HITTING THE JACKPOT
Als die Düsseldorfer sino AG 2017 als erster Investor beim Berliner Startup Trade Republic einstieg, ahnte kaum jemand, wie rasant sich daraus eines der wertvollsten Fintechs Europas entwickeln würde. Im Gespräch erklärt sino-CEO Ingo Hillen, warum gerade das Zusammenspiel aus traditioneller Broker-Erfahrung und digitaler Startup-Dynamik die Grundlage für diese außergewöhnliche Skalierung schuf.
Herr Hillen, sino war 2017 der erste Investor bei Trade Republic. Für einen Broker mit Fokus auf aktive Trader war das ein ungewöhnlicher Schritt. Warum haben Sie sich damals dafür entschieden?
Mein früherer Vorstandskollege Matthias Hocke machte mich damals auf ein kleines Berliner Team aufmerksam, das Trading aufs Smartphone bringen wollte. Christian Hecker, Thomas Pischke und Marco Cancielleri kamen nach Düsseldorf und nach weniger als zwei Wochen war für mich absolut klar: Das müssen wir machen. Entscheidend war nicht nur die Idee, sondern die Qualität der Gründer. Sie zeigten enorme Energie, Klarheit und ein sehr gutes Gespür für den Markt. Das erste Investment lag noch im niedrigen sechsstelligen Bereich. Insgesamt haben wir dann Schritt für Schritt bis 2018 drei Millionen Euro investiert.
Wie sah der deutsche Online-Broker-Markt damals aus?
Der klassische Online-Broker-Markt hat sich seit den 1990er- Jahren entwickelt. Die erste Revolution war damals: weg von der Filialbank, hin zum Online-Handel – und damit zu deutlich günstigeren Gebühren und bis 2017 hatte sich daran im Kern gar nicht so viel verändert. Wer für einen Aktienkauf früher 17, 18 oder 20 Euro Gebühren und sonstige Entgelte zahlte, musste das im Prinzip immer noch. Es war effizienter geworden, aber nicht radikal einfacher.
Und was war an der Skalierungslogik von Trade Republic neu?
Trade Republic hat das Geschäftsmodell radikal vereinfacht. Die App ist extrem leicht zu bedienen, die Kontoeröffnung digital, der gesamte Prozess schlank. Vor allem aber wurde aus 20 Euro Orderkosten ein Euro Fremdkostenpauschale. Das war ein echter Hebel. Wenn jemand 100 Euro investiert, machen 20 Euro Gebühren keinen Sinn. Ein Euro dagegen schon. Damit wurde der Kapitalmarkt plötzlich für viel mehr Menschen zugänglich. Die Einstiegshürde war dramatisch niedriger – und genau das ist Skalierung.
Gab es in dieser frühen Phase Entscheidungen, die im Rückblick besonders wichtig waren?
Ja, absolut. Eine der wichtigsten Entscheidungen war, diesen einen Euro eben nicht auf null zu senken. Damals gab es Stimmen, die sagten: Internet heißt kostenlos. Ich habe das explizit anders gesehen. Eine Einsparung von 95 Prozent ist für Kunden schon gewaltig, es müssen nicht 100 Prozent sein. Und heute sieht man, wie wichtig das war. Wenn an einem starken Handelstag vielleicht mehr als eine Million Transaktionen laufen, dann macht dieser eine Euro einen enormen Unterschied. Man kann ein bisschen salopp sagen: Wir haben bei Trade Republic den Euro gerettet.
ABOUT INGO HILLEN
Seine Ausbildung als Bankkaufmann absolviert Ingo Hillen 1990 bei der Deutschen Bank. Schon der Crash 1987 macht ihn zum leidenschaftlichen Börsianer – bis heute. 1998 gründet er mit Matthias Hocke die sino Wertpapierhandelsgesellschaft, ab 1999 profitabel, 2000 AG, 2004 Börsengang. 2002 folgt tick-TS, ebenfalls erfolgreich an die Börse gebracht. Der wichtigste Schritt: Hillen wird erster Investor von Trade Republic – noch vor dem Launch – und prägt das Fintech bis 2020 als Geschäftsführer und Board Member mit. Heute hält sino rund 1,77 Prozent an Trade Republic, im Dezember 2025 mit 12,5 Milliarden Euro bewertet. Geschäft ist nur das halbe Leben: Als Mitinhaber des Münchner Restaurants Brothers lebt er seine Leidenschaft für große Weine und exzellente Küche aus. Sport macht er zum Ausgleich – und er liebt Sylt.
