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Posts tagged Unternehmen
Den Neugierigen gehört die Welt

Wie sich Unternehmen für die Zukunft fit machen! So funktioniert die Arbeit der Zukunft! 
Diese Plattitüden hört man immer wieder. Dabei gibt es keinen universellen Paradeweg, den man befolgt, und der zukünftige Erfolg stellt sich automatisch ein. Unsere Welt verändert sich gerade mit Lichtgeschwindigkeit, aber schon immer mussten sich Unternehmen für die Zukunft aufstellen, vorausschauend planen. Manchmal gelingt das, manchmal nicht. Keiner weiß, was wird. Das Wichtigste ist, wissbegierig zu bleiben. Stillstand war noch nie von Erfolg geprägt.

Nehmen wir zum Beispiel Net­flix, gegründet 1997. Ja, richtig gehört, 1997. Ursprünglich war Netflix ein Onlinevideoverleiher. Für eine monatliche Grundgebühr, ähnlich wie in einem Fitnessstudio, konnte man sich so viele DVDs zusenden lassen, wie man wollte. Bingewatching war auch damals schon möglich. Das Entscheidende an Netflix’ Erfolgsgeschichte ist aber etwas ganz anderes. Gründer Reed Hastings hat immer nach Möglichkeiten gesucht, wie er sein Geschäftsmodell weiterentwickeln kann. 2000 machte er dem damaligen Videothekenriesen Blockbuster eine Offerte: Er wollte die Marke online vertreiben und mit dem eigenen Namen in die Filialen reinkommen. Der frühere Finanzchef von Netflix Barry McCarthy erinnert sich, dass sich die Chefetage des damaligen Verleihriesen über das Angebot amüsierte. 2013 meldete Blockbuster Insolvenz an. Netflix ist mehr als 100 Milliarden Dollar wert. Das Unternehmen hat heute über 130 Millionen Nutzer weltweit, die eine monatliche Gebühr entrichten, um sich Serien und Filme anzusehen. 24 Stunden am Tag, egal an welchem Ort. 

Hastings hat frühzeitig erkannt, welche Möglichkeiten ihm veränderte Bedingungen bescheren, und diese in einem mehr als erfolgreichen Geschäftsmodell umgesetzt. Während meiner Zeit bei der Mediengruppe RTL unterhielt ich mich mit einem meiner Vorgesetzten über Netflix. Es war 2015, und man konnte Netflix nur über die Website des Anbieters direkt anschauen. Ich merke an, dass ich glaube, dass ein unvorstellbares Potenzial in dieser Form der Bewegtbildverbreitung steckt, leider habe ich damals keine Aktien gekauft. Mein Lunchpartner sagte: “Dafür senden wir pro Tag sieben Stunden live.“ Das mag sein, aber das ist, wie wir heute mehr denn je wissen, kein Merkmal für Erfolg. 

Netflix sendet in die ganze Welt, produziert eigene Inhalte von hochwertiger Qualität und hat einen Algorithmus mit Suchtfaktor. Reed Hastings hatte bestimmt auch ein bisschen Glück. Trotzdem hat er die Zeichen der Zukunft erkannt, bevor es andere taten, und so weiß fast jeder Bescheid, wenn man heute sagt: “Sorry, ich bleibe zu Hause, ich werde heute netflixen.“ •

Mehr zum Schwerpunktthema “Zukunft? Jetzt.” findest Du in der aktuellen VIVID-Ausgabe am Kiosk und im Abo.


Autor: Britt Wandhöfer 

Vier mal Yummy aus Düsseldorf

Neue Ideen und Konzepte. VIVID stellt vier Genuss-Unternehmen vor.

