ONE IDEA – MILLIONS OF PLAYERS

Kicktipp kennt fast jeder Fußballfan. Dass hinter Deutschlands größter Tippspiel-Plattform im Kern nur zwei Menschen stehen, wissen die wenigsten. Die Geschichte eines Unternehmens aus Düsseldorf, das nie eines werden sollte – und gerade deshalb so erfolgreich ist.


Mehr als sieben Millionen Tipper, rund 700.000 Tipprunden und im WM-Monat 2026 eine höhere Reichweite als „Spiegel“ und „Zeit“: Kicktipp klingt nach Tech-Konzern und großem Marketingbudget. Tatsächlich wird die Plattform von gerade einmal zwei Menschen in Düsseldorf gesteuert: Gründer Janning Vygen und Entwickler Peter Buning. Dem Erfolg begegnet Vygen mit bemerkenswerter Gelassenheit. Wenn er wissen will, wie viel Umsatz Kicktipp in einem Monat gemacht hat, muss er erst nachschauen. „Wir sind zu zweit und haben andere Sachen zu tun. Wir kümmern uns um das Produkt“, sagt er. Ein Produkt, das praktisch jeder kennt, der schon einmal mit Kollegen, Freunden oder Familie eine Fußballrunde getippt hat. Vygen und Buning verstehen sich als „Frickler“: Sie tüfteln, automatisieren und verbessern die Plattform. Ist eine Aufgabe so gelöst, dass sie keine weitere Arbeit erzeugt, fühlt sich das für Vygen an wie ein gelöstes Sudoku. Aus diesem Prinzip entstand eine ungewöhnliche Unternehmensgeschichte – ohne Businessplan, Investoren oder den Masterplan, einmal Millionen zu erreichen.


VOM FREUNDESKREIS ZUR PLATTFORM

Mitte der 1990er-Jahre studierte Janning Vygen Jura. Seine ersten Codes hatte er schon als Jugendlicher auf einem TI-99/4A von Texas Instruments geschrieben. Als sich sein Freundeskreis nach der Schulzeit über Deutschland verteilte, wollte er die Gruppe digital zusammenhalten und programmierte eine Art Chat. Nur war so gut wie nie jemand gleichzeitig online. Also entwickelte Vygen 1996 ein Fußballtippspiel, obwohl nicht einmal alle Freunde Fußballfans waren. Irgendwann „surfte“ ein Fremder vorbei und wollte die Software für seine eigene Tipprunde nutzen. Vygen schrieb das Programm so um, dass mehrere Gruppen auf derselben Plattform spielen konnten. Aus einer Tipprunde wurden zwei, dann immer mehr. Die Domain kicktipp.de registrierte er trotzdem erst 1999. Eile bestand nicht.

Nach Jurastudium und Referendariat in Düsseldorf gründete Vygen mit einem Partner die Webagentur Planwerk 6. Kicktipp lief zunächst nebenher, bis er sich vollständig auf die Plattform konzentrierte. Anfang 2007 stellte er Peter Buning ein. Seitdem bilden die beiden das Kernteam an der Klever Straße – mit Reichweite bis in Kantinen, Kneipen und Wohnzimmer im ganzen Land.


EINFACH TIPPEN

Das Prinzip hinter Kicktipp ist einfach: tippen, Punkte sammeln, die Tabelle prüfen und anschließend darüber reden. Gerade diese Schlichtheit ist vermutlich ein Teil des Erfolgs. Während andere Apps ihre Nutzer mit Streaks, Belohnungen und neuen Funktionen möglichst lange auf dem Bildschirm halten, lässt Kicktipp sie in Ruhe. „Ich will den Leuten nicht auf den Geist gehen“, sagt Vygen. Auch die Oberfläche wurde über die Jahrzehnte nur behutsam verändert. Es geht nicht um maximale Verweildauer, sondern um den Gesprächsstoff am Montagmorgen.

Damit ist Kicktipp auch für Unternehmen interessant. Einen Tipp abzugeben, dauert nur wenige Minuten, die Gespräche darüber halten deutlich länger. Vygen erzählt von einer Firma, in der die Kollegen montags für den Spieltagsgewinner Spalier stehen und ihn mit einem frischen Kaffee empfangen. Für einen Moment verschieben sich Hierarchien und Abteilungen. Es geht um Fußball, aber genauso um Begegnung. Der eigentliche Wert von Kicktipp entsteht in der Kaffeeküche.

Wie stark die Plattform für Employer Branding, Kundenbindung oder Influencer-Marketing eingesetzt wird, kann Vygen nicht genau sagen. Die meisten Buchungen laufen vollständig automatisiert. Anders ließe sich eine Plattform mit Millionen Nutzern kaum zu zweit betreiben. Manchmal entdeckt er erst im Café, dass dort eine Kicktipp-Runde läuft.


