All Eyes on Düsseldorf’s Hidden Champions

 

Eine aktuelle Studie der NRW-Landesregierung belegt: Düsseldorf ist Hidden-Champions-Hochburg! Die „heimlichen Weltmarktführer“ verbinden Tradition, Innovation und Internationalität auf beeindruckende Weise und unterstreichen die wichtige Rolle der Landeshauptstadt als Tech-Standort.

 

Haben Sie sich schon mal gefragt, welche Firma höchstwahrscheinlich die kleinen Clips herstellt, die die Pelle Ihrer Wurst im Kühlschrank zusammenhalten? Welche Firma die Spezialmaschinen baut, die Ihren Tee in die kleinen Beutelchen füllt und verpackt? Oder welches Unternehmen die riesigen Hafenkräne produziert, die tonnenschwere Schiffscontainer hin und her hieven? Vermutlich eher nicht. Kein Wunder – das sind ja auch „Hidden Champions“. Den Begriff hat 1990 der BWL-Professor Hermann Simon eingeführt (siehe Interview S. 18). Er meint damit Unternehmen, die – mehrheitlich familiengeführt – zu den Weltmarktführern in ihrer Branche bzw. ihrer Nische zählen, die sich in einer bestimmten Umsatzregion bewegen und die gleichzeitig der breiten Öffentlichkeit unbekannt sind. So erfolgreich macht Hidden Champions eine besondere Kombination: Auf der einen Seite konzentrieren sie sich strikt auf ausgewählte Produkt- und Kundensegmente und können dadurch im Wettbewerb einzigartige Qualität erreichen, branchenweite Technologiestandards setzen und Innovationen vorantreiben; auf der anderen Seite erwirtschaften sie mit dieser Ausrichtung einen Großteil ihres Umsatzes im Ausland – häufig mit Exportquoten von über 90 Prozent. 

Weil diese heimlichen Champions so wichtig für die hiesige Wirtschaft sind, will die Landesregierung ihnen mehr Sichtbarkeit geben, ihre Struktur und Charakteristika besser verstehen – und so noch bessere Rahmenbedingungen für ihre Wettbewerbsfähigkeit schaffen. Eigens dafür hat das Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen im vergangenen Jahr eine umfassende Studie in Auftrag gegeben. „Bei den Kriterien zur Identifikation der Hidden Champions in NRW haben wir uns grundsätzlich an Professor Simons Definition orientiert (Marktführer in Europa oder unter den Top 3 der Welt sowie Umsatz von < 5 Mrd. €), diese aber noch leicht modifiziert. So haben wir zum einen eine Untergrenze von mindestens 10 Mitarbeitern eingeführt. Zudem haben wir den Bekanntheitsgrad (das „hidden“ in der Definition) nicht in die Identifikation der Hidden Champions aufgenommen, da es subjektiv ist und sich nur sehr schwer operationalisieren lässt“, erklärt Studienleiter Prof. Dr. Jörn Block, Sprecher des Forschungszentrums Mittelstand und Leiter der Professur für Unternehmensführung der Universität Trier. 

„Wenn man sich die Ergebnisse anschaut, kann man aber erkennen, dass rund 80 Prozent der Firmen bei Endverbrauchern unbekannt sind. Weil sie zum Beispiel rein B2B unterwegs sind oder eine absolute Nische besetzen.“

Prof. Dr. Jörn Block
Spokesman of the Research Center for Small and Medium-Sized Businesses and Head of the Chair for Corporate Management at the University of Trier

So verwundert es nicht, dass auch zumindest einige relativ bekannte Firmen in der Ergebnisliste der Studie auftauchen – in Düsseldorf zum Beispiel ARAG, Hakle oder die Parfümerie Douglas. „Wenn man sich die Ergebnisse anschaut, kann man aber erkennen, dass rund 80 Prozent der Firmen bei Endverbrauchern unbekannt sind. Weil sie zum Beispiel rein B2B unterwegs sind oder eine absolute Nische besetzen“, sagt Prof. Dr. Block. 