JUST SPICES
GUT GEWÜRZT

Ole Strohschnieder ist Vegetarier, Florian Falk hasst Scharfes und Bela Seebach isst alles. Über die Liebe zum Kochen kam das Trio auf die Idee, die Online-Gewürzmanufaktur „Just
Spices“ für Hobbyköche und Kochprofis zu gründen. Inzwischen sind 120 Reingewürze und 140 Gewürzmischungen aus aller Welt mit entsprechenden Rezepten zum Nachkochen auf dem Markt: Von Cajun-Mix aus Louisiana über feurig-scharfe indische Curry­gemische bis zur Geheimrezeptur der „Pasta Lucia“. Jedes Produkt wird in originelle aromadichte Pappdosen verpackt, die mit ihrem ausgefallenen Design auch Farbe in die Küche bringen.

ww.justspices.de

MIO OLIO
KLEINE PORTION

Taner Gecer und Gino Luigi Stella essen gern Pikant-Scharfes mit würzigem Knoblauch. Bei einem Fertigpizza-Essen fehlte ihnen mal wieder das gewisse Etwas aus frisch eingelegtem Knoblauch- und Chiliöl. „Wieso gibt es kein Öl, portioniert für eine TK-Pizza, damit die Pizza so wie im Restaurant schmeckt?“, fragten sie sich, und die Idee war geboren: 2017 gründeten
Stella (41) und Gecer (39) das Mio Olio, wurden zu Ölprodu­zenten und verkaufen ihre Produkt-Neuheit jeweils in zehn Portionsbeuteln à 7,5 Milliliter für 1,99 Euro.

www.MIO-OLIO.de


LAKRIDS
SÜSSHOLZ RASPELN

Als Süßigkeit aus der bunten Tüte sind sie bekannt. Aber als Premiumprodukt für Gourmets? Aus dem Wurzelextrakt des echten Süßholzes wurde Lakrids by Johan Bülow geformt und gezeigt, dass Lakritze nicht schwarz und zur Schnecke aufgerollt sein muss. Inzwischen lassen sich Liebhaber von Dubai bis Detmold diese Nascherei zum Premiumpreis auf der Zunge zergehen. Es gibt sie in Geschmacksrichtungen wie Habanero Chili oder Ingwer oder sie heißen Orange Love oder sie werden in einen Schokomantel gewickelt, in Rosenwasser getaucht und mit Goldpuder bestäubt.

www.lakrids.de

SOUL SODA
IM VINTAGE-LOOK

Soul Soda prickelt zwar, aber ist anders als übliche taurinhaltige Energydrinks, Cola-Varianten, Fassbrausen oder Bitter- und Lemongetränke. „Soul Soda besteht aus natürlichen Zutaten und zehn Prozent Fruchtgehalt“, sagt Albert Isakson. In seiner Limonaden-Manufaktur werden Ginger Cola und Apple-Almond-Sprizz, Veilchenblüten, Minze, Feige und Kokos mit Koffein als Muntermacher oder Erfrischer für zwischendurch oder als Zutat für Longdrinks und Cocktail-Kreationen in 0,25-Liter-Glasfläschchen mit Vintage-Look und Pin-up-Girl als Logo abgefüllt.

www.soul-soda.com


Autor: Dagmar Haas-Pilwat

Es gibt immer eine Lösung

Gemeinsam mit deutschen Unternehmern und Entscheidern reiste VIVID nach 
Tel Aviv. Fünf Tage, vollgepackt mit Start-up-Besuchen, Networking-Events, Meet-up-Terminen, der DLD-Innovations-Konferenz, einem Besuch in Jerusalem und einer Podiumsdiskussion mit NRW-Ministerpräsident Armin Laschet.

