußeren Rand des Raumes, in der Nähe zu den großen Fensterfronten – mit beeindruckendem Blick auf die Landeshauptstadt. Vereinzelt sitzen Mitarbeiter dort. Eins fällt trotz der Größe des Raumes sofort auf: Es ist überraschend ruhig. „Zur Lärmreduzierung haben wir viele Maßnahmen getroffen. Der Teppich und die Decke schlucken Schall, die Regalwände und sogar die Stühle nehmen auch noch etwas auf. Bei Bedarf kann man auch noch spezielle mobile Installationen aufstellen, die zusätzlich Geräusche drosseln. Das war aber bisher noch nicht nötig“, erklärt Georg Held. Wer über den PC oder das Handy telefonieren will, muss ein Headset benutzen. Festnetz gibt es nicht, Damit das von überall möglich ist, sind alle Mitarbeiter mit iPhones ausgestattet. Auf Effizienz setzt man auch bei der Beleuchtung: Die LED-Lampen regulieren sich abhängig von der Tageszeit und auch abhängig davon, ob ein Mitarbeiter überhaupt an seinem Schreibtisch sitzt – eingebaute Bewegungsmelder machen das möglich.

Zentral auf der Bürofläche liegt eine Zone mit Regalen, Sitzmöglichkeiten und kleineren Räumen, die komplett verglast sind. Die Regale entpuppen sich bei genauerer Betrachtung als Mini-Versionen von J1, ebenfalls mit „Etagen“, die leicht verschoben aufeinanderliegen. Hier haben die Architekten ihre Gestaltungsidee klar erkennbar im Innenbereich aufgegriffen. „In den kleinen transparenten Räumen in der Mittelzone, die wir Thinktanks nennen, können sich unsere Mitarbeiter treffen, um zum Beispiel in kleiner Runde etwas zu besprechen. Eine Buchung ist nicht nötig, ist ein Raum frei, kann er genutzt werden“, erklärt Georg Held. Insgesamt 80 dieser kleineren Konferenzräume gibt es im gesamten Gebäude. Wenn Mitarbeiter mehr als eine Stunde Zeit und auch mehr Platz brauchen, können sie auf einen der größeren zentral buchbaren Besprechungsräume ausweichen. „Wir haben versucht, für jede Tätigkeit den idealen Ort zu schaffen, viele verschiedene Möglichkeiten zum Austausch anzubieten und damit zu einer agilen Arbeitsweise beizutragen. Das Zentrum des Arbeitstages ist also nicht mehr der Schreibtisch“, verdeutlicht der Geschäftsführer. Apropos Schreibtisch: Der sieht bei jedem Mitarbeiter gleich aus – egal ob Praktikant oder Geschäftsführer. Und aufgeräumt sein soll er an jedem Abend – „Clean desk“ heißt das Motto. „Rein funktional ist jede Büroetage gleich ausgestattet, nur beim Design haben wir ein wenig Abwechslung geschaffen“, so Georg Held.

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„Das Zentrum des Arbeitstages ist nicht mehr der Schreibtisch“

Am alten Standort auf der Georg-Glock-Straße haben die L’Oréal-Mitarbeiter vorwiegend in Büros für ein bis vier Personen gearbeitet. Dort wurde häufig auch ein Snack gegessen, kleinere Meetings wurden abgehalten und Dinge „gehortet“. „Das wollten wir ändern, durch eine offene Gestaltung der Büroetagen, die viel Raum für Flexibilität bieten.“ Auf dem Weg zu den Besprechungsräumen liegt ein kleiner Raum, in dem Kopierer, Zentraldrucker, eine Bindemaschine und weitere Überbleibsel aus einer analogen Zeit untergebracht sind. „Zu unserem Nachhaltigkeitsansatz gehört auch, dass wir Papier vermeiden wollen. Dieser Raum hier ist also für Ausnahmen gedacht“, erklärt Held. Das Ziel ist, möglichst gar nichts mehr ausdrucken zu müssen, sondern rein digital zu arbeiten. Das zeigt sich unter anderem daran, dass die Thinktanks alle mit Monitoren ausgestattet sind, die schnell und einfach mit den Mitarbeiter-Laptops verbunden werden können. Zudem ist an jedem Ort WLAN verfügbar.

