THE GREEN SCENE

Düsseldorf ist Modestadt – und steht zugleich vor der Frage, wie Mode in Zukunft verantwortungsvoll, wirtschaftlich tragfähig und ästhetisch überzeugend funktionieren kann. Kreative Ideen liefert seit drei Jahren Sustain!, ein zweitägiges Format aus Konferenz und Pop-Up Markt für Fair Fashion und Design made in Düsseldorf. Getragen wird diese Entwicklung auch von nachhaltigem Retail, Repair- Initiativen und Vintage-Konzepten.


Panel zu nachhaltigen Geschäftsmodellen in der Mode auf der Sustain!-Konferenz mit Vertreterinnen von Lanius, Brax und Avonté, moderiert von Bianca Hauda.

Nach Stationen im Bilker Bunker und im Fürstenpalais fand die dritte Ausgabe der Sustain! im Januar 2026 erstmals im Theatermuseum Düsseldorf statt – und unterstrich damit den Anspruch, nachhaltige Mode im kulturellen Zentrum der Stadt zu verorten. Initiiert von der Wirtschaftsförderung Düsseldorf und kuratiert vom Magazin The Dorf, wendet sich Sustain! gezielt an Fachpublikum und Konsument:innen. Während am ersten Tag bei der B2B-Konferenz Expert:innen aus Mode und Beauty in Vorträgen und Panel-Talks über den Status Quo von Sustainability diskutierten, öffnete der Markt einen Tag später den Blick auf konkrete Arbeitsweisen lokaler und regionaler Labels. Dabei werden nicht nur lokale Perspektiven abgebildet, sondern der Diskurs geöffnet. So sprachen auf der Konferenz unter anderem Ninu Dramis vom Fabric.Lab Hamburg sowie die Aktivistinnen der Fashion Changers aus Berlin über neue Standards in der Branche; auch Fortuna Düsseldorf stellte mit „Fortuna für alle“ sein soziales und nachhaltiges Engagement vor.

Wie vielfältig diese Konzepte in der Praxis aussehen können, zeigte der Sustain! Pop-Up Markt. Rund 25 lokale und regionale Labels präsentierten ihre Kollektionen und Arbeitsweisen – von etablierter nachhaltiger Mode von Lanius und Upcycling- Taschen von Freitag bis zu jungen Designerbrands wie Studio Rosa, Toni, Hausehauser und Vintage-Konzepten wie Two Brothers Vintage oder Untold. Neben Mode, Accessoires und Schmuck bildeten Interieur und sogar Food-Konzepte wie Matchasome oder evesfermentationlab eine Momentaufnahme dessen, was nachhaltiges Wirtschaften heute bedeuten kann. Kuratiert wurde nach klaren Kriterien: Design- und Qualitätsanspruch, nachhaltiger Ansatz, Innovationsgrad und wirtschaftliche Tragfähigkeit. „Es geht ausdrücklich nicht darum, vollständig nachhaltige Gesamtkonzepte zu zeigen“, betont Kuratorin Tina Husemann von The Dorf, „sondern um Inspiration und den kreativen Umgang mit nachhaltigen Ansätzen.“ Das könne sich in kleinen Auflagen, lokalen Produktionen, der Verwendung von Deadstock-Materialien (ungenutzte, bereits produzierte Stoff- oder Materialreste aus Überproduktionen), Upcycling- Konzepten oder dem Einsatz biologischer Stoffe und recycelter Materialien – etwa Silber – zeigen. Die Ansätze seien bewusst vielfältig und sollen zu einem bewussteren, reflektierten Umgang mit Mode und Design anregen.


NEXT-GEN DESIGNERS

Adrian Voss von TONI verarbeitet gebrauchte Decken, Leinen und Wolle aus zweiter Hand zu neuen Lieblingsstücken.

Eine jüngere Generation interpretiert diesen Anspruch zunehmend radikal und experimentell. Designer Nils Hauser arbeitet mit Deadstock-Stoffen, vorhandenen Kleidungsstücken und Materialien aus völlig anderen Kontexten – etwa alten Zelten oder Polsterstoffen. Gerade die Einschränkungen seien für ihn kreativer Treiber: „Nachhaltige Mode bedeutet für mich, kreative Lösungen in Begrenzungen zu finden – und gerade durch Materialknappheit, Reparatur und Rekonstruktion neue Ideen entstehen zu lassen“, sagt Hauser. Adrian Voss, der mit seinem Label Toni ebenfalls bei der Sustain! vertreten war, verarbeitet gebrauchte Decken, Leinen oder Wolle vom Trödelmarkt. „Reparaturen, Spuren der Zeit und Flecken betrachte ich nicht als Makel, sondern als Teil der Geschichte“, sagt er. Nachhaltigkeit sei für ihn weniger Strategie als Haltung: Es gebe bereits alles, was man brauche.


