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Wie riecht Marokko, wenn man die Klischees weglässt? Nach Zitrone und Mut zur Veränderung – sagt Halima Pflipsen. Die Düsseldorferin zeigt mit Kochkursen, TVAuftritten und ihrem Store „Beldi Living“, dass sich Tradition und Moderne nicht ausschließen.

Halima Pflipsen, Gründerin von Taste Morocco und Beldi Living

Deine persönliche Geschichte bewegt sich zwischen Marokko und Deutschland. Wie war Dein Weg zwischen diesen beiden Ländern und wie haben sich diese Einflüsse beruflich bei Dir ausgedrückt?
Mit 14 Jahren habe ich Marokko verlassen. Seit der ersten Sekunde und bis heute bin ich „en echt Düsseldorfer Mädche“. Die ersten Wochen und Monate waren schwierig, aber ich wollte die Sprache lernen, weil ich wusste, dass sie der Schlüssel ist. Heute habe ich – auch wenn es wegen meines Jobs vielleicht anders aussieht – eine stärkere Bindung zu Deutschland als zu Marokko. Ich bin hier zur Schule gegangen. Am Anfang konnte ich kein Deutsch, aber ich habe hart an mir gearbeitet, und es geschafft, von der Realschule aufs Gymnasium zu wechseln. Später habe ich eine Ausbildung zur Industriekauffrau bei Henkel gemacht. 17 Jahre war ich in der Chemiebranche tätig. Das war eine großartige Zeit: ich habe viel gelernt, tolle Menschen kennengelernt, aber irgendwann kam der Zeitpunkt, an dem ich etwas anderes machen wollte. Dann habe ich mit meiner Familie angefangen, Marokko anders zu bereisen, es mit anderen Augen zu sehen und zu entdecken.

Wie kann man sich das vorstellen?
Wir sind sonst immer nach Marokko gereist, um die Familie zu besuchen. Vor ca. 15 Jahren habe ich jedoch eine Rundreise gebucht und das Land mit einer Touristenbrille betrachtet. Ich habe die kulturellen Schätze Marokkos kennengelernt und die Vielfalt des Landes erlebt. Marokko ist ein diverses Land. Es war schon immer ein Schmelztegel der Kulturen, allein schon aufgrund der geografischen Lage. Marokko ist ein Land mit vielen Sprachen und Dialekten. Die beiden offiziellen Amtssprachen sind Arabisch und Tamazight, die Sprachen der indigenen Amazigh-Bevölkerung. Hinzu kommt, dass Marokko Einflüsse aus Afrika, dem Orient und Europa vereint, die sich in Architektur, Kunsthandwerk, Sprache, Musik und Küche widerspiegeln und das Land sehr vielfältig und kontrastreich machen. Was mich bei meinen ersten Reisen beeindruckt hat, war das junge Marokko: kulturbewusst, traditionsbewusst, aber dennoch hungrig nach Fortschritt. Die Menschen dort wollen etwas erreichen und haben in den letzten zwei Jahrzehnten viel davon geschafft. Das beeindruckt mich. Schade finde ich die Unwissenheit, die wir hier über die Länder Nordafrikas haben. Das wollte ich ein bisschen ändern. Ein weiterer Grund zu gründen, war die Kölner Silvesternacht. Plötzlich schien es, als würden viele Menschen denken: „Alle Marokkaner sind schlecht.“ Manche haben es sogar laut ausgesprochen. Diese Worte haben mich getroffen. Es war eine schwere Zeit, in der mein Entschluss wuchs: Ich wollte ein anderes Bild von Marokko und den hier lebenden Marokkaner:innen zeigen. Ich sehe mich zwar nicht als politisch, aber vielleicht macht letztlich jeder auf seine Weise Politik. Der eine geht auf die Bühne und erzählt, ich bringe Herzen zusammen – das ist meine Art von Politik.

Marokko gilt bei erneuerbaren Energien als Vorreiter Afrikas.

