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Albert Eickhoff: Der Mann, der Versace entdeckte

„Gute Geschäfte leben nur vordergründig vom Austausch Geld gegen Ware.“ Dieser Satz von Albert Eickhoff anlässlich des Jubiläums 50 Jahre Eickhoff sagt viel aus über einen Mann, der die Mode der Welt nach Düsseldorf brachte und die Reichen und Prominenten in die Stadt lockte. Eickhoff trägt einen großen Anteil an der Anziehungskraft der Königsallee. 

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Das Ehepaar Albert und Brigitte Eickhoff startete in der Provinz. Trotzdem setzen die beiden vom ersten Tag an konsequent auf besondere Kollektionen. Dabei ist Albert Eickhoff gerade erst 25 Jahre jung, als er den kleinen Modesalon in Lippstadt eröffnet. Seine Frau Brigitte hat gerade den 21. Geburtstag gefeiert. Der Mut des Paares wird belohnt. Das Geschäft entwickelt sich nach dem Start 1961 schnell zum Magneten für Prominente und für die Damen der Gesellschaft. Die Frauen reisten in die Provinz, um sich dort mit Mode einzudecken. 

Der Erfolg der Eickhoffs liegt wohl in der außergewöhnlich guten Fähigkeit, den Geschmack ihrer Kundinnen zu treffen. „Mein Vater hatte von jung an ein sehr, sehr gutes Gespür für Mode“, erzählt Susanne Asbrand-Eickhoff, „so etwas kann man nicht lernen, das ist Intuition.“ Der so gelobte Kaufmann formuliert seine Strategie viel einfacher: „Ich habe immer nach dem Ausgefallensten und Schönsten gesucht“, sagt er. Albert Eickhoff erkennt Talente, wie das von Gianni Versace. Die erste eigene Fashion-Show des späteren Star-Designers fand nicht etwa in Paris oder Mailand statt, sondern im Januar 1978 auf Einladung von Eickhoff im Stadttheater von Lippstadt. Eickhoffs Erfolg ist die Kombination seines guten Geschmacks mit Hartnäckigkeit und Disziplin. Versace entdeckt er in Florenz bei einem seiner Streifzüge durch die Hotels, in denen damals neue Designer ihre Ideen zeigten, während viele Berufskollegen am Ende einer Messe bereits die Schönheiten Italiens genossen. Eickhoff suchte weiter nach dem Besonderen – und fand Versace. 

Ich habe immer nach dem Ausgefallensten und Schönsten gesucht.

Dass die Familie im Januar 1981 das neue Geschäft in Düsseldorf eröffnet und nicht in Köln, Hamburg oder München, ist einem glücklichen Zufall zu verdanken. „Wir bekamen über einen Freund das Angebot, es wird ein Geschäft auf der Kö frei“, erzählt Susanne Asbrand-Eickhoff. „Düsseldorf war damals – und ist es heute noch – ein wahnsinnig umkämpfter Platz“, berichtet Stefan Asbrand-Eickhoff. „Denn hier wird nicht nur viel Geld verdient, sondern auch viel Geld ausgegeben“, ergänzt er.

Auf der Königsallee erwartet das Ehepaar eine stärkere Konkurrenz. Trotzdem setzt sich der Erfolg des Familienunternehmens am Rhein fort. „In Lippstadt hatten wir für unsere Kundinnen komplette Kombinationen vorbereitet: sportliche und extravagante Outfits, Businessmode, Cocktail- und Abendkleider“, erinnert sich Susanne Asbrand-Eickhoff. Die Kundinnen konnten sich an einem Tag für alle Lebenslagen einkleiden. „Das brachten wir mit nach Düsseldorf, das kannte man hier nicht: ein Konzept für eine Kundin zusammenstellen“, sagt sie. 

Mode ist in unserem Haus wie ein Wettrennen, da können nur die Besten mithalten.

