“OUR EUROPEAN NEIGHBOURS ARE AN INDISPENSABLE PART OF OUR FUTURE STRATEGY”
Im Interview spricht Düsseldorfs Wirtschaftsdezernent Christian Zaum über die Bedeutung der Märkte in Europa, im Mittleren Osten und Afrika (EMEA), wirtschaftliche Nachbarschaften und neue Dynamiken im Umfeld der Landeshauptstadt.
Christian Zaum, Head of Economic Affairs, City of Düsseldorf
Lieber Herr Zaum, beginnen wir mit dem großen direkten Nachbarn: Welche Rolle spielt Frankreich für den Wirtschaftsstandort Düsseldorf?
Frankreich ist für uns ein ganz zentraler Partner – wirtschaftlich, kulturell und historisch. Schon die napoleonische Zeit hat eine enge Verbindung zwischen dem Rheinland und Frankreich geprägt, und auch heute passt die rheinische Mentalität gut zum französischen Savoir-vivre. Es ist und bleibt ein „People’s Business“, bei dem Vertrauen und persönliche Beziehungen eine große Rolle spielen. In Düsseldorf sind derzeit 276 französische Unternehmen aktiv, dazu rund 100 Kleingewerbetreibende. Darunter echte Schwergewichte wie L’Oréal, das hier die DACH-Zentrale hat, die Targobank, der Videospiel-Spezialist Ubisoft, der ITDienstleister Atos, der Gas-Hersteller Air Liquide sowie die beiden Energietechnik- Unternehmen Schneider Electric und Spie, die beide kürzlich auf dem Euref- Campus eingezogen sind. Wir haben also eine enorme Bandbreite: von großen Konzernen bis zu technologieorientierten Mittelständlern. Ein besonders spannendes Kapitel ist die Startup-Szene. Die Initiative La French Tech ist seit zwei Jahren in Düsseldorf aktiv und sorgt für eine lebendige Verbindung zwischen französischen Gründerinnen und Gründern und unserer lokalen Tech-Community. Im vergangenen Herbst fanden hier die French Tech Awards statt mit dem französischen Botschafter als Gast. Das war ein starkes Signal, dass Düsseldorf im europäischen Innovationsnetzwerk eine feste Größe ist.
Und wie sieht es mit den kleineren westlichen Nachbarn aus, den Benelux-Staaten?
Der Fokus liegt hier ganz klar auf den Niederlanden, Belgien und Luxemburg spielen eine eher untergeordnete Rolle. Allerdings muss man betonen, dass Luxemburg mit uns 2027 die Handwerks-Europameisterschaften für Auszubildende Euro- Skills austrägt (siehe Infokasten). Aber die wirtschaftliche Verflechtung mit den Niederlanden ist enorm. Wir sind direkte Nachbarn und diese Nähe spürt man in vielen Bereichen. In Düsseldorf gibt es 816 niederländische Unternehmen, davon 456 im Handelsregister. Damit liegen wir bundesweit ganz vorne. Viele steuern von hier aus ihr Deutschland- oder DACHGeschäft. Ein Fun Fact dazu: Der Flughafen Düsseldorf wurde 2024 vom niederländischen Reiseportal „vakantiediscounter“ zum beliebtesten niederländischen Flughafen gewählt – das zeigt, wie eng die Beziehungen sind. Unter den großen Playern sind der Lieferdienst Picnic, FrieslandCampina – zu denen etwa die Marke Landliebe gehört – oder der Versicherer Dela. Stark vertreten ist auch die Einzelhandelskette Action, die gerade kräftig expandiert. Viele Neuansiedlungen aus den Niederlanden und Frankreich in den vergangenen Jahren kommen aus dem Green-Tech-Bereich. Nachhaltigkeit und Technologie sind derzeit die großen gemeinsamen Themen.
„Wir sind direkte Nachbarn und diese Nähe spürt man in vielen Bereichen“
EUROSKILLS 2027 IN DÜSSELDORF
Die EuroSkills sind Europas größtes Event für berufliche Bildung und Exzellenz. Vom 22. bis 26. September 2027 treffen in Düsseldorf rund 800 junge Spitzenfachkräfte aus ganz Europa aufeinander und messen sich in 50 Disziplinen – von Handwerk über Industrie bis zu Dienstleistungen. Erwartet werden 150.000 Besucher:innen. Erstmals richten Deutschland und Luxemburg die Europameisterschaft der Berufe gemeinsam aus. Unter dem Motto „SKILLS! Shape Your Future“ sollen junge Menschen für die Vielfalt moderner Ausbildungsberufe begeistert werden – sowohl auf dem Wettbewerbsgelände als auch bei grenzüberschreitenden Aktionen im Vorfeld.
EUROSKILLS2027.COM
Düsseldorfs Wirtschaftsdezernent Christian Zaum beim La French Tech Award 2025.
UK ist nach dem Brexit ein Sonderfall. Wie hat sich die Lage hier entwickelt?
UK ist und bleibt ein sehr bedeutender Markt. Wir haben rund 700 britische Unternehmen in Düsseldorf, darunter Vodafone, HSBC und der Projektentwickler Segro. Nach dem Brexit hatten viele Städte in Kontinentaleuropa gehofft, dass deutlich mehr Unternehmen UK verlassen würden. Das ist so nicht eingetreten. Aber Düsseldorf hat gezielt um Neuansiedlungen geworben und konnte seine Position halten. Wir sehen inzwischen wieder mehr Dynamik. Nach der schwierigen Phase unmittelbar nach dem Brexit und der Pandemie kommen die britischen Firmen nun stärker in Fahrt.
