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Weniger Verkehr, mehr Lebensqualität

Nicht erst seit einem drohenden Dieselfahrverbot wird in 
Düsseldorf über smarte Verkehrslösungen nachgedacht. 
Die Düsseldorfer ABC Logistik versucht, insbesondere die 
Innenstadt von Lkw-Fahrten zu befreien.

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Wer werktags morgens auf der A52 nach Düsseldorf fährt, steht meistens im Stau. Das wird nicht besser, je mehr man sich dem Stadtkern nähert. Mehr als 630.000 Menschen sind in Düsseldorf täglich durchschnittlich viermal unterwegs, rund 300.000 Menschen kommen jeden Tag in die Stadt, sogar 75 Prozent mit dem Auto. Tendenz steigend. Dabei könnte es ja auch ganz anders sein: Mehr Carsharing, intelligent aufeinander abgestimmte öffentliche Verkehrsmittel und einfache Möglichkeiten, auch auf Fahrräder oder E-Roller umzusteigen. Auch in Düsseldorf ist man seit einigen Jahren redlich bemüht, eine sogenannte „Smart City“ zu werden.

Smart City ist ein Sammelbegriff und steht für Konzepte, die Städte effizienter, technologisch fortschrittlicher, grüner und sogar sozial inklusiver machen sollen. Das klingt schön, einfach ist es aber nicht. Denn wenn verschiedene Abläufe in der Stadt – auch in Sachen Mobilität – einfacher gestaltet werden sollen, müssen unterschiedliche Unternehmen zusammenarbeiten. Und die tun sich oft schwer mit Kooperationen untereinander.

Um diese Themen voranzutreiben, hat die Stadt Düsseldorf Martin Giehl als Projektleiter Smart City eingesetzt. Giehl ist Prokurist bei den Stadtwerken und zuständig für die Entwicklung neuer Produkte und Geschäftsmodelle. Bei ihm laufen die Fäden zusammen, wenn es um firmenübergreifende Projekte geht. „Das Gut Lebensraum Stadt ist ein hohes Gut“, begründet Giehl seine Motivation. Eines der wohl spannendsten Projekte, mit denen sich Giehl derzeit beschäftigt, ist die Errichtung sogenannter Mobilitätsstationen (VIVID 1/2018). Ein Konsortium aus Stadtwerken, Rheinbahn und Stadt arbeitet gerade daran, drei dieser Stationen in den nächsten zwölf Monaten an den Start zu bringen. Mögliche Standorte liegen am Bilker Bahnhof, an der Kölner Straße, Ecke Moskauer Straße und eine dritte an der Mühlenstraße in der Altstadt. Das Ziel: Alles, was an Mobilität benötigt werden könnte, muss dort verfügbar sein. Öffentliche Verkehrsmittel wie S-Bahn, U-Bahnen und Straßenbahnen, Parkplätze, aber auch Angebote wie Bike- und Carsharing – mit der notwendigen Ladeinfrastruktur. „Die Herausforderung ist, dieses Angebot gleichzeitig lokal, physikalisch und digital zu denken und umzusetzen“, sagt Martin Giehl. Das bedeutet: Mithilfe einer App sollen die Düsseldorfer möglichst barrierefrei ihre Fahrt von A nach B planen können – von der S-Bahn hinein in ein Auto und umgekehrt. „Ich kann das Auto über diese App reservieren, mein Bahnticket buchen und das kombiniert mit lokalen Informationen“, wünscht sich Giehl. Dabei sei es vor allem wichtig, dass die Ökosysteme zusammenwachsen.

Das Gut Lebensraum 
Stadt ist ein hohes Gut.

Neben den Pendlern sorgt auch der Lieferverkehr für verstopfte Straßen. Laut einer Studie der Beratungsgesellschaft McKinsey finden in Düsseldorf täglich 120.000 Lkw-Fahrten statt – rund die Hälfte hat ein oder mehrere Ziele, Konsumgüter des Alltags und Sammelgüter machen gut ein Drittel aus – also 40.000 Lkw. Die Lösung: sogenannte Microhubs, smarte Umschlagplätze. Von diesen Plätzen sollen Pakete ihrem Zielort entsprechend umverteilt werden. Anschließend sollen sie optimal sortiert zu den jeweiligen Häusern geliefert werden – im Idealfall in elektrisch angetriebenen Fahrzeugen. „Wir sind in konkreten Überlegungen, aber die ­Logistikbranche tut sich mit unternehmensneutralen Lösungen noch schwer“, kommentiert Giehl. Er glaubt, dass ein solches Modell ohne regulatorische Vorgaben wohl nicht funktionieren werde. Beispiel: London. Bereits seit 2003 gibt es dort die „London Congestion Charge“, eine Innenstadtmaut. Wer in der Mautzone mit Pkw oder Lkw unterwegs sein will, zahlt 11,50 Pfund pro Tag. Seit der Einführung habe sich der Verkehr um rund ein Drittel reduziert.