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Welcome to Israel“, begrüßt ein Schild am Ben Gurion Airport in Tel Aviv. Auf einer Fläche so groß wie Hessen leben circa 8,5 Millionen Einwohner, es gibt 6.500 Start-ups, das gibt es sonst nirgendwo. Tel Aviv ist das High-Tech-Zentrum des Staates, aber auch die 3000 v. Chr. gegründete Hauptstadt Jerusalem ist gerade im Bereich Biotechnologie ein absoluter Hotspot. Ungefähr 850.000 Einwohner zählt die „heilige“ Stadt, über 600 Start-ups aus den Bereichen Pharma, Biotech und Medizin sind dort ansässig. Mit einer von der Düsseldorfer IHK organisierten Delegation reisen wir nach Tel Aviv und werden direkt zu Beginn, von der lokal ansässigen Deutsch-Israelischen Außenhandelskammer herzlich in Empfang genommen. Außerdem bekommen wir eine Einführung in das israelische Mindset, das spielt eine große Rolle im Gründerparadies. Schon im Kindergarten bekommt jeder Israeli beigebracht, dass es immer einen Weg gibt, dass Scheitern okay ist und dass ,Kann ich nicht‘ keine Ausrede ist“, erzählt uns Grisha Alroi-Arloser, Geschäftsführer der Außenhandelskammer.

Auf unserer Reise fragen wir uns immer wieder: Warum brennt der Gründergeist hier so unglaublich? Was läuft hier anders? Antworten bekommen wir überall, manchmal offensiv, manchmal versteckt. Aber irgendwie fügt sich am Ende alles zusammen. Vielleicht liegt es daran, dass der Staat Israel ja quasi auch ein Start-up ist. Vor 70 Jahren gründete Ben Gurion Israel, jeder dritte Einwohner Tel Avivs ist zwischen 18 und 35 Jahre alt. Förmliche Kleidung sieht man selten, genauso wenig wird man gesiezt, sehr angenehm. Es gibt keine Bodenschätze, die Zeiten der berühmten Jaffa-Orangen sind längst vorbei und ein Handel mit den Nachbarstaaten ist nahezu ausgeschlossen. Das wichtigste Kapital des Landes sind also seine klugen Bewohner. Während man in Deutschland direkt nach dem Abitur mit dem Studium beginnt und von einer sicheren Anstellung träumt, geht man in Israel mit 18 Jahren erst mal zum Militär, Männer drei Jahre und Frauen zwei Jahre. Top ausgebildet gründen viele von ihnen Tech-Start-ups mit dem Ziel eines Exits. Israel und seine Nachbarstaaten pflegen keine freundschaftlichen Beziehungen, deshalb sind die besten Leute des Landes beim Militär zu finden. Permanent werden neue Technologien entwickelt, um sich zu verteidigen und Gefahren frühzeitig zu erkennen. Die Hierarchien sind flach, man arbeitet im Team. Man könnte das Militär auch als Start-up-Universität bezeichnen. Dort ist man nicht nur Soldat, sondern bekommt seine erste Lektion als Manager. In Israel lebt es sich aufgrund der politischen Lage gefährlicher als hierzulande, auch deshalb ist die Risikobereitschaft wahrscheinlich etwas größer, die Sorge, ein Start-up gegen die Wand zu fahren, kleiner.

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Durchs Militär perfekt vorbereitet, beginnt der junge Israeli zu gründen und alleine das läuft aufgrund der Marktgegebenheiten völlig anders als in Deutschland. Auf unserer Reise besuchen wir unter anderem das Start-up Zeek. Auf dieser Plattform kann man Gutscheine, die man geschenkt bekommen hat, wieder verkaufen oder zu einem vergünstigten Preis erwerben. Während seiner Präsentation erläutert uns CEO Daniel Zelkind Folgendes: „Israel bietet nicht wirklich einen Markt für Start-ups, unsere Nachbarländer auch nicht, deshalb denken wir von Anfang an international. Wir entwickeln eine Lösung nicht für uns, sondern für alle. Wir sind in Großbritannien sehr erfolgreich und eröffnen demnächst auch ein Office in Deutschland.“ Mobil­eye ist ein perfektes Beispiel für ein Start-up aus dem Hightechbereich für autonome Fahrtechnologien. Das Jerusalemer Unternehmen, das seinen Deutschlandsitz übrigens in Düsseldorf hat, wurde in diesem Jahr für 15 Milliarden Euro vom Chip-Produzenten Intel gekauft.