Die Eickhoffs setzen ihren eigenen Rhythmus für die Präsentation der Kollektion für die nächste Jahreszeit. Wem das Geld für den Einkauf fehlt, der darf sich an den außergewöhnlich komponierten Schaufenstern der Boutique erfreuen, die sogar als Tipp im Reiseführer genannt werden. „Wir haben immer viel Geld und Aufwand in die Schaufenster investiert, denn sie sollten das, was die Königsallee verkörpert, auch nach außen zeigen“, erklärt Susanne Asbrand-Eickhoff.

Die Eickhoffs bringen spätere Luxusmarken wie Gucci, Prada, Armani, Cavalli und Michael Kors als Erste nach Deutschland – und zwar in ihr Haus an der Kö. Sie reaktivieren Dior für den deutschen Markt. Diese Aufzählung lässt sich beliebig fortsetzen. In den besten Zeiten führt das Geschäft mehr als 120 Luxusmarken. Für ihn komme aber nicht jedes Label infrage, erklärt Albert Eickhoff in einem Interview mit dem Magazin Textilwirtschaft: „Wir sind keine Markensammler. Mode ist in unserem Haus wie ein Wettrennen, da können nur die Besten mithalten.“ 

Auch das Thema Kundenbindung hat der Modehändler bereits früh im Blick. Die Mitarbeiter stehen in direktem Kontakt mit ihren Kundinnen und informieren diese über neue Trendteile. Eickhoff lässt für seine Kunden eigene Fashion-Journale auf internationalem Niveau produzieren, organisiert anspruchsvolle Events und hochkarätige Modenschauen. Die Familie inszeniert sich als einer der ersten Einzelhändler in Deutschland als eine eigene Marke.

Entscheidungsfreiheit war uns immer sehr wichtig.

„Eickhoff war immer ein Trendsetter und für die Branche ein Gradmesser dessen, was modemäßig geht“, sagt Stefan Asbrand-Eickhoff. Albert Eickhoff hat alle Superlative über sich gelesen. Er sei ein „Magier der Mode“, der „Tempomacher der Branche“, ein „Frauenflüsterer“, „Mister Goldfinger“, das „Gesicht der Kö“. Er habe einen „Logenplatz auf dem Olymp der Modebranche“.  

Doch dann ist plötzlich Schluss. Im November 2013 schließt die Familie nach 32 Jahren ihr inzwischen eigenes Haus auf der Kö, obwohl Umsatz und Gewinn stimmen. In den Geschäftsräumen residiert heute das Modehaus Dior.

Die Gründe für das Aus sind vielseitig. Einer davon ist, dass der Pionier der Modebranche langsam die geschäftliche Freude am Kauf von Mode verlor. „Die Auflagen und Restriktionen bei der Belieferung durch die Markenfirmen wurden immer größer“, berichtet Susanne Asbrand-Eickhoff. „Für uns war die Entscheidungsfreiheit als Unternehmer immer sehr wichtig, aber wir haben bemerkt, dass das nur noch bedingt durchsetzbar war“, ergänzt ihr Ehemann. Teilweise wollten die Firmen sogar vorschreiben, was und in welcher Stückzahl die Eickhoffs – und andere Einzelhändler auch – bestellen sollten.

Zudem hat sich auch die Kö verändert. Die Beobachtung, dass viele mittelständische Unternehmen ihre Läden geschlossen haben, ist für Asbrand-Eickhoff ein „Zeichen unserer Zeit, ein ganz natürlicher wirtschaftlicher Veränderungsprozess“. Als Albert Eickhoff sein Geschäft eröffnete, prägten Teppichgeschäfte, Antiquitätenläden sowie Fachgeschäfte für Pelze und Taschen die Düsseldorfer Prachtstraße. Heute machen Ketten wie H&M oder Zara die Kö auch für ein jüngeres Publikum attraktiv. „Was auf der Kö passiert, passiert so auf der ganzen Welt“, erklärt Stefan Asbrand-Eickhoff. Eine prägende Rolle spielt die wachsende Zahl der Monostores der großen Marken, die den lokalen Einzelhandel kaum noch beliefern, obwohl sie einst vom mittelständischen Facheinzelhandel dieser Läden aufgebaut wurden. Auch die Familie Eickhoff machte diese Erfahrung. 