Insgesamt 690 Hidden Champions in NRW konnten auf dieser Basis identifiziert werden. In absoluten Zahlen liegt NRW damit bundesweit an der Spitze, noch vor Bayern und Baden-Württemberg. Allein 34 Hidden Champions haben ihren Firmensitz in Düsseldorf. Damit sticht die Landeshauptstadt neben Köln etwas heraus aus der Studie, denn der Großteil der Hidden Champions ist sonst eher in ländlicheren Regionen wie zum Beispiel Südwestfalen oder das Bergische Land zuhause. In diesen Gegenden sind ganz spezielle Kompetenzen über Jahrzehnte historisch gewachsen wie zum Beispiel die Solinger Messer-Wirtschaft oder das Draht-Cluster in Südwestfalen. Warum dann Düsseldorf so heraussticht? „In der Stadt gibt es neben den bekannten Großunternehmen und Konzernen eben auch viele Mittelständler und diese haben eben auch eine Speerspitze an besonders exportorientierten Unternehmen – die Hidden Champions“, sagt Prof. Dr. Block. Typisch ist, dass besonders viele von ihnen in technologieorientierten Branchen unterwegs sind: Maschinenbauer wie NILOS, Ultrafilter, Lösche oder Demag Cranes zum Beispiel; Metallerzeuger und/oder -bearbeiter wie etwa Balcke-Dürr, Steeltec oder voestalpine; Hersteller von elektronischen Erzeugnissen wie Kiepe Electric. Das zeigt auch die besondere Bedeutung Düsseldorfs als Tech-Standort – was ebenso durch die Neugründung des Tech-Hub K67 unterstrichen wird (siehe Info-Kasten). Aber auch andere Branchen sind dabei: IT-Services/Digitalunternehmen wie Peakwork oder Einzelhändler wie Fashionette oder Douglas eben. Nicht nur traditionelle, etablierte Player passen in das Raster, auch Start-ups wie Volunteerworld. On top kommen nicht in der Studie erfasste Hidden Champions, die zumindest Niederlassungen in der Landeshauptstadt eröffnet haben, um vermutlich vor allem Fachkräften ein attraktives Lebensumfeld zu bieten. „Grohe ist in meinen Augen ein solches Beispiel. Der Hersteller von Armaturen und Sanitärprodukten hat seine Zentrale im sauerländischen Hemer, den Verwaltungssitz jedoch in Düsseldorf“, sagt Prof. Dr. Block.

„Der Wettbewerb im Markt findet immer mehr über das Geschäftsmodell und nicht über das Produkt statt. Um hier mitzuhalten, muss sich der Hidden Champion fragen: Kann ich das alles noch allein leisten oder brauche ich vielleicht auch Partner dafür?“

Es ist nicht nur so, dass immer mehr Hidden Champions – etwa durch Öffentlichkeitsarbeit – bekannter werden wollen und in puncto Fachkräftemängel auch bekannter werden müssen, auch gesellschaftliche Megatrends wie Digitalisierung und Nachhaltigkeit lösen Veränderungsprozesse bei ihnen aus: Basierte das alte Geschäftsmodell des Hidden Champion meist auf einem physischen Produkt, das in seiner Nische Qualitäts- oder Technologieführer war, wollen Kunden heute mehr: „Sie wollen zum Beispiel eine gute, vor allem digitalisierte Dienstleistung um das Produkt herum. Oder sie wollen Produkte nicht mehr kaufen, sondern nur mieten. Der Wettbewerb im Markt findet also immer mehr über das Geschäftsmodell und nicht über das Produkt statt. Um hier mitzuhalten, muss sich der Hidden Champion fragen: Kann ich das alles noch allein leisten oder brauche ich vielleicht auch Partner dafür?“, erklärt Prof. Dr. Block. In puncto Nachhaltigkeit sieht der Experte einen möglichen Vorteil bei Hidden Champions gegenüber anderen Unternehmen: „In Interviews habe ich häufig erlebt, dass zum Beispiel ein Maschinenbauer sagt: „Unsere Maschinen sind auch die Besten, was die Energieeffizienz angeht. Das setzen wir jetzt auch bewusst ein. Während die Kunden früher nicht bereit gewesen wären, dafür mehr Geld zu zahlen, sind sie es jetzt immer mehr.“


Key facts of the “Hidden Champions in NRW” study

Criteria for the definition of a hidden champion:

  • Market leader in Europe or among the top 3 in the world 

  • Turnover between 2 million and 5 billion euros +

  • At least 10 employees

Important study results:

  • 690 hidden champions were identified statewide
    on these criteria.

  • NRW thus has the most hidden champions of all the federal states.

  • Together, these NRW companies have a turnover of more than 150 billion euros and employ almost 1 million people.

  • Among the cities with the most Hidden Champions, Düsseldorf ranks second (34 Hidden Champions) behind Cologne (47) and ahead of Bielefeld (19).