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Global denken, etwas entwickeln, was die Welt besser macht. Nicht umsonst investiert der Staat jährlich 4,3 Prozent der Wirtschaftsleistung in Forschung und Entwicklung neuer Technologien. Kein Land gibt dafür so viel aus, Deutschland investiert circa 3 Prozent. Es scheint zu funktionieren, denn immer mehr internationale Konzerne eröffnen Büros in Israel. Über 320 Unternehmen haben sich dort niedergelassen, BASF, Bosch, Siemens und Daimler sind nur einige der großen Namen. Das Ziel des israelischen Gründers ist der erfolgreiche Exit. Dafür arbeitet er hart und schnell. „The fastest way to the second-best solution“ ist so ein Satz, den man hier öfter hört. Scheitern gehört genauso wie erfolgreich gründen zum Unternehmertum. Gescheitert ist das Gutscheinunternehmen Zeek auf jeden Fall nicht. Es eröffnet sein erstes Deutschland-Office bald in Düsseldorf und hat sich ganz bewusst für die Landeshauptstadt entschieden. „Ich habe mir vor Ort selbst ein Bild gemacht und finde Düsseldorf toll. Die Direktverbindung Düsseldorf–Tel Aviv ist ein echter Benefit. Kurze Wege inmitten der Stadt und zum Flughafen und eine gute Infrastruktur sind genauso gegeben wie eine sichere Umgebung, ein angenehmes Klima und eine Internationalität sowohl bei Konzernen wie auch in der Bevölkerung. Das hat mich überzeugt“, erläutert Gründer Daniel Zelkind seine Standortentscheidung.

Auf unseren Kaffeebechern im Hotel konnten wir jeden Morgen ein Zitat des Staatsgründers Ben Gurion lesen.

„Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.“ Vielleicht beschreibt es die Mentalität, die wir auf unserer Reise erleben durften, ganz gut und gilt als Inspirationsquelle, um das eigene Mindset stetig zu überdenken und zu erweitern. ●


Autor: Britt Wandhöfer

Kunst trifft Dopheide

„Wir haben die mobilste Zielgruppe der Welt“

Frank Dopheide, Geschäftsführer bei der Verlagsgruppe Handelsblatt, setzt sich gerne mal auf sein Rennrad, um Düsseldorf zu erkunden. Herausgeber Rainer Kunst sitzt auch nicht zum ersten Mal im Sattel. Für VIVID machen sie eine kleine Tour durch Düsseldorf.

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Treffpunkt 7:30 Uhr in der Carlstadt. Kunst und Dopheide kennen sich seit vielen Jahren. Dass beide gerne Rennrad fahren, ist erst bei der Planung für diesen Termin herausgekommen. Gemeinsam cruisen sie durch den Hofgarten, über die Königs­allee und bis zum neuen Sitz der Verlagsgruppe Handelsblatt auf die Toulouser Allee.

Kunst: Wie oft fährst du Rennrad?

Dopheide: Einmal in der Woche. Den Rhein runter und wieder hoch. Wenn ich keine Zeit habe: 25 Kilometer. Wenn ich Zeit habe: 40 Kilometer. Mit dem Fahrrad sehe ich mehr, als wenn ich nur jogge.

Kunst: Wie sieht für dich ein typischer Tag aus?

Dopheide: Ich stehe um halb sieben auf und frühstücke mein Kräuterquarkbrot. Dann schwinge ich mich auf mein Sparta Hollandrad, ein Erbstück meines Vaters, und radle zum Verlag. Dort sitze ich am Empfang und lese erst mal unsere Zeitungen und habe jeden Morgen eine Stunde Zeit, um mit Mitarbeitern ins Gespräch zu kommen. Viele Themen sind kein Geschäftsführungsmeeting wert, liegen den Mitarbeitern aber auf dem Herzen. So bekomme ich ein viel besseres Gefühl für unser Unternehmen. Ich spüre, wenn was nicht in Ordnung ist.