Die Branche hat sich radikal verändert. Viele hochkarätige Marken machen nach Branchenangaben mit der Konfektion nur noch maximal ein Viertel ihres Umsatzes. Die Mode ist der Türöffner für den Verkauf von Taschen, Gürteln, Sonnenbrillen, Parfums und Kosmetika. Auch das Kundenverhalten ändert sich: Im Jahr 2017 macht der Onlinehandel im Bereich Textilien und Accessoires in Deutschland 15,7 Milliarden Euro Umsatz. „Dieses Geld fehlt allen Innenstädten dieser Republik“, sagt Asbrand-Eickhoff, „und dabei sprechen wir nur von dem Verlust im stationären Modehandel.

Die KÖ ist ein Sehnsuchtsort.

„Die Königsallee wird trotz aller Veränderung immer ein Statement für Luxus, für Stil und für Anspruch bleiben“, sagt Asbrand-Eickhoff. Die Stadt müsse sich mehr um diesen Anziehungspunkt für Lifestyle und modeaffine Besucher kümmern. „Die Kö ist mit ihrer Ansammlung der großen Marken für viele Menschen ein Sehnsuchtsort“, ergänzt er. 

Und Düsseldorf bleibt nach Ansicht der Eickhoffs ein bedeutender Modestandort für Deutschland. Obwohl seit 2007 die Fashion Week die Vertreter der Branche nach Berlin lockt. „Berlin ist eine experimentelle Stadt, das kulturelle Potenzial und die Aufbruchstimmung waren und sind dort so groß, dass man einfach dorthin wollte“, kommentiert Asbrand-Eickhoff diese Entwicklung. Für viele Firmen sei der Auftritt dort eine Prestigefrage. Die Fashion Week habe einen anderen Charakter als die hiesigen Messen und Showrooms. „In Düsseldorf werden die Geschäfte abgeschlossen, viel mehr als in Berlin“, berichtet Asbrand-Eickhoff. „Und Modeimpulse sind von Berlin bisher nicht ausgegangen“, ergänzt er. •


Text: Rainer Kurlemann

Fotos: Familie Eickhoff

Kronleuchter und Marmor kann jeder
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Der Breidenbacher Hof prägt seit 200 Jahren die Geschichte Düsseldorfs. In diesem Sommer feiert das Luxushotel sein Zehnjähriges nach der Wiedereröffnung. Das Interieur hat sich verändert, der Anspruch nicht.

Wilhelm Breidenbach hat keinen eigenen Wikipedia-Eintrag. Da- bei ist er ein bekannter Mann. Viele Prominente und reiche Menschen kennen den Düsseldorfer Gaststättenbetreiber. Breidenbachs Name ist weltweit eine Visitenkarte für Düsseldorf. Sein Verdienst: Der Altstadtwirt ersteigerte 1806 am Rande der Stadt ein Grundstück, auf dem er ein Hotel für Reiche und Mächtige errichtete. Damals eine verrückte Aktion, denn die Idee des Grandhotels war gerade erst in London geboren worden. Der Visionär kämpfte Jahr- zehnte für seinen Erfolg. Erst 1840, als die Rheinschifffahrt boomte und die Eisenbahn nach Düsseldorf kam, füllte sich auch das Gästebuch des Luxushotels mit prominenten Namen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Wilhelm Breidenbach das Hotel schon verkauft – doch sein Name blieb.

„Dieses Hotel – an diesem spezifischen Platz – hat in diesen zwei Jahrhunderten zahlreiche Höhen und Tiefen erlebt“, sagt Cyrus Heydarian. Der 47-Jährige führt seit zehn Jahren den Breidenbacher Hof als General Manager. „Der Blick auf die Historie zeigt, dass hier viele Visionäre am Werk waren“, ergänzt er. Nun könnte Heydarian die Anekdoten erzählen, die mit den ruhm- reichen Zeiten des Breidenbacher Hofs verknüpft sind. Dass Udo Lindenberg hier als Liftboy arbeitete, dass der russische Zar Alexander II., König Juan Carlos von Spanien, andere Adelige und prominente Wirtschaftsführer im Hotel nächtigten oder dass internationale Stars hier ihre Filmpremieren feierten.

