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Im Dazwischen

Lars Terlinden umtriebig zu nennen, wäre glatt noch untertrieben. Er ist der Leiter des KomKuks, dem Kompetenzzentrum Kultur und Kreativwirtschaft in Düsseldorf. Wir trafen ihn in der Alten Kämmerei. In der Räumlichkeit versahen bis vor fünf Jahren Mitarbeiter der Stadtverwaltung ihren Dienst. Derzeit dient sie vorübergehend als Eventlocation. Für derartige Zwischennutzungen ist Terlinden der Experte.

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Die Alte Kämmerei hat insgesamt 14.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche. Warum wird nur ein kleiner Teil des Gebäudes zwischengenutzt?
Der Bau reicht über einen ganzen Block, vom Rathausplatz bis zum Uerige. Er stammt aus den 1950er-Jahren, mit entsprechendem Raumkonzept, veralteter Haustechnik, stillgelegten Sanitäranlagen und Rettungswegen, die nicht mehr zeitgemäß sind. Deshalb eignet sich heute auch nur ein Teil des Gebäudes für eine Zwischennutzung, etwa 500 Quadratmeter im Erdgeschoss.

Wer nutzt die Fläche derzeit?
Die Firma 0049 Events, die auch das Boui Boui Bilk macht, ist seit März 2018 Mieter der Teilfläche. 

Das Ganze ist eine klassische Zwischennutzung. Wie genau funktioniert der Deal?
Die Zukunft des Gebäudes ist noch offen, es läuft aktuell ein Investorenauswahlverfahren. Um die Zeit des Leerstands zu überbrücken, haben wir die Fläche bereits seit Mitte 2017 zur Nutzung im damaligen Zustand angeboten. Die Resonanz war überschaubar, weil das ehemalige, abgenutzte Großraumbüro für viele Nutzungen unattraktiv war. 0049 Events hat die Fläche dann angemietet und auf eigene Kosten als Eventlocation hergerichtet. Das unternehmerische Risiko liegt dabei allein beim Zwischennutzer, zumal offen ist, was aus dem Gebäude wird – und wann. Als städtischer Raumgeber haben wir mit 0049 vereinbart, den deutlich aufgewerteten Raum an mehreren Tagen pro Monat für Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft mietfrei anbieten zu können. Mietfrei heißt dabei nicht kostenfrei, denn es entstehen Kosten für Technik, Personal, Reinigung und so weiter. Mit diesem Konstrukt haben wir es geschafft, 500 Quadratmeter Leerstand ohne städtische Investition für einen befristeten Zeitraum für Projekte aus der Kultur- und Kreativwirtschaft zu erschließen. So unterschiedliche Nutzer wie das „düsseldorf festival“, Absolventen der Fotoklasse der Hochschule Düsseldorf, der Bundesverband Deutscher Startups und das „40 Grad Urban Art Festival“ haben davon bisher Gebrauch gemacht. 

Sie sind Leiter des KomKuK, des Kompetenzzentrums für Kultur und Kreativwirtschaft.
Das ist ein vierköpfiges Team, das bei der Wirtschaftsförderung angesiedelt ist. Eine ihrer Aufgaben sind Zwischennutzungen. Was für Anfragen erreichen Sie?
Komplett unterschiedliche. Aus den Reihen der Kulturszene sind in erster Linie Auftrittsorte gefragt. Auch nach Atelier- und Ausstellungsflächen wird ständig gesucht. Viele Anfragen kommen dabei aus dem studentischen Bereich, gesucht werden dann beispielsweise Drehorte für Abschlussarbeiten oder eine Präsentationsfläche. Aber auch größere Unternehmen aus Werbung oder Gamesbranche fragen bei uns an, auf der Suche nach ausgefallenen Orten für ungewöhnliche Formate.

Blick in die frühere Kassenhalle.

Blick in die frühere Kassenhalle.

Wie genau gehen Sie als KomKuK vor?
Wir hören uns zunächst an, wofür genau der Raum genutzt werden soll und überlegen dann, ob es dafür einen vorhandenen Raum gibt, der bereits geprüft und genehmigt ist. Der über Brandschutz verfügt, Parkplätze hat, ausreichend Toiletten bietet und und und. Häufig münden unsere Beratungsgespräche darin, dass wir vorhandene Räume vermitteln. Bestimmte Locations werden in der Stadt nämlich gar nicht richtig wahrgenommen. Das Weltkunstzimmer kennen zum Beispiel Kulturinteressierte, aber Leute aus dem Corporate-Bereich haben es oft gar nicht auf dem Zettel. Wenn etablierte Räume für den Bedarf nicht taugen, müssen wir meistens erstmal erklären, dass die Zwischennutzung eines bisher nicht genutzten Raums nicht immer billig ist und darüber hinaus nicht von jetzt auf gleich realisierbar. Das funktioniert nicht nach dem Motto: Hier ist der Schlüssel, leg los. Für die Stadt ist das Thema Sicherheit dabei sehr wichtig, vor allem natürlich bei öffentlichen Nutzungen mit Publikum. Das erfordert einen höheren Aufwand und ist daher auch mit mehr Kosten verbunden. Deshalb rechnet es sich für den Nutzer häufig nicht unter einer Mindestlaufzeit, gerade wenn wir über eine große Fläche sprechen. Generell gilt: Den einen Raum für jeden Bedarf gibt es so wenig wie den einen Kreativen. 

