“I WANT TO BRING BEAUTY INTO THE WORLD”
KUNST MEETS TINA JOKISCH
Die Düsseldorfer Innenarchitektin Tina Jokisch beginnt als Schreinerin in einer Hinterhofwerkstatt auf der Pestalozzistraße, studiert später in New York, arbeitet zwei Jahrzehnte für ein großes Innenarchitekturbüro und entscheidet sich schließlich bewusst für den Schritt zurück in eine kleinere, eigenständige Struktur. Mit VIVID-Herausgeber Rainer Kunst sprach sie über Handwerk, Führung, Intuition und die Frage, warum Räume mehr mit innerer Klarheit zu tun haben, als man denkt.
Tina, Du hast mit einer Schreinerlehre begonnen. War Architektur da schon das Ziel?
Der Wunsch zu gestalten war immer da. Ich bin in einem kreativen Haushalt groß geworden, mein Vater ist Grafik- und Kommunikationsdesigner. Design, Farben und Formen gehörten zu meinem Alltag. Ich habe früh verstanden, dass Gestaltung Struktur gibt und Atmosphäre schafft. Nach dem Abitur wusste ich allerdings noch nicht genau, ob es direkt Architektur sein sollte. Also habe ich eher intuitiv eine Schreinerlehre begonnen. Das war rückblickend ein großes Geschenk. Ich war die erste Auszubildende bei Markus Kirchhoff Holzarbeiten auf der Pestalozzistraße. Eine alte Werkstatt, geteilt mit einem Künstler, viele Frauen im Betrieb, eine Meisterin, mehrere Gesellinnen – eine ganz eigene, fast familiäre Atmosphäre. Und alles war sehr unmittelbar in der Praxis und auch körperlich hart. Aber ich habe die Haptik geliebt. Holz zwingt einen zur Präzision. Wenn man ungenau arbeitet, passt am Ende nichts zusammen. Dieses Verständnis für Konstruktion, Materialität und Detail begleitet mich bis heute.
Direkt danach bist Du nach New York gegangen – an die Parsons School of Design. Warum dieser Schritt?
Es war eine Mischung aus persönlicher und familiärer Motivation. Mein Bruder studierte in London, und ich hatte das Glück, dass ich auch die Wahl hatte im Ausland zu studieren. Ich hatte zu der Zeit einen amerikanischen Freund, also dachte ich: Warum nicht nach New York? Ich bewarb mich bei Parsons und der School of Visual Arts, wurde bei beiden angenommen und entschied mich für Parsons. Die hatten damals keinen klassischen Campus, sondern drei Hochhäuser. Ein Professor dort sagte einmal: „New York City ist euer Campus.“ Das war für mich ein Schlüsselmoment. Ich kaufte mir auf einem Flohmarkt ein Rennrad und begann, die Stadt systematisch zu erkunden. Viertel für Viertel.
Was haben diese Jahre in New York mit Dir gemacht?
Sehr viel. Man wird ins kalte Wasser geworfen. Neue Sprache, neue Kultur, neue Maßstäbe. Meine engsten Freundinnen, mit denen ich heute noch befreundet bin, kamen aus Kolumbien, Russland und Israel. Wir waren vier Nationalitäten, unglaublich temperamentvoll – und sind bis heute befreundet. Diese Begegnungen haben meinen Horizont erweitert. Geschichte, Identität und Migration sind in New York keine abstrakten Begriffe, sondern persönliche Geschichten am Küchentisch. Und für das Berufliche habe ich in New York gelernt: Mach einfach! Trau dich! Fehler gehören dazu. Dieses „Just do it“ hat sich tief eingebrannt. Es hat mir später geholfen, Verantwortung zu übernehmen, auch in großen Strukturen.
Zurück in Düsseldorf hast Du zunächst im Büro deines Vaters gearbeitet und dort eine kleine Galerie eröffnet. Warum?
Vor New York hatte ich bereits ein Galeriepraktikum absolviert bei Hans Mayer. Und mein Vater arbeitete viel mit Künstlern zusammen. Die Galerie auf der Lindenstraße ist aus den Räumlichkeiten entstanden. Hinten war das Büro und aus dem Ladenlokal vorne hatte ich dann die Idee zur Galerie. Dort organisierte ich dann mehrere Ausstellungen. Als mein Vater aus gesundheitlichen Gründen beruflich eine Zeit zurücktreten musste, änderte sich vieles. Das Büro wurde aufgelöst und die Galerie damit auch, und ich konzentrierte mich vollständig auf die Innenarchitektur. Kurz darauf begann ich bei Schwitzke & Partner.
Dort warst Du fast 20 Jahre, zuletzt 8 Jahre als Geschäftsführerin. Was hat Dich diese Zeit gelehrt?
Vor allem sehr viel über Führung und Organisation. Der Sprung von der Projektleitung zur Abteilungsleitung und später zur Geschäftsführung ist enorm. Plötzlich geht es nicht nur um Entwurf, sondern um Strategie, Personal, wirtschaftliche Verantwortung. Gleichzeitig konnte ich ein internationales Netzwerk aufbauen. Projekte in Paris, Zürich, London – man taucht in andere Märkte ein, andere Mentalitäten. Und gleichzeitig hatte ich Düsseldorf als schöne Homebase. Dadurch hatte ich alles, was ich brauchte.
