“POLITICS MUST NOT BE CONFINED TO ONE’S OWN COMFORT ZONE”
KUNST MEETS CLARA GERLACH
Ein massiver Betonbau, der einst Schutzraum war und heute Bühne für Kunst, Diskurs und Begegnung ist: Im Bilker Bunker trifft VIVID-Herausgeber Rainer Kunst auf Düsseldorfs Bürgermeisterin Clara Gerlach. Sie sprechen über die Kraft von Kultur, politische Lernprozesse, Nutzungskonflikte in einer wachsenden Stadt und darüber, wie Menschen beim Klimaschutz mitgenommen werden.
Clara, wir sitzen hier an einem Ort, der sinnbildlich für Wandel steht. Was bedeutet dir dieser Bunker?
Der Bilker Bunker ist vor allem ein Zeichen dafür, was möglich ist, wenn Menschen sich einmischen vor Ort. Ursprünglich sollte er abgerissen werden, um Platz für hochpreisigen Wohnraum zu schaffen. Dass er heute ein Kulturort ist, verdanken wir dem Engagement der Menschen hier im Viertel. Sie wollten ihn erhalten, haben sich organisiert, haben politische Wege gesucht – und am Ende hat es funktioniert: Der Bunker wurde unter Denkmalschutz gestellt und somit vom Abriss verschont. Für mich zeigt das sehr klar: Demokratie wird in den Stadtvierteln gelebt und die Menschen haben Lust darauf ihre Umgebung mitzugestalten.
Und zugleich brauchte es einen Investor wie Andreas Knapp, der einen Kulturort daraus gemacht hat.
Absolut. Ohne seinen Mut wäre es nicht gegangen. Es braucht oft genau diese Kombination: zivilgesellschaftliches Engagement und jemanden, der sagt, ich traue mich an so ein Projekt. Und was hier entstanden ist, zeigt ja, wie wertvoll das sein kann. Es ist ein Ort, der Geschichte bewahrt und gleichzeitig neue Perspektiven eröffnet. Solche urbanen Orte, wo Menschen zusammenkommen, braucht die Stadt unbedingt.
Wie stehst du zur Zwischennutzung von leerstehenden Gebäuden, gerade in einer wachsenden Stadt wie Düsseldorf?
Ich halte die Zwischennutzung leerstehender Gebäude für eine große Chance, aber sie ist auch noch sehr komplex. Aktuell lohnt es sich oft für Eigentümer kaum, Gewerbeimmobilien schnell zu verkaufen oder umzunutzen, weil die gesetzlichen Rahmenbedingungen Leerstand begünstigen. Gleichzeitig sind die Anforderungen a Wohnraum hoch und das ist grundsätzlich richtig. Doch bei Umnutzungen stoßen wir schnell an Grenzen: Bestimmte Auflagen machen Projekte teuer und langwierig. Es kann nicht unser Anspruch sein, dass Mieten oder Kaufpreise so hoch kalkuliert werden müssen, um den Bau zu finanzieren. Hier müssen wir pragmatischer und flexibler werden, ohne wichtige Standards wie Lärmschutz aufzugeben. Jede gelungene Umnutzung spart zudem wichtige Ressourcen – daran müssen wir in Zeiten des Klimawandels ebenfalls denken.
Du bist als erste Grüne in Düsseldorf in die Stichwahl um das Oberbürgermeisteramt gekommen. Bist du heute noch dieselbe wie vor dem Wahlkampf?
Ich glaube nicht. So ein Wahlkampf verändert einen. Man geht über Grenzen, die man sich vorher vielleicht selbst gesetzt hat. Man spricht mit unglaublich vielen Menschen, auch mit denen, die eine ganz andere Meinung haben. Und genau das ist ja wichtig. Politik darf nicht in der eigenen Komfortzone stattfinden. Diese Erfahrung hat meinen Blick erweitert.
Gab es einen Moment, der dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Es gab viele, aber besonders eindrücklich waren Gespräche zum Thema Wohnen. Ich habe erlebt, wie stark die Angst vor Verdrängung ist. Menschen, die Sorge haben, ihr Zuhause zu verlieren und das geht sehr tief. Wohnen ist nicht irgendein politisches Feld, es ist etwas zutiefst Persönliches. Und ich glaube, wir unterschätzen manchmal, wie sehr solche Themen auch gesellschaftliche Spannungen erzeugen können.
„Wir müssen auch darüber reden, wie wir bestehende Strukturen schützen und wie wir verhindern, dass Menschen aus ihren Vierteln verdrängt werden“
Was nimmst du daraus politisch mit?
Dass wir genauer hinschauen müssen. Es reicht nicht, nur über Neubau zu sprechen. Wir müssen auch darüber reden, wie wir bestehende Strukturen schützen und wie wir verhindern, dass Menschen aus ihren Vierteln verdrängt werden. Instrumente wie Milieuschutzsatzungen sind zwar nicht perfekt, aber sie sind ein wichtiges Werkzeug, das wir dafür nutzen können.
Wo steht Düsseldorf aktuell aus deiner Sicht?
Düsseldorf ist in einer starken Position. Wir haben eine sehr leistungsfähige und diversifizierte Wirtschaft, eine hohe Lebensqualität und ein breites Kulturangebot. Gleichzeitig gibt es Herausforderungen, die wir lösen müssen, allen voran das Thema bezahlbarer Wohnraum. Wenn wir das nicht in den Griff bekommen, wird es schwierig, die Stadt für alle offen zu halten.