Ich habe kein Büro, ich bin da, wo das Thema ist.
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Kunst: Ihr seid umgezogen von der Kasernenstraße in die Toulouser Allee: Wie wichtig war dieser Umzug für die Verlagsgruppe?

Dopheide: Das alte Gebäude hatte mehrere Probleme. Es hatte keine Sichtbarkeit. Niemand wusste, dass das Handelsblatt seit Jahrzehnten in Düsseldorf sitzt. Wir stehen für Innovation – aber das wurde nicht ausgestrahlt. Wir wollen uns öffnen, eine Gemeinschaft zur Verbreitung wirtschaftlichen Sachverstands sein und der Empfang wirkte wie ein Hochsicherheitstrakt. Die Reputation unserer Marken ist groß und das Gebäude hat diese in der Wahrnehmung geschrumpft. Kurz vor Schluss haben wir Kundenbesuchsverbot erteilt.

Kunst: Stand es jemals zur Debatte, aus Düsseldorf wegzugehen?

Dopheide: Unser ehemaliger Herausgeber Gabor Steingart sieht Berlin als Hauptstadt, in der alles passiert. Unser Verleger Dieter von Holtzbrinck findet Frankfurt interessant, die Metropole der Finanzindustrie. Ich liebe Düsseldorf. Die Lebensqualität ist hoch, die Wege sind kurz. Unsere Kernzielgruppe ist der Mittelstand und der ist hier zu Hause. Und mit 1.109 Mitarbeitern umzuziehen, wäre kein leichtes Unterfangen. Düsseldorf hatte viele überzeugende Argumente.

Kunst: Nach welchen Kriterien wurde der neuer Standort gestaltet?

Dopheide: Wir sind alle unter einem Dach – aber haben unterschiedliche Marken. Handelsblatt, Wirtschaftswoche, IQ, Fachmedien, planet c, Euroforum – jede Marke muss ihre eigene Identität bewahren. Andere Segmente müssen dagegen zusammenwachsen, alle für einen – einer für alle. Wir haben Wände eingerissen – auch im Kopf. Wir haben die Kraft der Ressorts Print, digital, social an einem großen Tisch gebündelt. Und wir haben Pepper, unseren Roboter, eingestellt. Sie begrüßt dich jeden Morgen und lacht, wenn du ihr über den Kopf streichelst. Sie dokumentiert: Wir sind zukunftsgewandt. Es ist interessant, wie viele Mitarbeiter morgens mit ihr sprechen.

Kunst: Du verzichtest bei der Handelsblatt Media Group auf ein Büro.

Dopheide: Der Trainer gehört ans Spielfeld und nicht in die Präsidentenlounge. Deshalb habe ich kein Büro – sondern komme dorthin, wo das Thema ist. Den Großteil meines Tages arbeite ich mit Kunden. Eine Mittagspause mache ich meist nicht. Drei Tage die Woche bin ich abends auf Veranstaltungen und erst um 23 Uhr zu Hause. Sonst meist gegen 20 Uhr, um dann noch eine Stunde lang Mails zu beantworten.

Kunst: Wie sieht bei euch agiles 
Arbeiten aus?

Dopheide: Wir haben die Agenda-Freiheit ausgerufen. Arbeite, wo du willst. Das Weltgeschehen findet nicht in Düsseldorf statt – zumindest nicht jeden Tag. Die guten, schlauen Köpfe lassen sich nicht mehr ins Büro sperren. Da unsere Produktion viel mit Schreiben und Denken zu tun hat, geht das natürlich. Trotzdem brauchen die physische Begegnung. Um im direkten Gespräch in den Augen und zwischen den Zeilen zu lesen – das muss bleiben.