Seit 2025 führst Du zusammen mit Marie Dorenz ein eigenes, bewusst kleineres Architekturbüro. Warum dieser Schritt?
Wir wollten einfach keine große Organisation mehr und wieder mehr Nähe zu den Projekten. Wir sind aktuell zu sechst, arbeiten projektbezogen mit Freelancern zusammen und nehmen nur Aufträge an, mit denen wir uns identifizieren können. Wir möchten jetzt auch noch mehr in den Residential-Bereich. Retail ist und bleibt dennoch ein wichtiges Feld. Für Westwing planen wir gerade Stores in München und Frankfurt, für LFDY haben wir kürzlich ihren neuen Store in Paris eröffnet. Aktuell arbeiten wir für Ariane Ernst.
Wann ist ein Raum für Dich gelungen?
Ein Raum ist für mich gelungen, wenn er etwas hinterlässt. Eine Erfahrung, eine Stimmung, eine Erinnerung. Wenn das Raumgefühl, durch Proportion, Material und Licht eine stimmige und vielleicht auch denkwürdige Komposition bildet. Am Ende ist es Intuition getragen von einer Vision.
„FÜR DAS BERUFLICHE HABE ICH IN NEW YORK GELERNT: MACH EINFACH! TRAU DICH! FEHLER GEHÖREN DAZU. DIESES „JUST DO IT“ HAT SICH TIEF EINGEBRANNT““
Wie geht Ihr typischerweise bei so einem Gestaltungsprozess vor?
Mit einem intensiven Austausch zu Beginn. Manche Kunden haben klare Vorstellungen, andere brauchen Orientierung. Aber selbst präzise Vorstellungen verändern sich im Prozess. Budget, Timeline, Materialverfügbarkeit – all das beeinflusst die Gestaltung. Wichtig ist für mich eine klare Entscheidungsstruktur. Wenn zu viele Stimmen gleichberechtigt entscheiden, entsteht oft ein nicht so guter Kompromiss und das sieht man. Gute Projekte brauchen Mut und Vertrauen. Ich habe die Erfahrung gemacht: Wenn ein Kunde eine starke Vision hat und bereit ist, sie konsequent zu verfolgen, werden Projekte besonders kraftvoll.
Verändert Digitalisierung Räume?
Im Retail definitiv. Ein Store ist heute kein Warenlager mehr, sondern ein Erlebnisraum. „Endless Aisle“-Konzepte, Monitore oder Cashless-Payment beeinflussen ja auch die Dramaturgie und Flächenplanung. Im Privaten hingegen sollte Technik möglichst unsichtbar bleiben. Smart-Home-Systeme oder Lichtsteuerung sind sinnvoll, aber sie dürfen nicht dominieren. Der Raum muss atmosphärisch wirken, nicht technisch.
ABOUT TINA JOKISCH
• 1993: A-levels
• 1993 –1996: Carpentry apprenticeship
• 1996–2001: Studied interior design at Parsons School of Design, New York
• 2001–2003: S. Russell Groves Architects, New York
• 2004–2005: Freelance interior designer and gallery owner, Tina Jokisch zeigt..., Düsseldorf
• 2006–2025: Schwitzke & Partner
• Since 2025: Self-employed with Marie Dorenz at Dorenz + Jokisch
• Since 2010: Hatha yoga teacher
• Since 2022: Kundalini yoga teacher
Du beginnst jeden Tag mit ein bis zwei Stunden Yoga. Welche Rolle spielt das für Deine Arbeit?
Ich praktiziere jeden Morgen, meist ab fünf, und unterrichte auch Kundalini Yoga. Atmung, Meditation, Bewegung schaffen für mich geistige Klarheit. Ich nenne es: den Raum nach innen öffnen. Dadurch bekomme ich mehr Weite sowie mehr Fokus und das überträgt sich auf meine Gestaltung. Ich denke heute stärker in Reduktion. Damit meine ich nicht radikalen Minimalismus: Persönliche Dinge sind in meinen Augen sehr wichtig, aber es braucht weniger Überfluss, klarere Strukturen. Architektur kann das Auge beruhigen, den Geist sortieren in einer Welt permanenter Reizüberflutung, ohne dabei die Seele zu verlieren.
Was ist Schönheit für Dich?
Etwas, das mein Herz berührt. Wir leben in einer Zeit, in der der Fokus stark auf dem Negativen liegt. Dabei gibt es so viel Schönes in Materialien, in Begegnungen, in Räumen. Ich versuche, meinen Blick bewusst darauf zu richten. Vielleicht ist das meine Rolle als Architektin: Räume zu schaffen, die diesen Fokus unterstützen. Räume, die Klarheit geben und Mut. Ich möchte das Schöne in die Welt tragen – und das liegt natürlich im Auge des Betrachters. •
Words: Tom Corrinth
Pictures: Celine Al-Mosawi