  • Distinctive trait: strict concentration on selected product and customer segments, resulting in unique quality, industry-wide technology standards and a high degree of innovation.

  • Many hidden champions have strong international business - with export quotas of over 90 percent

 

Die besondere Ausrichtung vieler Hidden Champions – totale Fokussierung auf ein Produkt oder Kundensegment sowie hohe Exportquote – kann auch besondere Risiken mit sich bringen, insbesondere in diesen volatilen Zeiten. Denn wer sich stark fokussiert, ist auch anfälliger, wenn gerade dieser Fokus bedroht ist. „Ein Beispiel dafür ist die Automobilindustrie, die sich derzeit immer mehr vom klassischen Antrieb hin zur Elektromobilität bewegt. Für viele Zulieferer ist es eine riesige Herausforderung, diesen radikalen Schwenk hinzubekommen“, so Prof. Dr. Block. Schwierig könnte es auch werden, wenn wir global gesehen zunehmend in einen „westlichen Wirtschaftsblock“ und einen „östlichen Wirtschaftsblock“ geraten, in dem wechselseitig mehr Zölle erhoben werden. Dabei muss man natürlich stark differenzieren, in welche Länder und wie viele Länder ein Hidden Champion exportiert, sprich wie abhängig er von bestimmten Abnehmerländern wirklich ist. Eine mögliche Lösung in solchen Problemfällen könnte sein: Die Fähigkeiten, die oft über Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte aufgebaut wurden, auch in neuen Produktmärkten einsetzen! „Wenn ich zum Beispiel ein Spezialist für Erdgaspumpen bin, könnte ich schauen: In welchen Wirtschaftsbereichen könnten meine speziellen Pumpen noch eingesetzt werden? Welche anderen denkbaren Anwendungen gibt es?“, so Prof. Dr. Block.

geographical distribution of hidden champions in north rhine-westphalia

Die aktuelle Studie der Landesregierung ist eine erste gute Basis, um Sichtbarkeit für Hidden Champions zu schaffen. Aber was können Politik und Wirtschaftsförderung noch tun, damit diese überaus erfolgreichen Unternehmen auch in Zukunft erfolgreich sind? „Man könnte zum Beispiel versuchen, die Hidden Champions stärker mit Start-ups zusammenzubringen. Warum soll denn ein Start-up meist aufgekauft werden von einem Investor oder einem Großkonzern und nicht von einem mittelständischen Weltmarktführer? Wie kann man vielleicht eine gemeinsame Allianz in Form einer Kooperation oder
einem Joint Venture schmieden? Das erfordert natürlich auch eine Offenheit seitens der Hidden Champions dafür, Risiken einzugehen und zu akzeptieren, dass andere Fähigkeiten zum eigenen Produkt-Knowhow hinzukommen“, so Prof. Dr. Block. Eine andere Option sei, die Unternehmen zu befähigen mit ihren bestehenden Technologien auch in neue Märkte eintreten zu können, um sich breiter aufzustellen. Auch weitere Studien könnten hilfreich sein, um neues Wissen über die Hidden Champion Strategie und deren Anpassung in den aktuell turbulenten Zeiten zu generieren. Ziel sollte sein diese (noch) heimlichen Marktführer noch besser zu verstehen, zu unterstützen – und von den Klassenbesten auch lernen zu können. •


So werden Tech-Start-ups gefördert:

Seit wenigen Wochen hat Düsseldorf einen TechHub: Das K67, benannt nach dem Standort Kasernenstraße 67, versteht sich als offener Raum für Tech-Innovationen. Und zwar für solche, die sich zwischen der Acceleration-Phase am Anfang und der späteren Wachstums-Phase finden. Das Konzept dahinter: Start-ups mit Schwerpunkt Digitalisierung und Technologie können sich um einen von 20 sogenannten TechDesks bewerben, die kostenlos für ein halbes Jahr zur Verfügung gestellt werden. Neben dem Arbeitsplatz bietet K67 ihnen ein Coaching- und Networkingprogramm, um Kontakte zu Investoren herzustellen. Jeder Desk wird ermöglicht von einem Paten aus der regionalen Privatwirtschaft, der wiederum exklusiven Zugang zu den Startups und dem Netzwerk des K67 bekommt. Der TechHub ist angesiedelt im Headquarter des Finanzdienstleister Auxmoney. Expertenwissen zu Risikokapital und Verbindungen in die deutsche und europäische Start-Up-Szene sind dadurch auch gegeben.
www.techhubk67.de


Words Tom Corrinth
Pictures Uni Trier