Über Erfolg wird gern gesprochen. Doch die Geschichten über Probleme sind manchmal interessanter. Denn der Breidenbacher Hof stand mehrmals vor dem Aus. In der Bombennacht am Pfingstsamstag 1943 wurde der Prachtbau in Schutt und Asche gelegt. Immerhin hatte Hoteldirektor Georg Linsen- meyer große Teile des wertvollen Interieurs vorher bei einem Freund in Rheinberg in Sicherheit gebracht und damit für die Wiedereröffnung sieben Jahre später gerettet.

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„ICH MUSS JEDEN TAG REFLEKTIEREN. WENN ICH DAS NICHT TUE, KANN ICH NICHT BESSER WERDEN“

1999 wäre der traditionsreiche Ort fast einen stillen Tod gestorben. Eigentlich sollte das Hotel nur zur Verbesserung des Brandschutzes geschlossen werden, doch die Bausubstanz erwies sich als schlecht. Eine Renovierung war nicht möglich. Das Gebäude stand lange Jahre leer und verfiel langsam. Das Schmuckstück mutierte zum Schandfleck. Die Düsseldorfer diskutierten offen darüber, ob das Filet-Grundstück nicht für einen besseren Zweck genutzt werden sollte.

„Wir haben uns sehr gefreut, dieses Kulturgut wiederbeleben zu dürfen“, erinnert sich Cyrus Heydarian. Der Mann, der das Geld für Abriss und Neubau organisierte, hieß Horst Schulze. Er hatte das Ritz-Carlton in die internationale Weltspitze geführt, bis 2002, dann verließ er das Ritz. Der Manager, den Branchenkollegen, den Hotelphilosophen nannten, mochte sich aber mit dem plötzlichen Ruhestand nicht anfreunden. Horst Schulze kämpfte um den Breidenbacher Hof. 2005 hatte er die kuwaitischen Eigentümer über- zeugt und Schulzes US-Gesellschaft „Capella Hotels & Resorts“ übernahm das Management des Hotels.

Bemerkenswert, dass damit zwei Männer an der Spitze des Luxushotels standen, die den alten Breidenbacher Hof noch aus Kinder- tagen kannten. Horst Schulze erzählte in einem Interview, dass er als 16-Jähriger bei einem Ausflug der Berufsschule von der Mosel nach Düsseldorf zum ersten Mal vor dem Luxushotel stand. Da will ich rein, habe er damals gesagt und die Mitschüler hätten gelacht.

Doch manchmal werden solche Aussagen und Träume ja Wirklichkeit. Cyrus Heydarian kannte den Breidenbacher Hof von den Besuchen auf der Kö. Sein Vater, ein Arzt aus Gelsenkirchen, fuhr gern nach Düsseldorf. Er stöberte dann mit seiner Mutter in der Lebensmittelabteilung im Kaufhaus gegenüber. „Wir hatten immer viele Gäste, die meine Mutter gern bewirtet hat“, sagt Heydarian. Vielleicht ist das der Grund, warum der Breidenbacher Hof immer noch den Namen eines Düsseldorfer Altstadtwirts trägt und nicht den einer Hotelkette. Mit dem Neubau kamen auch neue Ideen, die die klassische Hotellerie verändern sollen. „Das war eine große Chance für uns. Absolut“, erklärt Heydarian. Das Führungsteam wertete Studien aus, was Reisende sich im 21. Jahrhundert von ei- nem teuren Hotel wünschen. Luxus und moderne Technik bilden einen Teil der Antwort, der andere Teil ist ausgezeichneter Service und Herzlichkeit. „Wir machen unseren Gästen keine Angebote, wir wollen ihre Erwartungen übertreffen“, erklärt der General Mana- ger. Ein persönlicher Assistent ruft die Gäste schon vor der Anreise an und erfragt ihre Wünsche. „Das Einzige, was wir nicht tun, sind Dinge, die moralisch und ethisch verwerflich sind.“ Seine 160 Mitar- beiter haben vor allem eine Aufgabe: Menschen glücklich zu machen. „Glück ist etwas, was man nicht kaufen kann“, sagt Heydarian.

