BRIDGING CONTINENTS
Deutschland ist wichtigster Handelspartner der Türkei mit einem großen bilateralen Marktvolumen. Viele türkische Unternehmen haben sich für einen Standort in NRW entschieden – Düsseldorf zählt zu den beliebtesten.
Brücken bauen: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Aziz Sariyar, Vorstandsvorsitzender von ATIAD e.V., beim Deutsch-Türkischen Wirtschaftstag 2024 in Düsseldorf.
Zum Deutsch-Türkischen Wirtschaftstag finden sich immer wieder internationale Gäste aus Wirtschaft und Politik ein. Der nächste findet am 18. April 2026 statt.
Laut dem Wirtschaftsministerium NRW gibt es allein in Nordrhein-Westfalen 1.170 türkische Unternehmen, die 5.200 Arbeitsplätze bereitstellen. Im letzten Jahr generierten sie fast 700 Millionen Euro Umsatz, das entspricht ca. 22 Prozent des Gesamtumsatzes der insgesamt 3.000 türkischen Unternehmen in ganz Deutschland. Aziz Sariyar ist Vorstandsvorsitzender von ATIAD, einer wirtschaftlichen Organisation, die sich seit 1992 europaweit für türkische Unternehmen aus allen erdenklichen Branchen einsetzt.
Er betont, dass ATIAD kein politischer Verband sei, weder eine bestimmte Meinung noch eine Regierung vertrete oder ihr nahestehe; auch einen religiösen Hintergrund schließe man für sich aus. „Es geht uns um wirtschaftliche Beziehungen, mit der Zeit sind gesellschaftliche Themen hinzugekommen, bei denen wir als Ansprechpartner zur Seite stehen. Außerdem bauen wir Brücken und vermitteln unsere Mitglieder an entsprechende Behörden, Institutionen, Kommunen und die Landesregierung“, so Aziz Sariyar weiter. ATIAD organisiert auch regelmäßig Seminare, Vorträge und Workshops für alle Interessierten, auch außerhalb des Verbands. „Unsere wichtigste Veranstaltung ist der jährlich stattfindende Deutsch-Türkische Wirtschaftstag mit internationalen Gästen aus Politik und Wirtschaft, der am 18. April 2026 bereits das neunte Mal stattfindet.“ ATIAD engagiert sich in der türkischen Community, unterstützt Jugendliche beim Einstieg ins Berufsleben, ermutigt Unternehmer:innen, auszubilden oder hilft kleinen Familienunternehmen, sich zu professionalisieren oder Nachfolgeprobleme zu lösen.
„Viele türkische Unternehmen sind in den letzten Jahren nach NRW gekommen oder haben hier investiert. Andersherum sind deutsche Unternehmer:innen aufgrund der politischen Konstellation in der Türkei etwas verhaltender. Man kann also durchaus von einer deutsch-türkischen Freundschaft sprechen, die allerdings noch ausbaufähig ist“, fasst Aziz Sariyar zusammen. Türkischstämmige in Deutschland seien von Arbeiter:innen zu Arbeitgeber:innen geworden, seien nicht nur Unternehmer:innen in vielen Branchen, sondern auch Führungskräfte, Manager oder Vorstandsvorsitzende, Anwält:innen und Ärzt:innen. Das sei eine positive Entwicklung. – „Wir sollten mehr Erfolgsgeschichten erzählen“, sagt er.
„Viele türkische Unternehmen sind in den letzten Jahren nach NRW gekommen oder haben hier investiert“
Eine Erfolgsgeschichte kann der türkische Unternehmer Ercivan Yagis (2.v.l.), Gründer und Gesch.ftsführer der Babgencel GmbH, erzählen. Sein Unternehmen produziert u.a. professionelle und medizinische Desinfektionsmittel für Krankenhäuser.