Ein weiteres Konzept, um insbesondere den Lieferverkehr in Düsseldorf zu reduzieren, ging Anfang des Jahres offiziell an den Start. Der Name: incharge. Die Köpfe dahinter: Holger und Michael te Heesen. Vater und Sohn führen ABC Logistik, ein Logistikunternehmen mit 21-jähriger Historie in Düsseldorf. 60 Fahrzeuge im Fuhrpark, 260 Mitarbeiter. Doch anstatt sich auf das klassische Speditionsgeschäft zu konzentrieren, haben sie sich vorgenommen, die Zahl der Lkw, die tagtäglich mehrfach in der verkehrstechnisch beanspruchten Innenstadt unterwegs sind, zu reduzieren. Das Grundkonzept: weniger Verkehr durch eine Bündelung von Fahrten. Davon gibt es in Düsseldorf einige Möglichkeiten – laut McKinsey-Studie sind 10.000 dieser Lkw-Fahrten bündelfähig. „Wir haben mit incharge das Potenzial, rund 2.000 Lkw-Fahrten in die Düsseldorfer Innenstadt zu vermeiden“, erklärt Michael te Heesen.

Ein Kunde der ersten Stunde ist Foto Koch. „Wir bekamen am Tag fünf bis acht Lieferungen von verschiedensten Speditionen und Logistikdienstleistern wie DHL, UPS oder anderen“, erklärt Thomas Görner, Geschäftsführer von Foto Koch. Mit incharge ist daraus eine Lieferung pro Tag geworden mit einem einfachen Mittel: Die Lieferadresse ist nicht mehr die Schadowstraße, sondern das Lager von ABC Logistik im Medienhafen. Seitdem werden nun alle Bestellungen über den Tag hinweg dort angenommen und als Wareneingang verbucht. Jeden Morgen um halb neun bringt ein Lkw dann eine Lieferung mit der angeforderten Ware in die Schadowstraße und nimmt den Verpackungsmüll vom Vortag auch gleich wieder mit. „Für uns bedeutet das auch eine Zeitersparnis von rund 30 Arbeitsstunden im Monat“, so Görner. Neben den wirtschaftlichen Gründen sieht Görner zwei weitere Argumente: das Thema Nachhaltigkeit und die Hoffnung, mit neuen Konzepten der Innenstadtlogistik ein Dieselfahrverbot in der City zu verhindern. Grund: Viele Einzelhändler fürchten, dass dann weniger Menschen in die Läden kommen könnten.

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Unser Ziel ist es, möglichst bald eine vierstellige Zahl von Lkw-Fahrten in die Düsseldorfer 
Innenstadt einzusparen.

Mittlerweile gehören 50 Unternehmen zum Kundenkreis von incharge – darunter Familienunternehmen wie Franzen oder der Weinhändler Concept Riesling. Hier kommt ein weiterer Service ins Spiel: Der Weinhändler hat am Carlsplatz wenig Stauraum – incharge fungiert im Medienhafen auch als Zwischenlager, sodass Concept Riesling Preisvorteile durch große Bestellungen beim Winzer erzielen kann. Nur das, was wirklich im Laden benötigt wird, wird an den Carlsplatz geliefert. „Alles, was geht, liefern wir elektrisch“, so te Heesen. Und mittlerweile auf Wunsch auch am selben Tag.

Ein weiteres Betätigungsfeld sieht Michael te Heesen bei Großunternehmen, deren Mitarbeiter sich ihre privaten Pakete an den Arbeitsplatz schicken lassen. Die Idee: Die Pakete werden von incharge in eine Packstation direkt im Unternehmen geliefert – die Mitarbeiter erhalten einen Code, öffnen ihr Fach und nehmen ihr Paket mit nach Hause.

Eine erste Bilanz fällt gemischt aus: „Jede Ware, die wir nach Düsseldorf bringen, legt 60 Prozent weniger Strecke zurück“, so te Heesen. Ein ordentliches Ergebnis, doch hätte sich der Logistikspezialist die Akquise neuer Kunden einfacher vorgestellt. „Firmen, die mit uns arbeiten, sind sehr zufrieden“, sagt er. Aber die Firmen vom Ausprobieren zu überzeugen, sei schwer. Dennoch ist er optimistisch: „Alle Unternehmen haben die Herausforderung: wenig Platz und viele Wareneingänge, die immer fragmentierter ankommen.“

Auch an weiteren Services für die bestehenden Kunden wird gearbeitet. So könnte Foto Koch schon bald nachts seine Lieferungen direkt ins Geschäft geliefert bekommen, die gesamte Logistik soll möglichst bald über eine Onlineplattform abgewickelt werden und die Bestellung für elektrisch betriebene Lkw ist bei Mitsubishi auch schon platziert, um die Abgase in der Innenstadt weiter zu reduzieren.

Es wundert nicht, dass sich die te Heesens mit incharge beim Bundeswettbewerb „Nachhaltige Urbane Logistik“ beworben haben. ●

www.abc-logistik.com
www.incharge.city