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Visionäre Viktualien

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Essen ist heutzutage mehr als die Aufnahme von Nahrungsmitteln. Getrieben durch Digitalisierung und Globalisierung erfindet der Handel neue Food-Lösungen und Vertriebswege. Die METRO hat hierzu umfangreiche Programme entwickelt – und setzt dabei vor allem auf Start-ups.

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wurde eine Kartoffel in Deutschland noch als „Sättigungsbeilage“ bezeichnet. Ein gutes Beispiel dafür, worin viele Deutsche damals den Sinn von Ernährung sahen beziehungsweise sehen mussten. Diese Perspektive hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend verschoben. Heute bedeutet Essen hierzulande weitaus mehr als „satt werden“. Viele Menschen legen zum Beispiel Wert auf besonders frische und gesunde Lebensmittel, Ernährung ist auch eine Frage der Identität geworden. Zudem müssen für die geschätzt neun Milliarden Erdbewohner im Jahr 2050 dringend alternative Proteinquellen auf den Tisch, damit Massentierhaltung und Co. nicht noch mehr Platz auf unserem Planeten einnehmen. Gleichzeitig verändern Digitalisierung und Globalisierung die Art und Weise, wie wir Nahrung einkaufen. Im Handel ist also Handeln gefragt.

Der Düsseldorfer Handelsriese METRO hat sich in den vergangenen Jahren besonders intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt. Seine Aufspaltung in den Lebensmittelkonzern METRO AG und den Elektronikkonzern Ceconomy AG im Sommer 2017 unterstreicht bereits formal, dass man sich noch mehr auf die jeweiligen Kerngeschäfte konzentrieren will. Vier Teilbereiche mit einem Jahresumsatz von insgesamt 37 Milliarden Euro firmieren seitdem unter dem Dach der METRO AG: Metro Cash & Carry, Real, ein Portfolio aus Belieferungsunternehmen und die Digitalsparte HOSPITALITY.digital. Mehrere Millionen Euro jährlich investiert der Konzern, um neue Antworten auf die genannten Herausforderungen zu finden – vor allem durch die Förderung von Start-ups.

Geburtshelfer für innovative digitale Lösungen

Eines dieser Förderprogramme ist der 2015 ins Leben gerufene METRO Accelerator. Er soll innovative digitale Tools hervorbringen für zwei verschiedene Kundengruppen: auf der einen Seite HoReCa (Hotels, Restaurants, Catering), auf der anderen Seite Retail (vor allem kleine Supermärkte und Kioske). „Wir wollen digitale Lösungen demokratisieren – also allen unabhängigen Gastronomen und Hoteliers den Zugang zu diesen Lösungen ermöglichen, indem wir sie erschwinglicher machen“, sagt Sylvia Dudek, Programmdirektorin für den METRO Accelerator. „Denn im Vergleich mit größeren Wettbewerbern herrscht häufig noch großer Nachholbedarf, was den Digitalisierungsgrad und damit auch die Wettbewerbsfähigkeit angeht.“

Neben eigenen Lösungen wie zum Beispiel kostenlosen Tools zur Erstellung einer Homepage, die die METRO ihren Kunden anbietet, sollen über das Programm auch innovative Ideen von außen kommen. Dafür können sich Gründerteams jährlich mit ihren digitalen Lösungen bewerben. In jeder Runde wählt der Konzern bis zu zehn Start-ups aus, die über drei Monate hinweg von Mentoren begleitet werden und eine Finanzspritze von jeweils bis zu 120.000 Euro zur Weiterentwicklung ihrer Lösung erhalten. Abschließend können sie ihr Business vor rund 300 Experten beim sogenannten Demo Day präsentieren. Mittlerweile rund 50 Start-ups aus der ganzen Welt wurden bis zum jetzigen Zeitpunkt durch das Accelerator-Programm unterstützt – auch aus der Region: das Start-up fragPaul aus Köln zum Beispiel. Dahinter steckt ein digitaler Assistent, der kleinere Gastronomiebetriebe beim Personalmanagement unterstützt, etwa in Form von Zeiterfassung, Lohnabrechnung und Kapazitätenplanung. FragPaul wird unterdessen deutschlandweit vertrieben. Seitens der METRO verspricht man sich vom Förderprogramm einiges: „Millionen von unabhängigen Unternehmern machen durch ihr leidenschaftliches Engagement unsere Städte lebendiger, sorgen für Vielfalt. Mit unseren digitalen Lösungen können wir unsere Kunden unterstützen. Dabei entscheiden sie, was relevant ist. Und wenn wir unsere Kunden stärken, stärken wir letztendlich auch uns“, erklärt Sylvia Dudek.

