“IN MANY CASES,THE TRADITIONAL STRATEGY CONSULTANT IS BECOMING REDUNDANT”

Christian Underwood hat seine Strategieberatung neu erfunden. Statt mit 30 Berater:innen arbeitet er heute mit einer KI-gestützten Software, mit der Unternehmen ihre Strategie selbst entwickeln. Im Interview erklärt er, warum Agentensysteme die Beratung verändern und Deutschland bei KI hinterherhinkt.


Herr Underwood, Sie haben einmal gesagt, Sie hätten Ihre Berater durch KI-Agenten ersetzt. Warum?
Das war die Kurzfassung, die sich gut als Überschrift eignet. Die längere Geschichte beginnt mit Corona. Das erste Jahr war das erfolgreichste unserer Unternehmensgeschichte, das zweite das Gegenteil: Plötzlich gab es keine Aufträge mehr. Ich fragte mich, warum wir Strategieberatung noch so machen wie seit Jahrzehnten. Früher habe ich mit rund 30 Beratern gearbeitet. Heute sind wir sieben Leute in einem Softwareunternehmen. Ehemalige Berater verantworten das Produkt oder arbeiten in der Entwicklung.

Was macht Ihre Software?
Wir haben den gesamten Strategieprozess digitalisiert – von der Marktanalyse über Workshops bis zur Umsetzung. Das System recherchiert Marktdaten, unterstützt Analysen, hilft bei strategischen Zielen, begleitet die Projektsteuerung und trägt die Strategie bis in jedes Team. Der entscheidende Unterschied: Der Kunde entwickelt seine Strategie selbst. Wir stellen Methoden, Daten und den Prozess bereit. Dadurch braucht es den klassischen Strategieberater in vielen Fällen nicht mehr.

Warum ist das besser?
Weil Menschen eine Strategie konsequenter umsetzen, wenn sie sie selbst entwickelt haben. Wir sagen Unternehmen nicht, was sie tun sollen, sondern geben ihnen die Werkzeuge, ihre
Strategie eigenständig zu erarbeiten. Das verändert die Akzeptanz enorm. Zum Projektstart arbeiten wir mit dem Topmanagement. Diese Menschen kennen Branche und Wettbewerb genau. Was ihnen häufig fehlt, ist eine strukturierte Methodik. Dabei unterstützt unser System.


„Der entscheidende Unterschied: Der Kunde entwickelt seine Strategie selbst.“

Mehr Eigenverantwortung, weniger klassische Beratung – digitale Prozesse verändern das Beratungs-Geschäft.

Wie entstand daraus ein KI-Unternehmen?
Am Anfang stand ein Buch, das ich mit Prof. Dr. Jürgen Weigand von der WHU geschrieben habe: „Hoffnung ist keine Strategie“. Darin haben wir den gesamten Strategieprozess bis ins Detail beschrieben. Es entstanden mehr als 18.500 einzelne Aufgaben, die wir Schritt für Schritt in Software übersetzt haben. Als ChatGPT erschien, haben wir sofort experimentiert. Anfang 2023 entstand unser erster Chatbot, kurz darauf ein Agent, der Unternehmen bei der Formulierung ihrer OKRs unterstützt (Anm. d. Red.: Objectives and Key Results – eine Methode zur Formulierung und Messung von Unternehmenszielen). Viele Unternehmen tun sich damit schwer; der Agent wurde sofort intensiv genutzt. So haben wir das System weiterentwickelt. Heute führt ein Agentensystem Unternehmen durch den gesamten Strategieprozess. Als wir es einführten, gehörten wir, glaube ich, zu den ersten Anbietern. Viele klassische Beratungen stehen noch am Anfang.

Wo liegen die Daten? Das ist für viele Unternehmen ein sensibles Thema.
Absolut. Datenschutz und Informationssicherheit hatten für uns von Anfang an höchste Priorität. Wir sind nach ISO 27001 zertifiziert. Was wir selbst betreiben können, läuft in Nürnberg. Für Frontier Reasoning nutzen wir einen geprüften externen Anbieter. Die Verarbeitung erfolgt in der EU, ein AV-Vertrag ist abgeschlossen und Kundendaten werden nicht zum Training der Modelle verwendet. Die Frage nach Datenschutz und Datensicherheit kommt in jedem Vertriebsprozess. Bei rund 200 Kunden konnten wir sie bisher jedes Mal beantworten.

