Independence Rules

 

Vor 35 Jahren gründete der DJ Henry Storch das Plattenlabel Unique Records und sieben Jahre später den gleichnamigen legendären Club in der Düsseldorfer Altstadt. Der Club schloss 2006 seine Pforten, das Label blieb. Nach dem plötzlichen Tod von Henry Storch 2018 übernahm dessen damalige Mitarbeiterin Ina Schulz das Management der Plattenfirma. Im Gespräch mit Vivid erklärt die Managerin, wie sie als Labelhead von Unique Records und Head of International Product Management bei Schubert Music Europe ihren Job versteht, wie die Akteur:innen der Indiemusik die Disruption der letzten Jahre bewältigt haben – und welche neuen Erlösmodelle es für Künstler:innen gibt. 


 

 Frank Popp 


Unique Records haben Kultstatus in Düsseldorf. Zum 30-jährigen Jubiläum gab es eine große Ausstellung im KIT. Was ist der Grund für diesen hohen Stellenwert? 

Das ist das Verdienst von Henry Storch und den Leuten, die er zusammengebracht hat. Im Unique haben sich Leute kennengelernt, die später geheiratet und Kinder bekommen haben. Das Unique war eine Institution, dahinter steckte kein großer Marketingplan. Henry Storch hat gemacht, wozu er Lust hatte – und er wollte eine Nische füllen. Dieser Vibe wurde weitergetragen. Außerdem war er ein guter DJ, der dafür gesorgt hat, dass die Leute Spaß haben. Das hat natürlich dem Label extrem geholfen, auch nach seinem Tod weiterzubestehen. Für mich hängt die Latte dadurch hoch. Ich möchte der musikalischen Qualität, die Henry vorgegeben hat, gerecht werden. 

Welche Künstler:innen veröffentlichen derzeit auf Unique Records? Gibt es ein Zugpferd? 

Love Machine aus Düsseldorf und das Frank Popp Ensemble. Und Lucy Kruger & The Lost Boys aus Südafrika. 2020 hat Schubert Music mit Hauptsitz in Warschau Unique Records gekauft.

Was sind die Vorteile für Deinen Job, was die Nachteile? 

Ich sehe vor allem Vorteile: Ich bin jetzt angestellt, habe ein anderes Budget und kann bestimmte Dinge besser abfangen. Fehlentscheidungen sind so einfacher zu korrigieren. Natürlich muss ich mich jetzt finanziell rechtfertigen. Ich sehe das aber als eine Möglichkeit, mich selbst zu kontrollieren. Und die internationale Struktur von Schubert Music erlaubt es mir, die Künstler:innen leichter ins Ausland zu vermitteln – auf Konzerte oder für Werbung. Andreas Schubert war ein guter Freund von Henry Storch – sie hatten bereits 2013 zusammen den Unique Musikverlag gegründet. Daher hat Unique seine Identität durch die Übernahme nicht eingebüßt. Ganz ehrlich: Wären wir im Januar 2020 nicht gekauft worden, dann hätten wir die Pandemie nicht überlebt. 

Im Unique haben sich Leute
kennengelernt, die später
geheiratet und Kinder
bekommen haben. Das Unique
war eine Institution.

Botticelli Baby 

Wie seid ihr mit der Pandemiesituation umgegangen? 

Ich stand in engem Austausch mit den Künstler:innen. Wir haben versucht, Konzepte zu entwickeln, mit deren Hilfe man trotz fehlender Life-Shows zu seinen Fans Kontakt halten kann. Zum einen gab es die Möglichkeit, das Bandcamp-Geschäft ausbauen. Bandcamp ist eine US-amerikanische Plattform für Künstler:innen, auf der sie im Prinzip eine eigene Website unterhalten können. Viele haben aber auch am eigenen Shop gearbeitet oder Inhalte für Social Media produziert. Aber die Zeit ohne Konzerte war hart, denn für uns als Independent-Label ist der Life-Markt unheimlich wichtig. Wenn beispielsweise Love Machine keine Konzerte geben, verkaufen wir 50 Prozent weniger Tonträger. Die Konzerte sind auch für die Bands eine wichtige Einnahmequelle und steigern die Bekanntheit und generieren mehr Klicks auf Social Media. Wenn die Künstler:innen nicht spielen können, kaufen sie uns kein Merchandise-Material ab. Wir haben seit der Pandemie mehr Förderungen in Anspruch genommen, hauptsächlich von der ‚Initiative Musik’, und wir helfen den Bands und Musiker:innen diese Fördergelder zu bekommen. 