Wie sieht es mit den nördlichen Nachbarn in Skandinavien aus?
Skandinavien entwickelt sich zunehmend zu einer spannenden Region für uns. Besonders aus Schweden kommen regelmäßig Delegationen, vor allem aus dem Clean-Tech- und Startup-Sektor. Zehn schwedische Jungunternehmen besuchen jedes Jahr im Rahmen eines Accelerator-Programms Düsseldorf, um den deutschen Markt kennenzulernen. Noch ist die Zahl der skandinavischen Unternehmen hier vergleichsweise gering, aber die Qualität ist hoch. Beispiele sind Statkraft, ein norwegisches Energieunternehmen, und Neste aus Finnland, das synthetische Kraftstoffe und Kerosinersatzstoffe entwickelt. Man merkt: Die Themen Nachhaltigkeit, Energie und Technologie ziehen sich wie ein roter Faden durch die internationalen Beziehungen der Stadt.
Ein anderer Schwerpunkt scheint Osteuropa zu sein, vor allem Polen. Warum?
Polen ist für Düsseldorf tatsächlich ein ganz wichtiger Partner. Die wirtschaftlichen Beziehungen basieren auf einer langen Tradition, denn seit 35 Jahren besteht die Städtepartnerschaft mit Warschau. Hinzu kommt eine große polnische Community: Rund 27.000 Menschen in Düsseldorf haben polnische Wurzeln, 8.000 davon besitzen einen polnischen Pass. Mit 2.000 Kleingewerbetreibenden ist die polnische Community die größte im IHK-Bezirk, viele sind im Handwerk und Baugewerbe tätig. Aber es gibt auch innovative, wachsende Unternehmen: Mod21 etwa baut modulare Holzhäuser, Coding Giants bietet Programmierkurse für Jugendliche an, und PW Krystian ist ein Hersteller von Arbeitsschutzkleidung, der regelmäßig auf der A+A-Messe ausstellt. Wir pflegen den Austausch über Formate wie die Deutsch-Polnischen Wirtschaftstage oder den Deutsch- Polnischen Unternehmerdialog. Und es geht nicht nur um Ansiedlungen, sondern auch um das Engagement Düsseldorfer Unternehmen in Polen: Beispielsweise Metro, Henkel und Ergo sind dort sehr aktiv. Wir begleiten diesen Austausch auch auf Delegationsreisen und Fachworkshops gemeinsam mit der AHK Polen.
Bürgermeister Hinkel mit Frederick Fausto Faido, Bürgermeister von Sekondi- Takoradi/Ghana, am Montag, 8. September 2025, im Jan-Wellem-Saal des Rathauses.
Welche Bedeutung haben Länder aus dem Mittleren Osten wie die Türkei und Israel für den Standort?
Die Türkei spielt eine herausragende Rolle. Mit rund 13.000 türkischen Staatsangehörigen in Düsseldorf ist sie die größte ausländische Bevölkerungsgruppe. Das spiegelt sich auch wirtschaftlich wider: 842 türkische Unternehmen sind hier aktiv, davon etwa 200 im Handelsregister. Damit ist die Türkei nach den Niederlanden die zweitgrößte ausländische Unternehmensgruppe in Düsseldorf. Viele Betriebe sind im Handel-, Baugewerbe und in der Dienstleistungsbranche tätig. Ein Beispiel für gelebte Partnerschaft ist der in der Stadt ansässige Verband ATIAD, der auch den Deutsch-Türkischen Wirtschaftstag organisiert. Das ist ein hochkarätiges Event, bei dem Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Wirtschaft beider Länder zusammenkommen. Israel wiederum ist für uns vor allem über die Städtepartnerschaft mit Haifa eng verbunden. Wir hatten in den vergangenen Jahren zahlreiche Delegationsreisen, besonders im Bereich IT, Sicherheit und Startups. Aufgrund der aktuellen politischen Lage sind die Besuche gegenwärtig reduziert. Die Kontakte bleiben jedoch bestehen und sind langfristig angelegt.
Welche Rolle spielt Afrika im Moment?
Afrika ist für uns bislang noch kein Schwerpunkt, aber es gibt erste vielversprechende Ansätze. Besonders aktiv ist die marokkanische Generalkonsulin hier in Düsseldorf. Außerdem haben wir kürzlich eine Partnerschaft mit der ghanaischen Stadt Sekondi- Takoradi initiiert. Eine Düsseldorfer Delegation war dort im November zu Gast, um mögliche Kooperationen auszuloten. Es sind bislang Einzelfälle, aber solche Kontakte können mittelfristig an Bedeutung gewinnen.
Und was bedeutet das alles strategisch für die kommenden Jahre?
Wir planen derzeit keine neuen Länderschwerpunkte oder Desks. Entscheidend ist, die bestehenden Beziehungen zu vertiefen und gezielt dort zu investieren, wo Dynamik spürbar ist. Also vor allem in den Niederlanden, Frankreich, Polen und der Türkei. Diese vier Märkte sind für uns im EMEA-Raum zentral. Wichtig ist mir, dass wir die Bedeutung Europas insgesamt nicht unterschätzen. Wenn wir über Internationalisierung sprechen, denken viele zuerst an China, Japan, Indien oder die USA. Aber unsere europäischen Nachbarn sind wirtschaftlich enger mit Düsseldorf verflochten, als vielen bewusst ist. Das macht sie zu einem unverzichtbaren Teil unserer Zukunftsstrategie. •
Words: Tom Corrinth
Pictures: Wirtschaftsförderung Düsseldorf/Michael Lübke, Landeshauptstadt Düsseldorf/Claus Langer