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„Ich habe eine abenteuerliche Vertriebsstruktur“

Die in Düsseldorf-Oberbilk lebende Modedesignerin Marion Strehlow joggt leidenschaftlich gerne, genauso wie VIVID-Herausgeber Rainer Kunst. Im Volksgarten haben sich die beiden zu einer gemeinsamen Laufrunde getroffen.

Kunst: Du bist eine sehr aktive Läuferin, läufst regelmäßig und weite Strecken, oder? 

Strehlow: Ja, ich laufe eigentlich immer zehn Kilometer. Das ist schon seit 20 Jahren der ideale Ausgleich für mich. Ich hatte eine Zeit lang auch einen sehr engagierten Joggingpartner. Wir sind gemeinsam zeitweise sogar jeden Tag gelaufen.

Kunst: Du gehörst in Düsseldorf zu den erfolgreichsten Designerinnen – wie bist du das geworden, was du heute bist?

Strehlow: Eigentlich habe ich einen ganz klassischen Weg eingeschlagen – ohne, dass ich den Plan gehabt hätte, Designerin zu werden. Ich wollte nach dem Abitur erst einmal eine Zeit ins Ausland. Dann fing ein Freund von mir aber eine Schneider-Ausbildung an. Ich habe schon zu Schulzeiten viel meiner Kleidung selbst genäht und er überredete mich, die Ausbildung zusammen zu machen. Er hat dann nach kurzer Zeit abgebrochen und ich habe den Abschluss als Damenschneiderin gemacht. Ich lernte damals aber nur nähen. 

Kunst: Also kein Design.

Strehlow: Ich weiß gar nicht, ob man Design tatsächlich lernen kann oder ob das nicht etwas ist, was aus einem selbst kommt. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass die Grundlagen sehr wichtig sind. Ich wollte die Schnitte beherrschen. Deshalb führte mich mein Weg dann an die Modeschule.  

Kunst: Und während der Zeit dort hast du bereits erfolgreich Mode gemacht und verkauft.

Strehlow: Da war ich noch superjung, habe aber schon sehr gut verkauft. Eine tolle Erfahrung! Ich konnte sehen, dass meine Ideen funktionieren. Und mit dem Abschluss der Modeschule bekam ich einen Fördervertrag. Das war ein Glücksgriff für mich, denn der beinhaltete PR-Betreuung, Messe-Ausstellungen und ich bekam dank des Vertrags auch ein Existenzgründer­darlehen. So wurde ich quasi in die Selbstständigkeit geschubst.

 Kunst: Du bist also in deinem Leben noch nie angestellt gewesen. Fehlt dir das?

Strehlow: Überhaupt nicht! Ich glaube, das ist auch gut so. Denn weil ich nicht weiß, wie angenehm und einfach es wahrscheinlich ist, als Angestellte zu arbeiten, kann ich es nicht vermissen. Ich glaube, nur so konnte ich immer weitermachen.

Düsseldorf hat eine große, wunderbare Käuferschaft.
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Kunst: Bei den großen Modekonzernen kommen mittlerweile gefühlt jeden Monat neue Kollektionen auf den Markt. Das hat mit deiner Welt im Grunde nichts zu tun, oder?

Strehlow: Das ist tatsächlich eine ganz andere Welt und ich glaube, dass sich dieses Konzept auf lange Sicht abnutzen wird. Diese Schnelllebigkeit kann und wird so nicht weitergehen. Hier musst du zwischen Modewirtschaft und Kreativwirtschaft unterscheiden. Viele Düsseldorfer Designer, so wie ich auch, zählen sich ganz klar zu Letzterem. 

Kunst: Wie viele solcher Designer gibt es in der Stadt?

Strehlow: Leider gibt es viel zu wenige Designer in Düsseldorf und ich würde mir wünschen, dass es mehr werden. Mit unserer „Behind the scene“-Tour besuchen wir momentan 5 bis 6 Designer mit eigenem Atelier. Es gibt natürlich noch ein paar mehr, aber nur wenige fertigen ihre Mode komplett selbst. Das ist schade. 

Kunst: Deine Mode ist noch immer tat­sächlich komplett allein dein Werk?

Strehlow: Ich arbeite am allerliebsten allein. Ich habe nur Praktikanten für jeweils drei Monate bei mir im Atelier. 

Social Media sind mein Freund.

Kunst: Unabhängigkeit ist dir wichtig. Wie sieht das beim Verkauf deiner Mode aus?

Strehlow: Meine Vertriebsstruktur ist abenteuerlich. Denn ich verkaufe meine Mode mittlerweile ausschließlich bei mir im Atelier. Social Media sind mein Freund. Ein Beispiel: Zuletzt habe ich bei Instagram Bilder von zwei Mänteln gepostet und prompt drei Nachrichten bekommen. Ich habe dann sofort Termine vereinbart und die Mäntel waren verkauft. Und das ist keine Ausnahme. Das geht so weit, dass ich aktuell fast keine Posts mache, weil ich die Zeit für Verkaufstermine überhaupt nicht habe. 