VINTAGE VIBES

Als konsequente Ergänzung zum Neukauf rücken deswegen auch Vintage, Secondhand und Reparatur stärker in den Fokus. Vintage Stores boomen und neue Konzepte zeigen, wie attraktiv Weitertragen sein kann. Der ebenfalls von The Dorf kuratierte Vintage- und Secondhandmarkt RE:LOVED auf dem Areal Böhler hat vergangenes Jahr sehr großen Zuspruch erfahren und wird 2026 gleich zweimal stattfinden. Noch einen Schritt weiter gehen die Repair Rebels, eine Düsseldorfer Plattform für Mode- Reparaturen. Gründerin Dr. Monika Hauck bringt es auf eine prägnante Formel: „Repair is the new luxury.“ Reparieren sei der direkteste Hebel für Nachhaltigkeit – ohne neue Ressourcen, ohne neue Lieferketten. Dass ihr Unternehmen mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet wurde, wertet sie als Signal für einen grundlegenden Wandel im Mode- und Retail- Denken. Und dass nachhaltige Mode im Handel funktioniert, zeigen Düsseldorfer Stores wie roberta. the store oder Glore, das nach seinem Standort in Oberkassel inzwischen eine zweite Filiale in der Carlstadt eröffnet hat — bislang der einzige Doppelstandort des Unternehmens. „Glore trifft den Zeitgeist, weil das Thema Green Fashion hier zeitgemäß und ästhetisch vermittelt wird – fernab eines angestaubten Images“, erklärt Tina Husemann. In ihrem Organic Fashion Store roberta auf der Nordstraße setzt Inhaberin Daniela Perak seit zehn Jahren konsequent auf Mode nachhaltiger Brands. „Die Nachfrage nach Qualität ist insgesamt gestiegen“, beobachtet Perak. Kund:innen fragten heute gezielt nach Materialien, Pflege und Haltbarkeit und seien offener für ressourcensparende Herstellungsprozesse und Innovationen, wie etwa Sneaker aus Maisabfällen oder Jeans aus recyceltem Denim.


Networking auf der Sustain!-Konferenz: Designer:innen, Branchenexpert:innen und lokale Akteur:innen tauschen sich über nachhaltige Geschäftsmodelle, Innovationen und neue Perspektiven für die Modebranche aus.

CREATIVITY X RESPONSIBILITY

Einer der deutschen Pioniere nachhaltiger Mode ist der Düsseldorfer Heiko Wunder mit seinem Label wunderwerk. Für ihn befindet sich nachhaltige Mode derzeit in einer Phase der neuen Professionalisierung. Nachhaltigkeit werde weniger emotional diskutiert, dafür kritischer und wirtschaftlich nüchterner: „Es geht weniger um Versprechen und Labels, sondern um belastbare Konzepte, Transparenz und wirtschaftliche Tragfähigkeit.“ Düsseldorf habe dabei das Potenzial, eine Vorreiterrolle einzunehmen: „Eine Modestadt wie Düsseldorf sollte beim Thema Sustainability nicht Mitläufer sein, sondern Maßstäbe setzen.“ Nachhaltigkeit habe in den letzten Jahren spürbar an öffentlicher Aufmerksamkeit verloren, weil viele Menschen im Alltag mit existenziellen Herausforderungen beschäftigt sind. Gleichzeitig verliere sie dadurch nicht an Relevanz, denn Auswirkungen konventioneller Produktion auf Umwelt, Ressourcen und Gesundheit werden immer sichtbarer. „Gerade die Modebranche steht hier besonders in der Verantwortung“, sagt Heiko Wunder. Initiativen wie Sustain! zeigen, dass nachhaltige Mode ein wirtschaftliches, kreatives und kulturelles Zukunftsthema ist. „Wenn auch nur ein Teil der Besucher:innen ein neues Label entdeckt, das sie inspiriert, oder nachhaltige Arbeitsweisen kennenlernt, die vielleicht sogar den eigenen Alltag, Routinen oder Kaufentscheidungen beeinflussen, dann ist bereits viel erreicht“, sagt Tina Husemann. Nicht als moralischer Zeigefinger, sondern als Einladung, Dinge neu zu betrachten. •


Words: Karolina Landowski
Pictures: Toni / Rosa Spring Voss, Michael Lübke / Wirtschaftsförderung Düsseldorf, Toni / Fabian Weins,

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