Marokko steht kulturell und wirtschaftlich an einem spannenden Punkt zwischen Tradition und Wandel. Wie nimmst Du das Land aktuell wahr?
Politisch hat sich einiges getan und natürlich ist auch noch Luft nach oben. Gerade bei den Frauenrechten gab es positive Veränderungen. Wirtschaftlich ist das Land schon länger auf dem Vormarsch. Die wenigsten wissen beispielsweise, dass Marokko der größte Autohersteller Afrikas ist. Viele große Konzerne produzieren in Marokko. Das Land hat in die Infrastruktur investiert: neue Autobahnen, das Schienennetz wurde erweitert. Es gibt einen TGV-Schnellzug, der von Tanger nach Casablanca fährt und demnächst weiter nach Marrakesch. Insgesamt sehe ich Marokko auf einem sehr guten Weg. Ich sehe, dass Deutschland langsam aufwacht und in Marokko und in Afrika generell Potenzial erkennt. Da steckt viel drin, gerade für Investor:innen ist das ein interessantes Land. Es ist eines der sichersten und stabilsten Länder Afrikas. Marokko ist auch Vorreiter beim Thema erneuerbare Energien. In Marokko befindet sich einer der größten Solarparks der Welt. Und ich glaube, fast jede Moschee wird mit Solar betrieben. Sie haben ein unglaubliches Tempo hingelegt, was dieses Thema angeht.

Du siehst Dich als Botschafterin der marrokanischen Kultur in Deutschland. Das machst Du durch Deine Kochschule, Auftritte als TV-Köchin und auch durch einen Shop für marokkanisches Interior. An wen richtest Du Dein Angebot?
Meine Kochveranstaltungen sind eine Einladung an alle, die das Besondere suchen – Genießer:innen, Entdecker: innen und Neugierige, die dem Alltag entfliehen möchten. Achtzig Prozent meiner Kochveranstaltungen sind Firmenveranstaltungen. Bei Gruppen von bis zu 40 Teilnehmer:innen gibt es immer einige, die kaum etwas über Marokko wissen und anfangs skeptisch sind, was sie erwartet. Am Ende des Abends umarmen sie mich und bedanken sich für diese besondere Reise – das ist für mich der schönste Lohn.

Irgendwann hast Du mal gesagt „Jetzt reicht es mit Nordic Minimalism“. Was hat marokkanischer Stil Purismus entgegenzusetzen?
Der marokkanische Stil hat dem Purismus so viel entgegenzusetzen: Kunsthandwerk, Farben, Muster, Kreativität und Lebensfreude. Er ist zeitlos, wirkt lebendig und erzählt alte wie neue Geschichten. Ich liebe skandinavisches Design und kombiniere es gerne, aber es gibt eben noch etwas anderes – vieles sieht oft gleich aus, und das kann auf Dauer etwas langweilig werden.


Der eine geht auf die Bühne und erzählt, ich bringe Herzen zusammen – das ist meine Art von Politik

Du reist oft nach Marokko, um neue Techniken, Brands oder Handwerker:innen zu entdecken. Gibt es eine Begegnung, die Dir besonders im Kopf geblieben ist?
Ja, bevor ich mich selbstständig gemacht habe, habe ich Chebi Chic in Marrakesch entdeckt. Die Company wurde von zwei Frauen gegründet, die diese Marke heute sehr erfolgreich führen. Sie produzieren marokkanische Keramiken mit traditionellen und modernen Mustern und exportieren ihre Produkte in die ganze Welt. Weil es ein marokkanischer Frauenbetrieb ist, finde ich das umso cooler. Wir begleiten uns gegenseitig ein wenig. Wir haben fast zeitgleich angefangen.

Für alle, die sich jetzt weitere Einblicke in die marokkanische Kultur verschaffen wollen: Welche Künstler:innen, Musiker:innen, Filme oder Bücher empfiehlst du?
Vor einigen Jahren ist die Sängerin Oum beim Düsseldorf Festival aufgetreten. Für mich symbolisiert sie das Marokko, das ich so liebe. Ihre Musik ist voller moderner Klänge, aber auch traditionell geprägt und mit Elementen aus Jazz, Soul, Funk und südamerikanischer Musik gemischt. Diese Mischung ist genauso kreativ, weltoffen und vielfältig wie das Land selbst. •


Words: Lisa Maria Kunst
Pictures: Pexels/ Constanze Marie, Patrick Christoph, iStock/ Maria Sonia Salvador Verdugo

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