Kunst: Das heißt, du produzierst, stellst die Kleidung ins Netz und dann kommen die Kunden und
kaufen. Einen Onlineshop hast du aber nicht. Warum?

Strehlow: Das ist eine ganz bewusste Entscheidung. Ich möchte verhindern, dass Menschen wie verrückt bei mir bestellen und dann alles wieder zurückschicken. Diese Mentalität ist nicht mein Ding. Wer etwas kaufen will, muss normalerweise mein Atelier besuchen. Wenn sich mal jemand meldet und ein Kleidungsstück geschickt haben möchte, mache ich das natürlich schon. Denn wer sich die Mühe macht, meine Kontaktdaten rauszusuchen und mich anruft, der möchte das Kleidungsstück wirklich haben. Und das ist mir wichtig.

Kunst: Bedienst du denn auch andere Kanäle als Instagram?

Strehlow: Nein, im Grunde bin ich nur dort aktiv. Eigentlich sehe ich Instagram auch überhaupt nicht als Vertriebskanal – obwohl er das ungeplant geworden ist. Ich poste meine Stücke dort, weil ich einfach stolz auf sie bin und sie zeigen möchte. Natürlich weiß ich um den Effekt, aber im Grunde ist das Vermarkten über Instagram ein Nebenprodukt. Ich verkaufe weiterhin vor allem an Kunden, die im Atelier vorbeikommen. 

Kunst: Düsseldorf ist Modemetropole. Was macht das mit einer Mode­designerin, in einer solchen Stadt zu Hause zu sein? Könntest du dein Geschäft auch in Köln, Essen oder München haben oder hat die Stadt eine besondere Bedeutung für dich?

Strehlow: Mir geht es hier in Düsseldorf extrem gut und ich bin mir sicher, dass es in einer anderen Stadt nicht so wäre. Düsseldorf hat eine große, wunderbare Käuferschaft. Ich weiß von Designern aus Berlin, die mit ähnlicher Originalität und basierend auf bestimmten Werten ihre Kleidung entwerfen, dass sie häufig nur die Hälfte ihrer Kollektionen verkauft bekommen. Da weiß ich ehrlich gesagt nicht, wie sie davon leben.Ich bekomme Anerkennung dafür, dass meine Mode hier entworfen und hier geschneidert wird. Das ist den Menschen echt etwas wert und das scheint in anderen Städten oft anders zu sein.

Kunst: Aber du hast auch schon durchklingen lassen, dass auch hier nicht alles rosig ist. Was müsste sich deiner Meinung nach am Modestandort Düsseldorf noch verbessern?

Strehlow: Der Nachwuchs muss viel stärker gefördert werden. Das wird derzeit in der Stadt fast gar nicht mehr gemacht. Das Land fördert derzeit Nachwuchsdesigner aus NRW, aber das reicht nicht aus. Um den Designer-Nachwuchs ernsthaft zu unterstützen, muss vor allem die Selbstständigkeit gefördert werden. Es herrscht eine gewisse Angst vor diesem Schritt. Designer haben aber gerade eine richtig gute Chance, selber an den Kunden heran­zukommen. Da ist die Selbstständigkeit ideal. Aber es braucht Unterstützung,
damit Nachwuchsdesigner sich das
trauen. •

Name
Marion Strehlow

Geboren am
08.08.1971

Familienstand
Verheiratet

Werdegang
Nach ihrer Ausbildung zur Damen-schneiderin absolvierte sie die Modeschule Düsseldorf als staatlich geprüfte Modedesignerin. 

Marion Strehlow designt unter ihrem Namen Strehlow Kleidung und Accessoires aus hochwertigen Materialien.


Text: Katja Joho

Fotos: Franz Schuier

Die Kunstfabrik des Bildermachers

Tim Berresheim ist Künstler, er nennt sich Bildermacher, arbeitet jedoch nicht mit Pinsel oder Stift, sondern am Computer. Er arbeitet in einem Raum, der keine räumliche Begrenzung hat. Gerade für die Office-Gestaltung der Zukunft ist die Idee von „Kunst am Bau“ besonders interessant.

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Meine Freiheit wird größer, wenn man mir einen Korridor schnürt.

Der in Aachen lebende Familienvater produziert nicht nur Kunst, die in Galerien und Museen weltweit gezeigt und verkauft wird, sondern ist auch Geschäftsführer einer Art Kunstfabrik.

„Die Studios New Amerika sind ein Unternehmen mit unterschiedlichsten Geschäftsfeldern. Die Studios kümmern sich um das Administrative. Um die Kunstproduktion, die sich um meine Person dreht, und natürlich haben sie auch immer das Invest im Auge. Was braucht man, um die Kunst so zu produzieren, wie ich sie produziere? Denn wir reden hier unter anderem über Render-Zeiten von einem sehr hohen technischen Invest. Wir machen aber nicht nur Kunst, die man in Museen, auf Messen und in Galerien sehen kann. Wir gestalten Bühnen, Schaufenster, Modelinien, entwickeln Augmented-Reality-Apps. Unsere Projekte haben das Ziel, maximal identitätsstiftend und leicht konsumierbar zu sein. „Kunst am Bau“ ist so ein Ding. Diese Projekte sind vom ganzen Team inspiriert“, erläutert Berresheim seine Arbeit.

