AI BUSINESS MADE IN DÜSSELDORF
Während die USA und China um die KI-Vormachtstellung wettstreiten, verliert Europa trotz enormer technologischer Kompetenz den Anschluss. Es gilt, das vorhandene Potenzial in eigene Lösungen zu übersetzen, um die Datensouveränität und die Wettbewerbsfähigkeit Europas zu sichern. Wie kann der Spagat zwischen verantwortungsvoller Regulierung und zukunftsweisender KI-Entwicklung gelingen? Experten des Düsseldorfer Unternehmens sipgate und der Fachmesse XPONENTIAL Europe 2026 geben Antworten.
Perfekte Bedingungen für kreative Ideen: der Außenbereich von sipgate im Düsseldorfer Stadtteil Unterbilk.
„KI steckt in unserer DNA. Wir fragen uns bei jeder Entscheidung: Kann uns Künstliche Intelligenz an der Stelle helfen?“, sagt Marcel Mellor, Product Lead bei sipgate. Seit zehn Jahren arbeitet er beim Düsseldorfer Internet-Telefonie-Anbieter. Über 40.000 Unternehmen nutzen das Angebot von sipgate, um über Computer, Smartphone oder Tablet mit ihren Kund:innen zu telefonieren. Mittlerweile profitieren sie auch von KI: Kundenberater:innen erhalten nach jedem Gespräch automatisiert eine Zusammenfassung mit den wichtigsten Informationen und To-dos. KI-Agenten gehen einen Schritt weiter und führen selbstständig Kundengespräche. „Ein KI-Agent kann nicht alles beantworten, aber einen Großteil der Telefonate vorqualifizieren. Weiß er nicht weiter, übergibt er an einen menschlichen Kollegen“, so Mellor. sipgate selbst führte allein im August 2025 mehr als eine Million Kundengespräche mit KI.
Marcel Mellor, Product Lead, Sipgate
Bei seinen Entwicklungen setzt sipgate auf einen Technologie-Mix: Anders als viele Unternehmen kommen nicht alle KIAnwendungen von einem Anbieter in einer Cloud. Stattdessen greift sipgate auf die für sie besten Technologien in puncto Qualität, Wartbarkeit und Offenheit zurück. „Zunächst muss das gesprochene Wort in Text umgewandelt werden. Dafür nutzen wir Open-Source-Technologie von OpenAI. Für die Zusammenfassungen überlassen wir unseren Kunden, ob sie OpenAI oder Mistral, ein europäisches Model, verwenden. Und wenn der KIAgent telefoniert, kommen Open-Source-Technologien, aber oft auch von uns entwickelte Tools zum Einsatz. Die Mischung gibt uns mehr Flexibilität“, erklärt Mellor. Der sipgate-Experte ergänzt, dass US-Anbieter bei den Foundation Models – leistungsstarke, mit riesigen Datenmengen trainierte KI-Grundlagenmodelle – derzeit die Nase vorn hätten. „Daher greifen wir auch nicht krampfhaft auf europäische Lösungen zurück. Oft geht es um Geschwindigkeit, schon eine Zeitverzögerung von einer halben Sekunde kann sich im Telefongespräch merkwürdig anfühlen. Da sind US-Modelle gerade einfach besser.“
Auch in Zukunft sieht er das KI-Potenzial für Europa nicht bei den Foundation Models. Es sei wahrscheinlich, dass sich der Markt mittelfristig auf zwei bis drei für alle als Open Source zugängliche Modelle einigen wird. „Wir sollten nicht die Foundations Models aus den USA nachbauen, sondern spezialisierte Lösungen für bestimmte Branchen entwickeln, in denen wir stark sind.“ Mellor weist außerdem auf große ungenutzte Datenmengen in Europa hin: „OpenAI und Co. wissen nicht, wo sie neue Daten herbekommen, um ihre Modelle weiter zu trainieren. In Bibliotheken, Verlagen und Unternehmen haben wir unzählige, nicht digitalisierte, aber hochwertige Daten, auf die OpenAI keinen Zugriff hat. Eine europäische Daten-Pipeline könnte ein sehr guter Ansatz für das Feintuning von KI-Modellen sein. Und dann müssen wir KI-Software entwickeln, die echte Probleme löst und uns produktiver macht.“
„KI steckt in unserer DNA. Wir fragen uns bei jeder Entscheidung: Kann uns Künstliche Intelligenz an der Stelle helfen?“
Auf der XPONENTIAL Europe kommen jedes Jahr internationale Expert:innen für autonome Systeme und Robotik zusammen, um die neuesten Lösungen zu präsentieren und zu diskutieren. KI ist dabei ein zentrales Thema.