Eine dieser Erfolgsgeschichten ist die des türkischen Unternehmers Ercivan Yagis, Gründer und Geschäftsführer der Babgencel GmbH, die u.a. professionelle und medizinische Desinfektionsmittel für Krankenhäuser produziert. „Um unsere Präsenz auf dem europäischen Markt zu stärken, haben wir 2018 die Babgencel GmbH in Düsseldorf gegründet“, erzählt er. Der Start in der Landeshauptstadt verlief für ihn reibungslos, auch durch die Kontaktaufnahme zu NRW.Global Business. „Der türkische Vertreter Dr. Adem Akkaya und sein Team haben uns von Anfang an sehr unterstützt“, erzählt Yagis. Das Standing von türkischen Unternehmen auf dem deutschen und dem gesamteuropäischen Markt hat sich aus seiner Sicht in den letzten Jahren deutlich verbessert, sie konkurrierten nicht mehr nur über den „Preisvorteil“, sondern über Qualität, Flexibilität und Schnelligkeit, was nicht nur ihre Position, sondern auch die deutsch-türkischen Beziehungen stärke. „Diese sind seit Jahren tief verwurzelt und vielschichtig und beschränken sich nicht nur auf die wirtschaftliche Zusammenarbeit.“ Dass sich Ercivan Yagis für einen Firmensitz in Düsseldorf entschieden hat, hat neben der geografischen Lage auch mit der großen Wirtschaftskraft von NRW zu tun. Dafür sorgen hier ansässige internationale Unternehmen, Industriegebiete, die gute Infrastruktur sowie Präsenzen von Institutionen wie der AHK, ATIAD, der Türkisch Deutschen Unternehmervereinigung e.V TDU oder der Türkisch-Deutschen Handelskammer.
„Mit der Zeit habe ich gelernt, dass Fachwissen, Authentizität und Ausdauer stärker sind als jedes Vorurteil“, so Esma Gulten, Mitgründerin und Gesch.ftsführerin bei Gizil, hier mit ihrem Team bei der AUTOMA 2025.
Auch das Technologieunternehmen Gizil hat seinen Standort in Düsseldorf gewählt und kann auf eine beachtliche Erfolgsgeschichte zurückblicken. „Wir helfen Industrieanlagen wie z.B. Chemieparks, Raffinerien und Tankterminals dabei, den Schritt von traditionellen zu digitalen und datengetriebenen Arbeitsweisen zu gehen“, erklärt Esma Gulten, Ingenieurin sowie Mitbegründerin und Geschäftsführerin bei Gizil.
„Das ATIAD-Team hat uns schnell in das lokale Unternehmernetzwerk integriert, was uns sehr geholfen hat“, erzählt sie. NRW.Global Business ermutigte das Unternehmen, Nordrhein-Westfalen und Düsseldorf als Standort zu wählen, anschließend unterstützten die Start2 Group und digihub Düsseldorf/Rheinland Gizil bei der Internationalisierung. Auch Esma Gulten sieht die deutsch-türkischen Beziehungen als weitreichender als nur auf wirtschaftlicher Ebene, „Sie sind menschlich, kulturell und emotional gewachsen. Immer mehr Unternehmerinnen und Unternehmer mit türkischen Wurzeln prägen die deutsche Innovationslandschaft – insbesondere in Technologie und Nachhaltigkeit.“ Dass sie als Frau in einer eher männerdominierten Branche tätig ist, sieht sie als Chance. „Mit der Zeit habe ich gelernt, dass Fachwissen, Authentizität und Ausdauer stärker sind als jedes Vorurteil.“
Derzeit expandiert Gizil stark in den globalen Markt. Die Stadt Düsseldorf sieht Esma Gulten dabei als gute Homebase für ihr Unternehmen. Auch persönlich fühle sie sich hier sehr wohl. „Düsseldorf ist vielfältig, dynamisch und international. Ein Ort, an dem Business und Leben gleichermaßen funktionieren.“ •
Words: Katja Vaders
Pictures: ATIAD e. V., Babgencel GmbH, GiZiL intern