Außerdem schnitten die Breidenbacher ein paar klassische Zöpfe ab. Alle Gäste genießen den gleichen Service, die Minibar gehört zum Zimmerpreis, Check-out-Zeiten wurden gestrichen. „Ich sage ausdrücklich nicht, dass wir dadurch besser sind“, erklärt Heydarian, „wir sind einfach anders. Kronleuchter und Marmor kann jeder bauen.“ Tradition bedeute nicht die Übernahme von Möbeln, sondern die Bereitschaft der Mitarbeiter, eine Beziehung zwischen dem Haus und seinen Gästen aufzubauen. Dafür stehe der Name und das sei der Kern seiner Erfolgsgeschichte.

Trotzdem verlief der Start des Hotels in den dritten Frühling im Mai 2008 alles andere als glücklich. Zum einen hatte drei Jahre zuvor das Interconti als neues Luxushotel an der Königsallee eröffnet. Zum anderen war die allgemeine wirtschaftliche Lage angespannt. Neun Monate vor der Eröffnung war gerade die Immobilienblase in den USA geplatzt und die Welt schlitterte in eine große Wirtschaftskrise. Spätestens als die US-Bank Lehman Brothers Konkurs anmeldete, mussten sich auch Luxushotels Sorgen um ihre Klientel machen. Selbst der Festakt zur offiziellen Eröffnung des Neubaus entwickelte nicht den strahlenden Glanz, wie Cyrus Heydarian es sich gewünscht hätte. Die Inszenierung schien gut geplant, denn der damalige Bauleiter konnte auch Klavier spielen. „Er saß am Flügel auf einem Podest im Eingang, trug einen Bauhelm und spielte zur Eröffnung Beethoven“, erinnert sich der Hoteldirektor. Journalisten, Ehrengäste, sie alle warteten vor dem roten Band, das durchschnitten werden wollte.

„Links von uns stand ein Bagger, und genau in dem Moment, als die Ehrengäste zur Schere griffen, begann der Baggerfahrer mit seiner Arbeit“, erzählt Heydarian. „Ich dachte, das kann nicht sein Ernst sein.“ Die Baustelle blieb dem Hotelbetrieb acht Jahre erhalten, der Bagger machte den ersten Aushub für die Wehrhahnlinie. Mahdi Heyder, Oberhaupt der Eigentümerfamilie aus Kuwait, machte aus seiner Empörung im Gespräch mit der Westdeutschen Zeitung keinen Hehl. „Rund um das Hotel nur Baustellen und Lärm. Das hat die Stadt anders versprochen. Ich werde schauen, wie es hier läuft, und dann entscheiden, ob ich in Düsseldorf noch einmal investiere“, ärgerte sich der Investor. Luxusgäste erwarten ein anderes Ambiente vor der Haustür als eine nicht enden wollende Baustelle.

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„WENN EIN UNTER- NEHMEN TESTEN WILL, WIE INNOVATIV ES IST, MUSS ES ERST EINE VISION HABEN“

Rückblickend bewertet der Hoteldirektor diese Zeit weniger nega tiv. „Das war damals unsere stärkste Leistung“, berichtet er, „wir sind zusammengewachsen.“ Ein Indiz dafür: Das aktuelle Führungsteam besteht noch heute aus damaligen Mitarbeitern. „Das gibt es in keinem anderen Hotel dieser Art“, sagt Heydarian. „Für uns war klar, dass der Breidenbacher Hof als auferstandene Ikone der deutschen und vielleicht auch der europäischen Hotellerie für sich diesen Platz auch wieder beansprucht“, beschreibt er die Stimmung in der Führungsetage. „Egal, was vor der Tür passiert – wir haben das vom ersten Tag an nicht als Ausrede gelten lassen“, sagt Heydarian. Die Stadt hatte angekündigt, die Baustelle bleibe 18 Monate. „Hätten wir von vornherein gewusst, dass es acht Jahre werden, hätten wir diese Energie vielleicht gar nicht aufgebracht“, urteilt der Hoteldirektor heute.