FACTS AND FIGURES:

• Founder and Managing Director: Janning Vygen

• Head Office: Düsseldorf, Klever Straße

• Staff: 1 – Developer Peter Buning

• History: first prediction game in 1996, domain since 1999, limited liability company (GmbH) since 2006

• 2026 World Cup: more than 7 million participants, around 700,000 prediction rounds

• Revenue: around 70 to 80 percent from advertising plus premium packages

• International reach: eight languages, around 95 per cent of usage from


WERBUNG TRIFFT PROFIPAKET

Kicktipp verdient sein Geld auf zwei Wegen. Werbung finanziert die kostenlosen Tipprunden und macht rund 70 bis 80 Prozent des Umsatzes aus. Am liebsten würde Vygen darauf verzichten, doch wirtschaftlich sei das nicht möglich. Die zweite Säule bilden Profipakete: Während kostenlose Runden auf 300 Teilnehmer begrenzt sind, können Unternehmen, Vereine, Medien und Community- Betreiber größere Tippspiele werbefrei aufsetzen, Logo und Corporate Design integrieren und die Runde auf der Kicktipp-Startseite bewerben. Die Kundschaft reicht vom Weltkonzern bis zum Café nebenan.

Auch Influencer haben das Modell entdeckt. Eine Tipprunde eines Fußball-Creators kam zuletzt auf 30.000 Teilnehmende. Professionell eingesetzt, werden Tipps, Bonusfragen und Gewinne so Teil einer Kampagne, die eine Community über Wochen zusammenbringt – ohne sich wie klassische Werbung anzufühlen.


Die Kicktipp-Männchen sind längst zu Maskottchen der Plattform geworden – und zieren Tassen, T-Shirts und weiteren Merch.

KEIN EXIT

An Kaufinteressenten mangelte es nicht. In einer stressigen Phase ließ Vygen prüfen, ob jemand „den Koffer voll Gold aus dem Keller holt“. Die Angebote überzeugten ihn allerdings nicht. Manche Interessenten wollten einen Teil des Kaufpreises mit Werbeleistung begleichen. Vygen rechnete nüchtern: Wenn das Unternehmen innerhalb von fünf Jahren denselben Betrag erwirtschaftet und ihm danach noch immer gehört – warum sollte er es verkaufen? Diese Freiheit hat ihren Preis. Das kleine Team hält die Kosten niedrig, trägt aber die gesamte Verantwortung. Vygen und Buning beantworten selbst sonntags Anfragen; fällt nachts etwas aus, steht einer von ihnen auf. Früher brachen die Server regelmäßig unter der Last zusammen, Ergebnisse trug Vygen mitunter erst montags ein. Heute liefern Sportdatendienste die Resultate, Live-Scores werden automatisch verarbeitet.

Ein professioneller Käufer könnte Kicktipp vermutlich stärker monetarisieren: mehr Werbung, zusätzliche Funktionen, schnelleres Wachstum. Doch dann wäre es nicht mehr Vygens Produkt. „Ich sehe mich gar nicht als Unternehmer“, sagt er. Sonst hätte er zehn Mitarbeiter oder längst einen Exit hinter sich. Sein Ziel war ein anderes: gut von Kicktipp leben, an einer anspruchsvollen Aufgabe arbeiten und möglichst frei sein. Inzwischen, fügt er trocken hinzu, könne er sogar sehr gut davon leben.


INTERNATIONAL MIT MASS

Kicktipp ist heute in acht Sprachen verfügbar, dennoch kommen 95 Prozent der Nutzung aus Deutschland. Das Erfolgsmodell ließ sich nicht einfach übertragen: In England ist die Buchmachertradition stärker, anderswo fehlt das Netzwerk, das Kicktipp hierzulande in den frühen Internetjahren durch Mundpropaganda aufgebaut hat. Stillstand bedeutet das nicht. Auf der Liste stehen Barrierefreiheit, bessere Bonusfragen, neue Statistiken und vielleicht eine KI-Tipphilfe. Ein kurzer Hinweis könnte künftig zeigen, welche Mannschaft zu Hause stark ist oder auf wichtige Spieler verzichten muss – damit auch Gelegenheitsfans am Montag mitreden können.

Wofür die Technik gut ist, erlebt Vygen ohnehin am liebsten analog. Vor zehn Jahren lud ihn eine große Tipprunde nach Magdeburg ein. Die Gemeinschaft hat einen eigenen Kicktipp-Raum, veranstaltet Pokale und reist zusammen zu Fußballspielen bis nach Brasilien. Vor wenigen Wochen war Vygen erneut zu Besuch. „Dann sieht man das, was man jeden Tag macht, im echten Leben“, sagt er.

Vielleicht ist genau das der Kern dieser Düsseldorfer Unternehmensgeschichte: Zwei Frickler bauen eine Plattform, die sich so wenig wie möglich in den Vordergrund drängt. Und bringen damit Millionen Menschen ins Gespräch. •


Text: Karolina Landowski
Pictures: MAX BRUNNERT

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