Wie lief die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und den Gründern in den ersten Jahren?
Sehr intensiv. Christian Hecker und ich hatten nahezu täglich Kontakt. Wir haben in den ersten zweieinhalb Jahren sicher rund 2.000 E-Mails ausgetauscht. Es war Aufbauarbeit im Wortsinn. Natürlich gab es auch unterschiedliche Meinungen. Aber immer respektvoll und gleichzeitig sehr klar. Ich glaube schon, dass ich in dieser frühen Phase viel helfen konnte, etwa bei Fragen zum Markt, Partnern oder bei der Anbindung an HSBC. Irgendwann war aber auch der Punkt erreicht, an dem Trade Republic so schnell gewachsen war. Als aus sechs Leuten schnell 100 oder 200 wurden, war klar, dass ich dort operativ gar nicht mehr viel beitragen konnte.
2019 hat sino die Mehrheitsbeteiligung reduziert. Warum?
Den neuen Venture Capital Investoren war zum einen daran gelegen, dass wir unsere Beteiligung reduzieren, damit auch die Gründer stärker beteiligt werden konnten. Rückblickend haben wir vielleicht relativ früh relativ viel verkauft. Aus heutiger Sicht hätte ich gerne mehr behalten (lacht). Aber so ist Unternehmertum. Wir haben rund drei Millionen Euro investiert und haben nach den realisierten Verkäufen und auf Basis der letzten Bewertung insgesamt mehr als 400 Millionen Euro Gewinne (realisiert und unrealisiert) zu verzeichnen. Das ist unterm Strich eine außergewöhnlich erfolgreiche Entwicklung.
Wie ist sino heute beteiligt und wie bewerten Sie Trade Republic aktuell?
Die sino AG hält heute rund 1,77 Prozent an Trade Republic. Auf Basis der letzten Bewertung Ende 2025 entspricht das ungefähr 220 Millionen Euro von 12,5 Milliarden Euro. Ich bin Optimist und schätze, dass Trade Republic in Zukunft noch deutlich mehr, bei einem denkbaren Börsengang in etwa zwei Jahren auch 30 Milliarden Euro wert sein kann. Man muss sich vorstellen: Die haben es geschafft, in 2024 viele Millionen Kunden im laufenden Betrieb auf eine eigene Wertpapierabwicklung umzustellen. Das war eine enorme technologische Leistung. Eine große Chance sehe ich im neuen Altersvorsorge-Depot. Ich glaube, dass allein dieser Geschäftsteil in einigen Jahren einen Milliardenwert darstellen kann.
Was sagt diese Geschichte über Skalierung aus? Ist sie an bestimmte Standorte gebunden?
Nein, überhaupt nicht. Natürlich ist Berlin ein starker Startup- Standort. Aber der frühe Erfolg von Trade Republic zeigt eben auch: Skalierung ist kein geografisches Privileg. Die Gründer saßen in Berlin. Das erste Kapital, viel Markt-Know-how, Kontakte zu Banken und operative Unterstützung kamen aus Düsseldorf. Genau diese Verbindung war wertvoll. Wenn man so will: Die Idee und Unternehmen kam aus Berlin sowie die herausragende Execution, aber ein wichtiger Teil wurde aus Düsseldorf dazu beigetragen.
Könnten Sie sich vorstellen, noch einmal ein Startup in ähnlicher Form zu begleiten?
Wir haben auch heute noch Beteiligungen, zum Beispiel an Getquin, einem Portfolio-Tracker mit inzwischen mehr als 500.000 registrierten Nutzern. Aber Trade Republic war schon etwas Besonderes. So etwas passiert nicht oft. Das ist ein Sechser im Lotto mit Zusatzzahl. •
Text: Tom Corrinth
Pictures: Judith Wagner