Kunst: Du kommst von Grey 
Worldwide. Mit welcher Vision führst du als Werber ein Verlagshaus?

Dopheide: Wir sind ein altehrwürdiges Verlagsunternehmen. Die Wirtschaftswoche gibt es seit 93 Jahren, das Handelsblatt seit 73 Jahren. Ich habe kaum eine innovationsärmere Branche in meinem gesamten Leben gesehen als die Zeitungsbranche. Die erste Tageszeitung kam 1650 in Leipzig auf die Welt. Schwarze Buchstaben auf Weiß, sechs Tage die Woche, handliches Format. Da frage ich mich: Was haben wir 368 Jahre lang gemacht? Höchste Zeit, die Zeitung neu zu erfinden.

Kunst: Wie unterscheiden sich die Entscheidungsfreiheiten bei Network­agenturen von der Verlagsgruppe Handelsblatt?

Dopheide: Große Networkagenturen sind systematische Organisationen. Sie sind nicht flexibel, nicht inspirierend und nicht lernfähig. Das Gegenteil von menschlich. Familiengeführte Unternehmen sind da anders. Es gibt vom Verleger eine klare Richtung: Sorgt dafür, dass es auch in den nächsten 93 Jahren die Wirtschaftswoche gibt. Die Erlöse werden wieder in das Unternehmen investiert. Verbreitet wirtschaftlichen Sachverstand und achtet auf die Demokratie.

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“Der Trainer gehört ans Spielfeld und nicht in die Präsidentenlounge.”

Kunst: Auf welchen Säulen basiert die Verlagsgruppe?

Dopheide: Das Gedruckte bleibt weiter wichtig. Und digital heißt nicht: gedruckt mit anderen Mitteln. Dieselbe Information, digital transportiert, wirkt anders. Digital ist aktivierend, informierend. Das Begreifen braucht schon das gedruckte Wort. Und wenn es wirklich kompliziert wird, brauchst du jemanden, der dich an die Hand nimmt und durch das Thema führt. Mit Konferenzen, Seminaren und Jahrestagungen, die neueste Trends beleuchten. Wir nennen das „Journalismus live“. Auf diesen drei Säulen stehen wir – und das haben wir auch in 
unserem neuen Markenzeichen dokumentiert: Gedruckt, digital und live. Weil es einfache Themen gibt, über die du informiert wirst. Schwierige, die du begreifen musst. Und wenn du ins Handeln kommen willst, brauchst du Journalismus live.

Kunst: Wie wird die Gewichtung in zehn Jahren sein?

Dopheide: Dieses Jahr haben zum ersten Mal die digitalen Erlöse die gedruckten überholt.

Es bricht eine neue Ära an. Die stärkste Dynamik sehen wir im Bereich live. Die Themen werden komplexer und jede Industriebranche muss sich neu erfinden und braucht dafür neue Plattformen. Digital wird deutlich weiterwachsen. Wir haben die mobilste Zielgruppe der Welt, die erreicht man am Schreibtisch kaum mehr. Print wird eine Statusfunktion haben. Wie eine teure Armbanduhr, die sich längst von der Funktion zur Reputation emanzipiert hat. Der Live-Bereich wächst auch, weil Networking zunehmend wichtiger geworden ist. Früher haben wir von der Kanzel herab gepredigt. Das ist vorbei.

Kunst: Wie hat sich Düsseldorf in 
deinen Augen in den letzten Jahren verändert?