Stichwort Mindestlaufzeit: Wie lange dauern Zwischennutzungen in der Regel?
Ich tue mich mit dem Begriff Zwischennutzung grundsätzlich etwas schwer. Zwischennutzung gibt es baurechtlich nicht. Es gibt nur Nutzung oder keine Nutzung. Letztere kann einen Tag dauern. Oder eine Ausstellung lang. Manchmal ist der Korridor aber auch mehrere Jahre. Das Boui Boui Bilk beispielsweise war ursprünglich nur auf ein Jahr geplant. Mittlerweile ist es im sechsten Jahr. 

Die Stadt Düsseldorf ist nicht gerade für eine zurückhaltende Verkaufspolitik bekannt. Viele Orte, die von Kreativen genutzt wurden oder genutzt werden könnten, sind hier in den vergangenen zehn, zwanzig Jahren verkauft worden. Versucht ihr Team dem entgegenzuwirken?
Das kann ich so pauschal nicht bestätigen, zumal die Stadt nur da wirklich mitbestimmen kann, wo sie auch Eigentümer ist. Dennoch: Grundsätzlich werben wir dafür, dass einzelne Immobilien, städtisch wie in privater Hand, im Interesse des Kreativstandortes entwickelt werden könnten – ja: sollten. Mit dieser Agenda stehen wir jedoch relativ allein da, zumal es für Projektentwickler einfach lukrativer ist, Wohnraum, ein Shoppingcenter oder Büroimmobilien zu schaffen, als Immobilien für Kreative zu erhalten oder gar neu zu schaffen. Am Ende hängt es leider meistens von der Renditeerwartung ab, und nicht so sehr vom Bedarf.

Den einen Raum für jeden Bedarf gibt es
so wenig wie den einen kreativen.
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In anderen deutschen Großstädten ist Zwischennutzung schon länger ein Thema, zum Beispiel in Frankfurt/Main, Bremen oder natürlich Berlin. Hat Düsseldorf, was das angeht, zu lange geschlafen?
Ja und nein. Man kann die Immobilienmärkte der Städte gerade in Bezug auf Zwischennutzung nur sehr schwer vergleichen. Es gibt Städte mit sehr viel Leerstand. Die sind natürlich dankbar für jede Nutzung. Da wird sogar Geld für Zwischennutzungen bereitgestellt, um eine Bespielung, also Leben in der Stadt, zu gewährleisten. In Düsseldorf besteht aber eher ein Mangel an bezahlbaren Räumen. Daher kommt hier der Ruf nach mehr Zwischennutzung, zum Beispiel aus der Subkultur, wo meist wenig Budget für Räumlichkeiten vorhanden ist. Demgegenüber erreicht uns aus der Kreativwirtschaft recht selten die Klage nach fehlenden Räumen - da heißt es eher: Die vorhandenen Räume sind nicht interessant oder sexy genug.

Jetzt haben wir ja ziemlich viel über Bedarfe möglicher Nutzer gesprochen. Lassen Sie uns mal zur anderen Seite kommen. Was versprechen sich Eigentümer, die ihre Räume für Zwischennutzungen zur Verfügung stellen, davon? Zum Beispiel der Projektentwickler Catella. Der hat ja für das alte Postverteilzentrum zwischen Kölner und Erkrather Straße aktiv jemanden gesucht, der es bespielt.
Stimmt, soweit mir bekannt ist in diesem Fall der Eigentümer direkt auf die späteren Betreiber zugegangen. Eine derartige Zwischennutzung macht aus mehreren Gründen Sinn: Zum einen hat der Besitzer eines leerstehenden Geländes natürlich kein Interesse daran, dass das Gebäude durch Vandalismus oder gar Menschen durch Unfälle zu Schaden kommen, wie es zum Beispiel bei der Papierfabrik im Hafen der Fall war. Zudem kann ein Eigentümer seine laufenden Kosten reduzieren, und die sind, gerade bei einer großen Fläche, auch bei einem Leerstand erheblich. Außerdem spielen Marketingaspekte eine Rolle: Die ehemalige Paketpost firmierte als Zwischennutzung unter „postPost – Grand Central“, und damit wurde der Name des Wohnprojekts, das Catella an dieser Stelle baut, schon frühzeitig bekannt gemacht. 

Klingt alles gut. Trotzdem stellt sich die Frage nach der Nachhaltigkeit. Denn egal, wie lange sie auch dauern, wir sprechen ja stets über vorübergehende Nutzungen.
Sie sagen es. Das ist die eigentliche Herausforderung. Natürlich freue ich mich über jede vorübergehende Nutzung, besonders, wenn sie einen kostengünstigen Zugang zu Räumlichkeiten ermöglicht. Mindestens genauso wichtig ist es aber, in Düsseldorf auch Orte zu schaffen, an denen sich Kreativität langfristig und wirtschaftlich entfalten und etablieren kann. Nur wenn wir beides zusammen denken und realisieren, sind wir als Kreativstandort gut aufgestellt. •


KOMKUK-
Enabling Creativity in Düsseldorf

Das KomKuK unterstützt die kreativen Branchen in Düsseldorf als städtischer Lotse, Raumgeber und Botschafter, um den Kreativstandort insgesamt zu stärken. >> WWW.KOMKUK.DE


Text: Alexandra Wehrmann

Fotos: Franz Schuier