Der Einfluss von Streaming-Diensten wie Spotify, Amazon oder Apple wächst stark. Was macht das mit der Musikindustrie und der Arbeit der Plattenfirmen? 

Generell nutzen wir Streaming-Dienste als Möglichkeit, Künstler:innen bekannter zu machen. Es ist inzwischen unerlässlich, auf bestimmten Plattformen sichtbar zu sein, auch wenn es sich finanziell nicht unmittelbar auszahlt. Unser Digitalvertrieb sorgt dafür, dass die Songs in den Stores sicht bar sind, hier wird also auch noch eine Marge fällig, so dass am Ende ein kaum nennenswerter Betrag an uns geht. Es lohnt sich also nur in dem Sinne, dass wir wissen, dass unsere Künstler:innen gefunden werden. Wir halten die Künstler:innen an, diese Instrumente zu nutzen. Uns helfen sie, Konzerte zu bewerben, auf denen im besten Fall auch eine analoge Platte verkauft wird. Denn wir selbst verdienen mit dem Verkauf von physischen Tonträgern immer noch das meiste. Die Marge ist hier einfach viel höher, auch wenn die Herstellungskosten gestiegen sind. 

The Sweet Vandals 

Welche Möglichkeiten gibt es für Künstler:innen,  ihre Erlöse zu steigern? 

Es gibt zum Beispiel Patreon, eine der größten Plattformen, auf der Künstler:innen in Kontakt mit ihren Fans treten können. Als Fan kannst du ein monatliches Abo zu einem von dir bestimmten Preis abschließen. Man bekommt im Gegenzug nicht immer unbedingt etwas Materielles – vielleicht ist es ein Zugang zu bestimmten limitierten Auflagen oder ein VIP-Zugang zum Kartenvorverkauf oder zu Gästelisten. Manche Künstler:innen veröffentlichen dort Gedichte, führen ein Videotagebuch, lassen ihre Fans an ihrem Leben, an Proben oder Songwriting-Sessions teilhaben. Die amerikanischen Künstler:innen sind da bereits sehr offen, weil sie kein soziales Absicherungsnetz haben. In Deutschland sehe ich noch viel Potenzial, denn es gibt extrem viele Leute, die bereit sind, ihre Lieblingsbands zu unterstützen. Ich kenne Künstler:innen, die einen Großteil ihres Einkommens dadurch bestreiten. 

Vinyl erlebt ein Revival. Macht sich das bei euch bemerkbar?

Da die Nachfrage nach Vinyl wieder größer ist, können wir auch wieder höhere Auflagen produzieren, wenn auch mit Vorsicht. Denn die Produktionskosten für Vinyl haben angezogen und wir können diese Kosten nicht eins zu eins an die Endverbraucher:innen weitergeben. Das würde dazu führen, dass weniger gekauft wird. Dennoch, die Entwicklung ist spürbar. Inzwischen liegt der Vinyl-Anteil bei uns wieder bei 40 Prozent. Wir würden auch eher auf CDs verzichten als auf Vinyl.

Links: Suprafon

Lucy Krüger 

Wo liegt die Zukunft der Branche?

Ich sehe sie bei unabhängigen Künstler:innen, die nahe bei ihren Fans sind. Denn eine treue Fanbase ist sehr krisensicher. Außerdem würde ich mich der stärker werdenden Digitalisierung nicht entgegenstemmen. Wenn mir KI hilft, einen Pressetext zu schreiben, dann habe ich mehr Kapazitäten zu überlegen, wie ich attraktive Produkte aufbaue. Oder ich kann mich in der Zeit politisch engagieren. • 


Words: Ilona Marx
Pictures: PR, Nora Heidi Meyer-Volland, Christof Wolff, Martin Hinse, FotoSchiko, Suzan Köcher / Francis Broek