Dopheide: Ich bin 1983 zum Studieren hergekommen. Damals hatte Düsseldorf wenig Profil und kaum Attraktivität. Düsseldorf hat unglaublich an Qualität gewonnen mit seiner Kreativität, seiner Professionalität, seiner Kultur und Architektur. Ich finde es sensationell. Die Nähe, die räumliche und menschliche, kommt erst jetzt zum Tragen. Hier herrscht ein energetischer Dreiklang aus Erfolg, Nähe und Kunst. Hier wird Zukunft gestaltet. ●


Name
Frank Dopheide

geboren am
29. Juli 1963

Familienstand
Verheiratet, 3 Kinder

Werdegang
Seit 2014 bei der Handelsblatt Media Group. Frank Dopheide ist Sprecher der Geschäftsführung. Zuvor war er Chairman bei Grey Worldwide. 2011 gründete er die Deutsche Markenarbeit, die sich auf das Thema Manager als Marke konzentriert.


Text: Karolina Landowski

Fotos: Franz Schuier

Ein Realist mit Visionen

Valentin Schütt lebt und arbeitet seit 18 Jahren in Düsseldorf. Mehr als zehn 
Unternehmen betreut er in den unterschiedlichsten Positionen. Sein bekanntester 
Erfolg: das Unternehmen Wunschgutschein. Sein Ziel: neue Ideen, die seine Branche nach vorne bringen, und die revolutionäre Zeit so nutzen, wie sie es möglich macht.

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Seine Karriere verdankt er dem Fahrrad. Ohne seinen Nebenjob als Fahrradkurier wäre er mit 16 Jahren vielleicht nicht auf den Großhändler getroffen, mit dem Valentin Schütt seine ersten kleinen Schritte im E-Commerce machte. Damals mit der Idee, einen Teil der Ware versuchsweise im Internet zum Kauf anzubieten. Zu einer Zeit, als eBay in Deutschland noch kein Begriff war und die Deutschen auch wochenlang freudig auf ein Paket warteten und glücklich waren, dass die lang ersehnte Ware tatsächlich ankam.

Das ist 25 Jahre her. Nach dem ersten kleinen – erfolgreichen – Schwimmversuch im Onlinehandel startete Valentin Schütt auf der Plattform Offerto, einem Vorgänger von eBay, als Händler, grub sich tiefer in die E-Commerce-Welt und entschied sich schließlich nach dem Abitur für ein berufsbegleitendes Studium an der FOM Hochschule für Ökonomie und Marketing.

Heute sitzt Valentin Schütt in einem Backsteinhaus im Hinterhof der Adersstraße im Schatten des Stresemannplatzes. Im Büro des Geschäftsführers von Digital Wishes. Hier arbeiten 30 Webdesigner, Marketingprofis und E-Commercer an Schütts wohl bekanntestem Produkt. Über der Eingangstür prangt der Schriftzug „Wunschgutschein“ – die Idee von Digital Wishes, mit der Schütt und sein Partner großen Erfolg feiern. Hinter dem Namen steckt ein Universal-Geschenk-Shoppinggutschein, der bei über 500 Partnern, darunter Amazon, C&A oder Zalando, einlösbar ist. Er kann online oder bei dm, Rossmann oder Aral gekauft werden. Insgesamt 30.000 Verkaufsstellen weist das Unternehmen aus. Dieses Jahr wird Digital Wishes laut Schütt ein Gutscheinvolumen im mittleren zweistelligen Millionenbereich umsetzen.

Dass man in einer 
solchen Zeit lebt, in 
der man so viel bewegen kann, passiert vielleicht alle hundert Jahre 
einmal.

Digital Wishes ist aber nur eines von mehr als zehn Unternehmen, in denen Schütt direkt oder mit Investments aktiv ist. Das Unternehmen ist Teil der Beteiligungsgruppe Seven Miles, zu der ebenfalls die Lottowelt AG zählt – eine Onlineplattform, die sich zum führenden gewerblichen Vermittler von staatlichem Lotto entwickelt hat und durch die erstmals auch Lottospielen bei ALDI und Penny angeboten wurde. Weitere Namen in Schütts Portfolio: die Beteiligungsgesellschaft Nexec Holding und die ViA-Online GmbH. Mit seiner Beteiligung an dem Krefelder Unternehmen wurde Schütt dort vom ehemaligen Geschäftsführer zum Eigentümer. ViA-Online bietet mit Afterbuy eine Multi-Channel-Software für Onlinehändler an, die mittlerweile von mehr als 120.000 Händlern genutzt wird. 50 Leute arbeiten an dem Produkt. Dahinter steckt quasi eine All-in-one-Lösung, mit der Händler ihre Onlineverkäufe nahezu voll automatisiert steuern und managen können – also verschiedene Plattformen wie eBay und Amazon einbinden, Kommunikation mit dem Kunden abwickeln und Kaufprozesse steuern.