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Insekten-Nudeln in Testregalen

2017 initiierte die METRO ein weiteres umfassendes Programm, allerdings mit einem völlig anderen Schwerpunkt: einen sogenannten Hub für neue Lebensmittel. „Wie funktionieren neue Food-Lösungen? Wie werden sie von den Kunden angenommen? Und wie können wir das an unsere Partner zurückspielen? Das sind Fragen, mit denen wir uns zum Beispiel bei NX-FOOD beschäftigen“, erklärt Fabio Ziemßen, Director Food Innovation bei der METRO und Leiter des Programms. Sein Team untersucht dafür Food-Lösungen sowohl auf Prozess- als auch auf Produktebene. Zu diesen Prozessen zählen etwa Vertical-Farming-Anlagen, Lösungen für weniger Lebensmittelverschwendung oder 3D-Drucker für Nahrungsmittel. Auf Produktebene wird unterschieden zwischen „NX-Food“, also völlig neuen Produkten wie zum Beispiel Insekten-Nudeln, und „New Food“, das sind bekannte Lebensmittel, die eine neue Positionierung bekommen – Popcorn, das wie Chips schmeckt, zum Beispiel. Der Arbeit mit Start-ups kommt dabei eine ganz besondere Rolle zu: „Start-ups können häufig schneller und flexibler ein Produkt entwickeln als große Konzerne. Auf der anderen Seite fehlt es dort aber manchmal noch an Koordination und vor allem an guten Vertriebskanälen. Diese unterschiedlichen Erwartungen versuchen wir zu managen, um eine Win-win-Situation zu schaffen“, so Fabio Ziemßen. Gründer mit interessanten Produktideen können sich bei NX-FOOD bewerben. Die Jury, bestehend unter anderem aus Vertretern der involvierten METRO-Abteilungen, wählt vier überzeugende Bewerber aus. Die dürfen ihre Produkte in vier METRO Cash & Carry- und vier Real-Märkten deutschlandweit, unter anderem in der Düsseldorfer Schlüterstraße, für drei Monate in einem Regal testen. Je nach Erfolg besteht dann die Möglichkeit, gelistet zu werden und auch in anderen Märkten präsent zu sein.

Ein Düsseldorfer Start-up, das es ins Testregal geschafft hat, ist raccoon. Die beiden Gründer, Jessica und Matthias Ludwig, haben eine besonders proteinreiche Schokolade ohne raffinierten Zucker entwickelt, die sich auch für Sportler und Ernährungsbewusste eignen soll. „Aufmerksam wurden wir auf das METRO-Programm auf einer Food-Veranstaltung im Rahmen der Düsseldorfer Startup-Woche“, erklärt Matthias Ludwig. Besonders wichtig war den beiden Jungunternehmern zu sehen, wie Kunden auf ihr Produkt konkret reagieren und Feedback von den METRO-Spezialisten zu bekommen, welche Details noch verbessert werden können. Derzeit wird raccoon noch in drei weiteren METRO-Stores in Österreich getestet.

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Food Community: Vernetzen im Zeichen der Ernährung

Fabio Ziemßen und sein Team sind auch in Düsseldorf recht umtriebig, um das Thema Food voranzutreiben. Im Coworking-Space Super7000 etwa arbeiten sie mit dem Software-Unternehmen Schmiede.ONE zum Thema Vertical Farming zusammen. Rund alle zwei Monate finden zudem Innovation- in-Retail-Meetups auf dem Metro-Campus in Düsseldorf statt. Dort stellen Gründer ihre Ideen vor, um sie mit anderen Gründern, Start-up-Experten und Metro-Vertretern zu diskutieren. Inzischen sei die Community in Düsseldorf auf mehr als 1.500 Menschen angewachsen, so Ziemßen. Und natürlich ist man – wie das Beispiel raccoon zeigt – bei der Startup-Woche in Düsseldorf sehr aktiv. Schnittstellen zwischen dem NX-FOOD-Programm und dem METRO Accelerator bestehen über das große Experten-Netzwerk, das die METRO zum Thema aufgebaut hat. Es besteht unter anderem aus erfolgreichen Gründern, Investoren und Branchenexperten, die sich auch als Mentoren für die Neugründer anbieten. Wie sich der deutsche Verbraucher im Jahr 2030 wohl verhalten wird? Fabio Ziemßen: „Der Trend, dass sich Menschen proaktiv mit Lebensmitteln auseinandersetzen, wird weiter zunehmen. Es wird noch mehr um Selbstverwirklichung gehen. Das führt dazu, dass der Kunde noch mehr Informationen über Lebensmittel sammeln wird. Man kauft noch mehr aus Vertrauen und nach Geschmack.“ ●

Sabrina Schauder