Schon legendär ist der Canon mit den Capella Servicestandards, der seit zehn Jahren täglich immer wieder im Team besprochen wird. „Wir sind Weltführer in der Dienstleistungsbranche“, steht in dem kleinen Heftchen. 24 Regeln hat der Konzern aufgestellt, generelle Werte und eine Mission formuliert. Bei anderen Unternehmen dümpeln solche Leitlinien für die tägliche Arbeit irgendwo in der Schreibtischschublade herum. Die Breidenbacher tragen das Unternehmenscredo zusammengefaltet zur Größe einer Scheckkarte in der Tasche ihrer Uniform. „Das ist der eleganteste und kürzeste und faltbarste Strategieplan der Welt, den kann jedes Unternehmen für sich anwenden.“ Die Frage sei jedoch, wie stetig eine Firma in der Ausübung dieser Philosophie ist. „Ich muss jeden Tag reflektieren. Wenn ich das nicht tue, kann ich nicht besser werden“, erklärt Heydarian den Aufwand, den er dafür betreibt.

Die ersten drei Jahre waren hart für die neuen Eigentümer. Andere Hotels suchten nach Wegen, um Kosten zu sparen. Der Breidenbacher Hof blieb stur auf Kurs. „Wenn wir Luxus verkaufen, können wir nicht sparen“, erklärt Heydarian.

Doch neben Wirtschaftskrise und Baustelle kämpften die Breidenbacher gegen ein weiteres sehr lokales Problem: An den ersten Ta- gen bildeten sich lange Schlangen für die Führungen durchs Hotel. Die Düsseldorfer waren neugierig auf den neuen Breidenbacher Hof, aber sie mochten ihn nicht. „Die Erwartungshaltung in der Stadt war immens“, erinnert sich Heydarian. Und dann kam der große Knall. Viele der Stammgäste, die ihre Taufen, Hochzeiten und andere Feste in den Sälen zwischen mächtigen Kronleuchtern, antiken Möbeln und alten Gobelins gefeiert hatten, kamen rein und waren enttäuscht. Sie fremdelten, obwohl Innenarchitekt Peter Silling weder bei Materialien noch Aufwand gespart hatte. „Die Düsseldorfer haben ihre Oberkellner und die vertrauten Räume, in denen die alten Familienfotos entstanden waren, nicht mehr gefunden“, erzählt Heydarian, „das fehlte ihnen.“ Die Erinnerungen blieben, und der Service auf bekanntem Niveau überzeugte auch die Skeptiker.

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„OHNE STARKEN TEAMGEIST
KÖNNTEN WIR
DAS ALLES NICHT LEISTEN“

Heute sind diese Wehwehchen verheilt. Der Breidenbacher Hof ist zurück, aber das Hotel will sich nicht ausruhen. Die Eigentümer denken bereits darüber nach, eine Hoteletage mit 1.000 Quadratmetern zu einem Luxusbereich der Extraklasse umzubauen. „Unser Erfolg steht und fällt mit dem Maß der Identifikation der Mitarbeiter“, sagt Heydarian. Wie groß der Erfolg ist, erfahren die Mitarbeiter täglich von ihrer Führungscrew. Die Gäste können auf einer Skala bis zehn angeben, ob sie wiederkommen werden. Mehr als 93 Prozent drücken ihre Zufriedenheit mit einer „Neun“ oder einer „Zehn“ aus. Die Mitarbeiter halten diesen Druck aus. Die Belegschaft des Hotels habe eine Turnover-Rate von zehn Prozent, der Branchenschnitt liege bei über 50 Prozent, berichtet Heydarian voller Stolz. „Ohne starken Teamgeist und ein positives Arbeitsumfeld könnten wir all das nicht leisten“, erklärt er, „unsere Mitarbeiter spüren, dass sie gebraucht werden.“