Seine Vita und vor allem sein Portfolio zeigen: Valentin Schütt ist im E-Commerce zu Hause, nirgendwo kennt er sich besser aus. Sein Erfolg verspricht: Auch seine nächste Idee wird funktionieren. Nicht zuletzt, weil Schütt kein Träumer, sondern ein Realist ist, der die Zeichen der Zeit sieht und sie zu nutzen weiß. „Dass man in einer solchen Zeit lebt, in der man so viel bewegen kann, auch mit wenigen Ressourcen, passiert vielleicht alle hundert Jahre einmal.“ Und genau das tut Schütt. Das Schöne am Unternehmersein für ihn: „Ich kann sehr stark nach meinen eigenen Überzeugungen arbeiten und die Dinge, an die ich glaube und in denen ich das meiste Potenzial sehe, selber voranbringen.“

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“Menschen sollten für den Erfolg am besten das tun, worin sie gut sind.”

Gründen ist für ihn eine Tätigkeit, kein Berufsstand. Sein Mantra lautet: Menschen sollten für den Erfolg am besten das tun, worin sie gut sind. „Ich bin ein Fan davon, dass Menschen dort arbeiten, wo sie ihre Talente haben – das gilt sowohl für mich selbst als auch für meine Mitarbeiter“, sagt Schütt. Das wichtigste sei Motivation und Spaß am Produkt und der Arbeit.

In Düsseldorf sieht sich Schütt etwas fern des Hypes, der in der Start-up-City Berlin umgeht. „Sie ist unbestritten beim Onlinegeschäft die deutsche Nummer eins“, sagt Schütt.

Die Hauptstadt habe den Vorteil eines kompletten Ökosystems mit Infrastruktur, Gründern, Investoren und vielen Veranstaltungen. „In Düsseldorf ist es definitiv geerdeter, wenn man so will“, meint Schütt. „Wo wir in Berlin vielleicht mehr auf Netzwerktreffen und Events wären, verbringen wir hier mehr Zeit im Büro und arbeiten konkret an unseren Projekten.“ Schmunzelnd fügt er hinzu: „Wir sind vielleicht die solideren Unternehmer.“ Das spricht für Schütt. Er ist ein realistischer Visionär – ein Mann mit neuen Ideen, dem Planungssicherheit wichtig ist.

Schütts ganz persönliche Vision für die Zukunft: In zehn Jahren möchte er weniger arbeiten, noch einmal weniger in das Tagesgeschäft seiner Unternehmen eingebunden sein. Zwar auch, um mehr Freizeit zu haben, aber auch, um den Realisten in den Urlaub zu schicken und dem Visionär mehr Freiraum zu lassen. „Mein Traum wäre es, dann mal mehr Ideen auszuprobieren, bei denen ich viele der dafür notwendigen Fähigkeiten neu lernen muss – etwa weil ich diesen Sektor nicht oder nur wenig kenne“, sagt Schütt. Am Ende also vielleicht doch vom Realisten zum Träumer – aber aus purem Spaß am Unternehmertum. ●

Mein Traum wäre es, dann mal mehr Ideen auszu-probieren, bei denen ich viele der dafür notwendigen Fähigkeiten neu lernen muss – etwa weil ich diesen Sektor nicht oder nur wenig kenne.

Text: Katja Joho