KI verändert also nicht nur die Arbeit, sondern auch das Geschäftsmodell der Beratung.
Genau. Viele Beratungen verkaufen noch immer Zeit. Wir verkaufen Ergebnisse. Wenn wir mit KI in einer Stunde erreichen, wofür früher eine Woche nötig war, profitieren alle. Im Kern verkaufen wir Software, die Unternehmen selbst nutzen. Der Preis richtet sich nach Unternehmensgröße und Komplexität – nicht nach der Zahl der Nutzer. Für viele Kunden ist das der Einstieg in professionelle Strategiearbeit. Heute entscheidet sich bereits rund die Hälfte, ausschließlich mit der Software zu arbeiten. Das System ist inzwischen so weit, dass viele Unternehmen den Prozess eigenständig durchlaufen. Wir unterstützen nur dort, wo es nötig ist.

Manche Unternehmen wünschen sich aber vielleicht gerade jemanden, der die Verantwortung übernimmt.
Das funktioniert nur für den, der eigentlich nichts verändern möchte. Wir erleben Unternehmen, die lieber ein Gutachten einkaufen, als ihre Führungskräfte in die Strategieentwicklung einzubeziehen. Dabei sind genau diese Menschen entscheidend für den späteren Erfolg. Wir wollen mit Unternehmen arbeiten, die wirklich etwas bewegen wollen. Wer nur einen externen Stempel sucht oder Verantwortung delegieren möchte, ist bei uns nicht richtig. Nicht der Berater entscheidet, was ein Kunde braucht – sondern der Kunde selbst.


Workshops geben den Einstieg, danach übernehmen die Kunden den Strategieprozess selbst.

Wie blicken Sie auf den KI-Standort Deutschland?
Ich komme gerade aus San Francisco und war vergangenes Jahr für einen Strategie-Workshop in Shenzhen. Mein Eindruck ist eindeutig: Deutschland verliert vor allem bei der Geschwindigkeit. Wir diskutieren oft zuerst, warum etwas nicht funktionieren könnte, statt es auszuprobieren. Dabei erleben wir auch Unternehmen, die mutig vorangehen und mit KI schon deutlich schneller und effizienter arbeiten. Andere verharren in einer Art Schockstarre. Die wirtschaftliche Lage ist schwierig, viele löschen nur Brände. Aber gerade jetzt müssten Unternehmen den Kopf heben und strategisch nach vorne schauen. Ich wage eine harte These: Wenn wir in fünf Jahren noch die Hälfte unserer heutigen mittelständischen Unternehmen haben, können wir froh sein. Viele finden keine Nachfolge oder haben Geschäftsmodelle, die unter den heutigen Rahmenbedingungen nicht mehr funktionieren.

Was bedeutet das für die Menschen? Welche Kompetenzen sind heute gefragt?
Die wichtigste Fähigkeit ist Offenheit. Viele lesen über ChatGPT oder andere Systeme und probieren sie nie selbst aus. Dabei genügen ein paar Minuten für die erste Erfahrung — und die verändert mehr als jeder Artikel darüber. Niemand muss programmieren können. Ich selbst kann auch kein Python. Was zählt, ist etwas anderes: beurteilen zu können, ob ein Ergebnis stimmt. Ein Modell klingt immer überzeugend. Ob es recht hat, entscheidet ein Mensch — und dafür braucht es Erfahrung, Urteilsvermögen und den Mut zu widersprechen. Das ist die gute Nachricht: Die Fähigkeit, die jetzt wichtig wird, ist keine technische. Sie liegt bei denen, die ihr Geschäft verstehen. Man muss sie sich nur zutrauen. •


Text: Lisa Maria Kunst
Pictures: MARKUS LUIGS

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