Malte Seifert, Director Metals & Autonomous, Technologies Messe Düsseldorf
Die europäische KI-Regulierung ist für Mellor Herausforderung und Chance. „Erst regulieren, dann Innovation schaffen, ist schwierig. Künstliche Intelligenz ist eine neue Basistechnologie. Da müssen Unternehmen erst ausprobieren, was funktioniert und was nicht.“ Andererseits seien die Forderungen nach mehr Transparenz bei der Entscheidungsfindung von KI verständlich. Das könnte aber auch zum Innovationstreiber werden: „OpenAI und Co. haben keine Lösung, um für Nutzer:innen nachvollziehbar zu machen, wie KI zu seinen Entscheidungen kommt. Denn KI-Modelle funktionieren nicht wie normale Software. Da könnte noch viel Innovation entstehen, die europäische Grundlagenforschung dazu ist sehr gut. Nur muss diese dann auch in Anwendungen überführt werden und nicht in Universitätsprojekte, die in die USA gehen.“
KI-Lösungen aus Europa sind vom 24. bis 26. März 2026 auf dem Düsseldorfer Messegelände zu sehen. Dann findet mit der XPONENTIAL Europe die europäische Leitmesse für autonome Technologien und Robotik statt. Im Mittelpunkt stehen praxisnahe Lösungen, die zum Beispiel zeigen, wie KI bei der Sensordatenverarbeitung hilft, Objekte erkennt, Entscheidungen trifft und komplexe Szenarien in Echtzeit bewertet. Oder wie KI-Systeme in Drohnen, Fahrzeugen oder Schiffen miteinander kommunizieren, um effizienter und sicherer zu agieren. Gleichzeitig stellt die Messe auch Europas Verantwortung in den Fokus: „Unsere Aussteller zeigen, wie KI zum Produktivfaktor wird – in autonomen Fahrzeugen, Servicerobotern oder Sicherheitsanwendungen. Gleichzeitig wollen wir die gesellschaftliche Debatte begleiten:
Wie viel Verantwortung braucht KI? Wie schützen wir uns vor Cyberangriffen? Wie gestalten wir die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine? Wir wollen zeigen, wie Europa technologische Führungsrolle und Verantwortung zugleich übernehmen kann“, erklärt Malte Seifert, Director Metals & Autonomous Technologies, Messe Düsseldorf. Derzeit entstehen zahlreiche neue Anwendungsfelder, in denen sich Technologie und Regulierung zunehmend verzahnen – etwa in der Mobilität, der medizinischen Robotik oder der Infrastrukturüberwachung. Ein zentrales Thema auf der Messe ist dabei der souveräne Umgang mit Daten: „Bei KI sprechen wir auch immer über Daten, wie sie verarbeitet und geschützt werden. Europa muss eigene Standards setzen, um unabhängig von außereuropäischen Plattformen zu bleiben“, so Seifert.
Die Messe Düsseldorf gilt als Early Adopter im Bereich Künstlicher Intelligenz. Ein interdisziplinärer Arbeitskreis prüft Anwendungsfelder, legt Standards fest und bewertet neue Tools, bevor sie zum Einsatz kommen. „Wir sind in der Messebranche einer der aktivsten und systematischsten KI-Anwender. Wir nutzen KI für Text- und Bildproduktion, SEO, Übersetzungen, Datenanalyse, multimediale Inhalte und Programmierung“, sagt Seifert. Was dabei herauskommt, zeigen ein Imagefilm und zwei Videos zu den Bereichen Raumfahrt und Verteidigung für die internationale Mediakampagne der XPONENTIAL Europe 2026. Sie wurden vollständig mit Text-, Bild- und Sprach-KI produziert, von der Idee über das Storyboard bis zur finalen Umsetzung. Malte Seifert resümiert: „Für uns ist das nicht nur Marketing, sondern ein Statement: Wir sind im stetigen Austausch mit der Industrie und gestalten den technologischen Wandel aktiv mit.“ •
Text: Dominik Deden
Pictures: Udo Fritsch, Messe Düsseldorf / ctillmann