Campusfeeling im Büro

So soll das Palmenhaus auf dem Factory Campus in zwei Jahren aussehen

So soll das Palmenhaus auf dem Factory Campus in zwei Jahren aussehen

Noch vor zehn Jahren waren Einzelbüros der Standard, Kommunikation fand nur in der Mittagspause oder nach Feierabend statt. Heute setzen moderne Unternehmen auf das sogenannte Campusfeeling: alles offen, Pflanzen, Fitnessraum, Café und Restaurant. Doch was ist dran an den Vorteilen eines Arbeitscampus?

Auf dem Factory Campus an der Erkrather Straße soll in den nächsten zwei Jahren die Idee der modernen Arbeitswelt fertiggestellt werden. Auf circa 29.000 Quadratmetern entstehen dort Büros, Ateliers, Restaurants, ein Palmenhaus, Yogaraum etc. Egal, ob als Freiberufler oder als Unternehmen: Platz ist für jeden, der sich von dem Konzept angesprochen fühlt. Futuristisch oder innovativ ist die Idee von einem gemeinschaftlichen Arbeitskosmos aber nur auf den ersten Blick. „Das Campusfeeling erfährt gerade eine Art Renaissance. Wenn man sich die Zeit vor der Industrialisierung anschaut, dann war das ganz ähnlich. Da arbeitete man in Höfen, in Werkstattgemeinschaften – alle in direkter Nachbarschaft. Man erinnere sich an einen landwirtschaftlichen Betrieb. Da gab es einen Schmied, einen Schlachter, einen Melker und alle saßen zum Essen an einem Tisch. Verschiedene Berufe in großer Nähe zueinander und im engen Austausch“, erzählt Ralf Neuhäuser, Botschafter des Factory Campus.

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„Es geht schon lange nicht mehr darum, Flächen zu erzeugen, die die höchste Effizienz haben“

Factory Campus nach der Fertigstellung 2020

Das Thema Arbeiten 4.0 ist für ihn eine Passion. Neuhäuser sorgt dafür, dass die Leute sich auf dem Campus kennenlernen und voneinander partizipieren. Er bietet auch Führungen auf dem Gelände an. „Bei uns gibt es jetzt schon so viele unterschiedliche Firmen und Menschen, die hätten sonst nicht zusammengefunden. Man lernt voneinander, man unterstützt, man inspiriert. Wir sind das Gegenteil eines Nine-to-five-Joberlebnisses. Da kommt man morgens an und setzt sich in einen austauschbaren weißen Raum. Wir haben hier unterschiedliche Arbeitsbereiche, man kann sich also einen Raum suchen, der zu seiner Arbeit passt.“ Natürlich gebe es auch Situationen, in denen ein Einzelbüro erwünscht ist. Auch dafür stehen auf dem Factory Campus Räumlichkeiten zur Verfügung.

Campusfeeling bei Amazon in Seattle

Campusfeeling bei Amazon in Seattle

Improvisation und Flexibilität sind die Schlagwörter der New-Work-Debatte. Auch Möbel und deren Hersteller müssen sich mit diesem Trend auseinandersetzen. Der Möbelhersteller Vitra entwickelt gemeinsam mit Unternehmen Arbeitswelten, in denen sich die Mitarbeiter maximal wohlfühlen und entfalten sollen. Je nach Bedarf. „Es geht schon lange nicht mehr darum Flächen zu erzeugen, die die höchste Effizienz haben. Der Büroraum und die umgebend Architektur haben einen neuen Stellenwert. Es wird immer schwieriger, geeignete Fachkräfte zu finden. Deshalb müssen sich Firmen fragen: Was muss ich tun, damit sich meine Mitarbeiter, die mein Kapital sind und mein geistiges Gut darstellen, wohlfühlen?“, sagt Britta von Lackum, Innenarchitektin bei Vitra.

Eine Lösung: ein physischer Ort, mit dem sich die Mitarbeiter identifizieren können, an dem sie sich gerne aufhalten und austauschen. Ein Ort, der Synergien schafft, das ist das, was ein Campus im Idealfall bieten soll. So entsteht derzeit in der Düsseldorfer Zentrale der apoBank eine Pilotfläche für mobiles Arbeiten. Am Standort sind aktuell circa 850 Mitarbeiter beschäftigt.
Die agile Fläche ist für 18 Mitarbeiter konzipiert, jeder Kollege ist eingeladen, dieses Arbeitsumfeld für sich auszuprobieren. Aktuell nutzen die Mitarbeiter von apoFuture, der Digitalisierungsabteilung der Apotheker- und Ärztebank, die Campusfläche für die tägliche Arbeit. Die Seattle-Zentrale des Versandgiganten Amazon besteht aus futuristischen Glaskugeln, im Inneren stehen sogenannte Banistas, die Bananen an Mitarbeiter und Besucher verteilen. Alle sollen eine gute Zeit haben, sich wohlfühlen. Die Wunschvorstellung der Unternehmen: Durch eine angenehme, persönliche Arbeitsatmosphäre steigt der Output. Der amerikanische Konzern AirBnB vermittelt weltweit privaten Wohnraum. Das Millionenunternehmen hat sein Firmenkonzept auch in den Büroräumen umgesetzt. In ihrem 18.000 Quadratmeter großen Büro in San Francisco haben sie unterschiedliche Mietwohnungen, die auf ihrer Plattform angeboten werden, nachgebaut. Offenbar geht der Plan auf. Kreativität wächst durch Kommunikation, und das soll so ein Ort liefern.

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„Man lernt voneinander, unterstützt, inspiriert“

Die Vitra-Zentrale in Birsfelden (Schweiz)

Immer mehr Unternehmen setzen sich mit der New-Work-Debatte auseinander, aber leider geschieht dies hierzulande oft noch sehr oberflächlich. Manche Firmen denken, dass sie eine moderne Unternehmenskultur offerieren, nur weil sie ihren Mitarbeitern die Möglichkeit des Homeoffice anbieten. Laut einer Studie der Unternehmensberatung Kienbaum haben 74 Prozent der Unternehmen das Trendthema New Work auf ihrer Agenda, aber nur jedes vierte Unternehmen hat realisiert, dass es dabei um viel mehr geht. Nämlich um eine neue Werteorientierung, gepaart mit der Weiterentwicklung der eigenen Unternehmenskultur.

„Wer New Work will, muss seine Kultur und Führung kritisch hinterfragen. Vertrauen und Transparenz sind essenziell“, erklärt Fabian Kienbaum, Co-CEO von Kienbaum Consultants International. Vielleicht ist die Idee des Campusfeelings in zehn Jahren schon wieder überholt. Fakt ist: Arbeit wird durch Digitalisierung agiler und kreativer. Fleiß, wie in Zeiten der Industrialisierung, steht nicht mehr an erster Stelle. Dadurch ist das Bewusstsein entstanden, dass das Büro nicht nur Arbeits-, sondern auch Lebensqualität bieten sollte.


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Text: Britt Wandhöfer