In dem großen Besprechungsraum steht ein höhenverstellbarer Tisch, in dem eine Menge Technik eingebaut ist. „Meetings werden hier sehr gerne im 
Stehen abgehalten, was wesentlich lebhafter ist“, 
erklärt Held. Eine spürbare Veränderung seit dem Umzug bemerkt der Geschäftsführer jetzt schon: Es gibt insgesamt viel weniger Meetings als im alten Gebäude. „Vieles muss nicht mehr extra in einem Termin besprochen oder geplant werden, weil man sich untereinander einfach häufiger sieht und austauscht als vorher“, so Held.

Ein passender Ort zum Austausch kann zum Beispiel auch einer der offenen „Coffee Points“ sein, die sich auf jeder Etage befinden. Dorthin geht es jetzt. Georg Held betätigt den Wasserhahn der Spüle und demonstriert Erstaunliches: Zunächst sprudelt normales Leitungswasser, dann, nach neuer Einstellung kohlensäurehaltiges Wasser und schließlich, an dem benachbarten Hahn, kochendes Wasser für Tee heraus. Abfüllen können sich die Mitarbeiter das kalte Wasser ausschließlich mit den bereitgestellten Glasflaschen. „Jährlich sparen wir dadurch rund 40.000 PET-Flaschen ein“, veranschaulicht der Geschäftsführer. Genau wie vom kostenlosen Tee und Kaffee kann sich davon jeder so viel nehmen, wie er möchte.

Weiter geht die Führung über das kalorienzählende Treppenhaus ins Erdgeschoss. Nach einem kurzen Einblick in die Schulungsräume für Mitarbeiter und Externe noch ein kurzer Abstecher in die Kantine, die von ihrer Ausstattung und Atmosphäre her eigentlich die Bezeichnung Restaurant verdient und von den Mitarbeitern den Namen „Zum hungrigen Johann“ bekommen hat. „Die Maschinen in der Restaurantküche sind sehr leistungsstark. Dadurch können wir Lebensmittel in sehr kurzer Zeit zubereiten, Überproduktion vermeiden und Energie sparen“, erklärt Georg Held. Moderne Displays an der Decke zeigen das Essensangebot, das vornehmlich aus der Region stammt. Aus vier recht unterschiedlichen Menüs kann gewählt werden, außerdem gibt es eine Salatbar und einen Bereich, in dem sich die Gäste ihr mitgebrachtes Essen selbst in Mikrowellengeräten erhitzen können. „Wir geben hier die doppelte Anzahl an Essen aus wie in der alten Kantine“, berichtet Held stolz. Trotz der großen Menschenmenge ist es auch hier wieder auffällig ruhig: Schallschutzelemente in der Decke sorgen unter anderem dafür.

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„Wir geben hier die doppelte Anzahl an Essen aus wie in der alten Kantine“

Ganz besonders ruhig wird es dann auch am Ende der Führung, in der sogenannten „Silent Area“ mit vielen gemütlichen Sitz- und Liegemöbeln. Hier können sich Mitarbeiter zurückziehen, wenn sie einmal totale Ruhe haben oder vielleicht einen Quick Nap machen wollen. Georg Held ist jedenfalls rundum zufrieden, wie das neue Gebäude bei den Mitarbeitern bisher ankommt. „So was ist auch nur möglich, wenn man die Teams bei diesem Transformationsprozess von vornherein einbindet, Sorgen ernst nimmt und regelmäßig informiert. Das haben wir gemacht, zum Beispiel mit Umfragen, Führungen vorab und einer Musterfläche.“

Wenn ein bestimmtes Angebot in Zukunft doch nicht so gut funktioniert wie geplant, könne man natürlich noch nachjustieren. Unser ausführlicher Rundgang in der „New-Work“-Welt von L’Oréal Deutschland kommt zu einem Ende, denn Georg Held muss in einen weiteren Termin in der siebten Etage – für dieses Ziel nimmt er nun definitiv die Treppen. ●


Text: Tom Corrinth