Seine „Kunst am Bau“-Projekte sind meist Auftragskunst. Der Ablauf kann zum Beispiel folgender sein: Ein Unternehmen kontaktiert Studios New Amerika mit dem Wunsch, dass sie einen Raum oder eine Wand innerhalb des Unternehmens gestalten. Da beginnt dann die Arbeit der Studios. Berresheim und sein Team gehen, mit einem Laserscanner im Gepäck, in das Unternehmen. Der gesamte zu bespielende Raum wird vermessen. Inspiriert durch Gespräche mit den Angestellten, eine intensive Auseinandersetzung mit den örtlichen Gegebenheiten und Aspekte aus dem Kontext der Kunstgeschichte, entwickelt Berresheim ein Kunstwerk. „Zu sagen: ‚Wir machen dir eine Tapete und die kostet folgende Summe“, ist nicht unser Ding. Wir machen mit Beginn der ersten Skizze alle Prozessetransparent. Wir arbeiten zusammen, zeigen jede Woche, wo wir stehen. Feedback ist uns extrem wichtig. Es gibt ja in der Kunst immer noch das Ding, dass Feedback unerwünscht ist, der Künstler muss ja maximal autonom sein, das ist bei uns aber nicht so. Meine Freiheit wird größer, wenn man mir einen Korridor schnürt“, sagt Berresheim.

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Den Studios New Amerika ist es wichtig, dass man den Entstehungsprozess des Kunstwerks verfolgen kann. Gerade bei der digitalen Kunst ist die Entwicklungsgeschichte eines Bildes schwer vermittelbar. Sie lassen die Menschen an den Prozessen teilhaben, zeigen auf, wie viel Arbeit und Mühe dahintersteht, wie viele unterschiedliche Tools benutzt werden, bis das Ergebnis vorzeigbar ist. So kann man dann auch den Preis nachvollziehen, der dahintersteckt.

Der 43-Jährige sieht sich dank der Studios in einer Luxussituation, er kann konzentriert arbeiten, während andere E-Mails beantworten und komplexe Dinge 
vorbereiten und bearbeiten. Die Studios New Amerika liefern Berresheim eine Plattform und Spielwiese für diverse Ausdrucksformen. Zum Beispiel gestaltete er 2017 eine der drei Bühnen des Düsseldorfer Musikfestivals Open Source, das jährlich auf der Grafenberger Galopprennbahn stattfindet. Multidimensionalität ist das Stichwort. Der Ort spielt genauso eine Rolle wie die Realität, die man an diesem Ort vorfindet und die Möglichkeiten, daraus weitere Dinge zu gestalten. Wie kann man die Kunst weiterentwickeln und auf andere Dinge übertragen? Berresheims computergenerierte Werke gehen über die klassische Flachware, die man in Galerien findet, hinaus.

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Der Ort spielt genauso eine Rolle wie die Realität, die man an diesem Ort vorfindet.
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„Neben der Möglichkeit der Tapete interessieren mich natürlich auch raumgreifende Installationen, wo wir dann aus dem Formenrepertoire der Tapete, der Idee der Kunst folgend, am Tafelbild arbeiten. Ich bin auch sehr daran interessiert, den Impuls weiterzuentwickeln. Wir nehmen auch Schallplatten auf, die zu der Rauminstallation passen, wir entwickeln Apps, die mit den Kunstwerken und der gestalteten Wand interagieren. So habe ich auch die Möglichkeit, neben dem rein bespielten Raum Editionen herauszuziehen und in die Büros zu integrieren“, beschreibt der Aachener seine Arbeit.

Mit einer 3D-Brille kann man das Kunstwerk auf eine ganz neue Art erleben. Die von den Studios New Amerika produzierte App trägt zur Kunstvermittlung bei und erklärt unter anderem bildlich den dreidimensionalen Ursprung der Wand- und Tafelbilder. Gegenstände entschweben dem Wandbild, fliegen umher, man flaniert durch die von Berresheim am Computer generierte Kunstwelt. Gerade für das Thema New Work ist diese Art der Kunst besonders interessant. Welcher Arbeitnehmer würde sich nicht wünschen, bevor er sich an seinen Job macht, durch eine dreidimensionale Kunstwelt zu promenieren?

Wie sagte Berresheim so schön, die von den Studios produzierte Kunst soll maximal identitätsstiftend und leicht konsumierbar sein. Quasi im Vorbeigehen Kunst konsumieren – die, ohne dass man darüber nachdenkt, einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt. ●


Autor: Britt Wandhöfer
Fotos: Robert Eikelpoth