Sein Rat deshalb an Unternehmensgründer: Der Glaube an die Sa- che, die man bewegen will, ist für den Erfolg von entscheidender Bedeutung. Das sei auch der Treiber für Innovation. Im Breidenbacher Hof gibt es ständig Neues: Die aus einem Stück gebaute Showküche, die nur mit einem Schwerlastkran von der Seite ins Hotel geschoben werden konnte und auf deren roter Tür Rolling- Stones-Sänger Mick Jagger den Dank an den Koch mit schwarzem Stift verewigt hat. Badezimmerspiegel, die gleichzeitig als Fernseher funktionieren. Die neu gestaltete Barkarte mit Motiven aus der Welt der Manga-Comics. „Wenn ein Unternehmen testen will, wie innovativ es ist, muss es erst eine Vision haben, wohin es eigentlich will“, sagt der General Manager.

Nicht alles, was im Hotel passiert, kann Cyrus Heydarian beeinflussen. Welchen Gast, der noch nicht da war, würde der General Manager gern begrüßen? „Thomas Geisel“, antwortet er spontan. Der Oberbürgermeister habe noch nie im Breidenbacher Hof über- nachtet. „Wir freuen uns sehr über Gäste aus Düsseldorf, die einmal Urlaub in ihrer eigenen Stadt machen wollen“, ergänzt er.


DATEN UND FAKTEN

Der Breidenbacher Hof bietet 85 Gästezimmer und
21 Suiten. Die kleinsten Zimmer haben 41 Quadrat- meter; die Royal Suite für 14.000 Euro pro Nacht misst 400 Quadratmeter, verteilt über drei Schlaf-, drei Bade- und zwei Wohnzimmer sowie zwei Essbereiche. Die Badezimmer sind mit Naturstein oder Marmor ausgestattet, die Fußböden bestehen aus Walnussparkett.

Der Breidenbacher Hof beherbergte seit der Wiedereröffnung vor zehn Jahren mehr als 500.000 Hotelgäste. Der längste Aufenthalt eines Gastes dauerte 438 Tage. Welche Prominenten im Hotel übernachtet haben, verrät das Hotel aus Gründen der Diskretion nicht – es sei denn, die Promis legen Wert darauf.

Das Hotel bewirtete die Gäste mit 22.667 Flaschen Taittinger-Champagner und hat 125 Zigarrensorten in einem begehbaren Humidor zur Auswahl. Küchenchef Philipp Ferber lädt regelmäßig andere Starköche zur Küchenparty ein. Zum „Afternoon Tea“ werden täglich ab 15 Uhr Scones und hausgemachte Torten serviert. In der Lobby Lounge erwartet ein Pianist die Gäste an einem Bechsteinflügel, der speziell für das Hotel gefertigt wurde.

Text: Rainer Kurlemann

Bilder:

  • Wikipedia / Der Breidenbacher Hof: eine Düsseldorfer Legende; seine Kunst und seine Geschichte. Herausgegeben vom Hotel Breidenbacher Hof Düsseldorf anässlich seines 175-jährigen Bestehens, Düsseldorf 1991, S. 260

  • Stadtarchiv Düsseldorf, 127-371-025 / Foto: Erna Hehmke-Winterer, 1945

  • Stadtarchiv Düsseldorf, 421-103-015 / Foto: Dolf Siebert, 1953

  • Stadtarchiv Düsseldorf, 021-103-007 / Foto: Julius Söhn

  • Stadtarchiv Düsseldorf, 021-103-008 / Foto: Julius Söhn, 1902

  • Stadtarchiv Düsseldorf, 421-104-008 / Foto: Dolf Siebert, 30.05.1954

  • Foto: Raphael Janzer