Und dann gibt es noch die, die gar keine Wohnung haben. Welche Konzepte verfolgt Ihr hier?
Hier verfolgen wir das Konzept „Housing First“, das in Düsseldorf schon länger von fiftyfifty vorangetrieben wird. Die Idee dabei ist, Menschen ohne Wohnung nicht zuerst in Hilfssysteme zu bringen, sondern ihnen zuerst direkt eine Wohnung zu geben – und zwar in gemischten Vierteln über die Stadt verteilt. Und sie dann zu begleiten, damit sie in ein möglichst normales Leben zurückfinden. Es geht darum, Teilhabe zu ermöglichen und nicht zu separieren. Denn eine Stadt funktioniert nur, wenn unterschiedliche Menschen zusammenleben und nicht, wenn wir Probleme einfach auslagern.
ABOUT CLARA GERLACH
Political career
• Since 6 November 2025: selected Mayor of the state capital Düsseldorf for the second consecutive term
• Since 2004: served on various committees of Düsseldorf City Council, including as cultural policy spokesperson for Bündnis 90/Die Grünen and on the Education Committee
• Since 2002: Member of Bündnis 90/The Greens
Professional career
• Since 2013: Teacher of Art and German, Secondary Levels II/I, Franz Jürgens Vocational College, Düsseldorf
• 2013: Second State Examination, ZfSL Neuss/Municipal Leibniz-Montessori Grammar School, Düsseldorf
• 2009: First state examination, Heinrich Heine University, Düsseldorf (German), University of Wuppertal (Art),
Other roles
• Chair of the Board of Trustees of the Museum Kunstpalast/NRW-Forum
• Member of the Supervisory Board of Stadtspark Düsseldorf
Married, two children
Ein anderes Thema, das viele beschäftigt, ist der öffentliche Raum rund um den Hauptbahnhof.
Das ist tatsächlich eine große Herausforderung. Zum einen, weil viele Zuständigkeiten bei der Bahn liegen. Zum anderen, weil wir es mit neuen Problemlagen zu tun haben, etwa durch Drogen wie Crack, die Menschen sehr schnell in extrem schwierige Situationen bringen. Wir arbeiten daran, den Bahnhofsvorplatz neu zu gestalten und gleichzeitig soziale Angebote auszubauen. Die neue Zentralbibliothek im Bahnhofsumfeld ist ein besonders schönes Beispiel für diesen Wandel.
Düsseldorf investiert massiv in Klimaschutzmaßnahmen. Wie gelingt es, die Menschen mitzunehmen?
Das ist wahrscheinlich die entscheidende Frage. Wir investieren in den nächsten fünf Jahren rund 500 Millionen Euro in Klimaschutz und Anpassung, das ist sehr viel Geld. Aber es geht nicht nur um Maßnahmen, sondern auch um Akzeptanz. Menschen müssen verstehen, warum Veränderungen notwendig sind. Und sie müssen das Gefühl haben, dass sie selbst Teil davon sein können. Deswegen setzen wir auch stark auf Förderprogramme, etwa für Solaranlagen oder energetische Sanierungen.
Trotzdem gibt es oft Widerstände.
Ja, und die sind auch verständlich. Veränderung bedeutet immer auch erstmal Unsicherheit. Aber genau deshalb ist eine gute Kommunikation so wichtig. Politik muss erklären, zuhören und auch bereit sein, Dinge anzupassen. Es geht nicht darum, alles durchzudrücken, sondern gemeinsam Lösungen zu finden.
Du bist nicht nur Bürgermeisterin, sondern auch Lehrerin. Wie prägt dich das?
Sehr. Schule ist ein unglaublich wichtiger Ort, weil dort Zukunft entsteht. Wir haben in Düsseldorf deshalb in den letzten zehn Jahren rund 1,3 Milliarden Euro in den Schulbau investiert. Diese enorme Summe zeigt, welchen Stellenwert Bildung für uns hat. Gute Räume sind kein Luxus, sie sind Voraussetzung dafür, dass Lernen funktioniert.
Wo ziehst du persönlich deine Energie her?
Aus Begegnungen. Ich finde es unglaublich bereichernd, mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Mein Mann hat im Wahlkampf einmal gesagt, dass ich oft mit mehr Energie nach Hause komme, als ich losgegangen bin – und das stimmt. Ich bin neugierig, ich möchte verstehen, wie Dinge funktionieren. Und dieses ständige Lernen gibt mir viel Kraft und Anregung.
Was macht Düsseldorf für dich aus?
Die Menschen. Diese Offenheit der Rheinländer, diese direkte Art, diese positive Einstellung. Man kommt schnell ins Gespräch, es entsteht etwas Gemeinsames. Und wir haben eine enorme kulturelle Vielfalt. Viele, die von außen kommen, sagen, wie beeindruckend das Angebot hier ist und das stimmt. Düsseldorf ist eine Kunst- und Kulturstadt auf sehr hohem Niveau.
Mit Blick in die Zukunft: Was macht dich optimistisch für unsere Stadt?
Vor allem, dass es hier so viele Menschen gibt, die sich engagieren. Orte wie der Bilker Bunker zeigen das sehr deutlich. Wenn Menschen Verantwortung übernehmen und ihre Stadt mitgestalten wollen, dann ist das die beste Grundlage für eine gute Zukunft. •
Interview: Rainer Kunst
Text: Tom Corrinth
Fotos: Celine Al-Mosawi