”FOR ME, COFFEE IS A WAY OF UNDERSTANDING THE WORLD”
KUNST MEETS MARTIN SCHÄFER
Er hat mit einem Café in Düsseldorf angefangen, ist heute in der halben Welt unterwegs und springt mit einem Fallschirm aus luftigen Höhen: Martin Schäfer ist Co-Geschäftsführer der Rösterei Vier und arbeitet mit Farmern von Costa Rica bis Malawi zusammen. VIVIDHerausgeber Rainer Kunst sprach mit ihm über Unternehmergeist, klimatische Herausforderungen, Kaffee als Kulturgut – und darüber, warum ein Zip-Lock-Beutel manchmal über Lebenswege entscheidet.
Wie bist Du eigentlich zum Kaffee gekommen?
Kaffee war immer schon „mein Ding“. Während des BWL-Studiums in Münster habe ich nebenher in Cafés gearbeitet. Ehrlicherweise hat mich das oft mehr begeistert als Statistik oder Bilanzierung. Gastgeber zu sein lag mir einfach. Nach dem Studium wollte ich unbedingt raus in die Welt und bin mit einem Round-the-World-Ticket los. In Vancouver habe ich in einem Schnellrestaurant gearbeitet und gemerkt: Ich laufe morgens 15 Minuten früher los, nur um auf dem Weg dorthin in einem der vielen Cafés noch einen Kaffee zu trinken. Abends auf dem Rückweg dasselbe. Da dachte ich: Genau das ist es, so eine Kaffeekultur brauchen wir auch zuhause. Dann – das war Mitte der 1990er-Jahre –habe ich angefangen, die Idee eines Cafés zu entwickeln und bin in die Selbständigkeit gegangen.
Und woher kommt dieser Unternehmergeist?
Das frage ich mich selbst manchmal. Meine beiden Großväter habe ich nie kennengelernt, aber meinen Urgroßvater. Als Bäckergeselle ist er zum Beispiel 1912 von Duisburg bis nach Venedig auf die Walz gegangen. Er hatte eine sehr starke Persönlichkeit, die einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen hat. Vielleicht kommt dieser Unternehmergeist von ihm. Aber ich glaube, es ist vor allem mein Bedürfnis, Gastgeber zu sein. Schon in der Schulzeit habe ich Silvesterpartys organisiert. Dieses „Menschen zusammenbringen“ begleitet mich bis heute. Und natürlich meine Reiselust: Ich war auch lange in Australien unterwegs, damals noch ohne deutsche Backpackerwelle. Viele unserer studentischen Aushilfen heute waren ebenfalls dort – das verbindet auch irgendwie.
Rund die Hälfte des Jahres bist Du rund um den Erdball unterwegs für Dein Business. War das von Anfang an so?
Nein, das kam später. Als ich mein erstes Café eröffnet habe, war Reisen das Gegenteil von dem, was ich tat: Ich stand jeden Tag von morgens bis abends im Laden. Aber der Kaffeemarkt hat sich massiv weiterentwickelt. Transparenz wurde wichtiger. Wir wollten wissen, woher unser Produkt stammt. Unsere Milch beispielsweise kam schon früh direkt vom Bauernhof. Später entstand zudem der Wunsch, enger mit Farmern vor Ort zusammenzuarbeiten. Wir wollten alle vier Prozessschritte verstehen und verantworten: Anbau, Aufbereitung, Rösten, Zubereitung. Denn wenn einer dieser Schritte nicht funktioniert, hast du kein gutes Produkt. Genau deshalb heißt unsere Marke Rösterei Vier.
Wie findet Ihr Eure Partnerfarmen?
Früher, indem wir einfach hingefahren sind, angeklopft und ausprobiert haben – quasi Trial and Error. Heute kennen wir in vielen Regionen die Farmer persönlich. Trotzdem bleibt Reisen unverzichtbar. Du kannst das Business halt nicht über Zoom-Meetings machen, weil die Konnektivität und das Netzwerk vor Ort so wichtig sind. Dort merkst du, welche Qualität entsteht, welche Trends relevant werden. Wie zum Beispiel kofermentierte Kaffees, die wir dieses Jahr eingeführt haben. Wir teilen uns das im Team: Ich mache viel Sourcing, also Beschaffung, mein Kollege Mateusz verantwortet die Qualität in der Rösttrommel und in der Tasse. Geschmack ist keine mathematische Formel, deswegen diskutieren wir leidenschaftlich, aber immer konstruktiv.
Inwiefern spielt der Klimawandel in Eure Arbeit hinein?
Sehr direkt. Kaffee ist dramatisch teurer geworden. Wetterextreme wie etwa Frost in Brasilien oder zu viel Regen in Vietnam verdoppeln teilweise die Preise. Dazu kommen Spekulationen: Rund 40 Prozent der Marktteilnehmenden handeln Kaffee, ohne jemals eine Bohne gesehen zu haben. Und wir spüren die Folgen natürlich auf unserer eigenen Farm in Malawi. Dort verändert sich das Klima sichtbar, das beeinflusst Ertrag und Qualität.
Apropos Malawi: Wie ist Eure Arbeit dort entstanden?
Eigentlich über Wasser, nicht über Kaffee. Wir haben früher pro verkaufter Wasserflasche fünf Cent für Brunnenprojekte gespendet. Das erste Projekt in Nepal endete im Desaster: Der Brunnen wurde nie gebaut, das Geld war weg. Ich habe das privat ausgeglichen und gesagt: Wir machen weiter, aber besser. Über Kontakte kam ich nach Malawi, baute dort zunächst Brunnen – inzwischen sind es über 40. Und dann kam der Zufall: Ein Farmer vor Ort stand plötzlich mit einem Zip-Lock-Beutel Rohkaffee vor unserem Kollegen Tim. Das war seine einzige Tüte, er wollte sie auch zurückhaben. Wir haben den Kaffee mit nach Düsseldorf gebracht, hier geröstet und er war fantastisch. Zurück in Malawi haben wir dann mit noch weiteren Farmern die Zusammenarbeit gestartet. Wir waren schockverliebt in die Region: Regenwald, Friedfertigkeit, eine ganz besondere Atmosphäre. 2019 konnten wir eine kleine Lodge übernehmen, die wir zu einem Ort machen wollten, wo alle Menschen – Locals und Expats – auf Augenhöhe zusammenkommen. Heute ist dieser Ort Café, Restaurant, Farm-Basis. Die Qualität steigt jedes Jahr. Inzwischen können wir es mit Top- Ländern wie Costa Rica aufnehmen.
ABOUT MARTIN SCHÄFER
• seit 1998 Selbständig im Café & Kaffeebusiness
• seit 2012 Brunnenbau Malawi
• 2016 Gründung Kumanga e.V.
• 2017 Café in Malawi
• 2019 Übernahme der Lodge, Malawi
Ihr arbeitet klar partnerschaftlich. Warum ist Euch das so wichtig?
Kaffee ist für uns auch ein Entscheidungssystem: Mit jedem Kauf bestimmst du mit, in welcher Welt du leben willst. Wir wollen, dass alle profitieren: die Farmer, wir, unsere Gäste und natürlich die Natur. Am Regenwald Kaffee anzubauen, schafft echten Mehrwert. Gute Qualität entsteht nur in einem gesunden System.
Wie unterscheiden sich Geschäftsbeziehungen weltweit?
Allein Afrika ist nicht Afrika. Malawi ist eines der ärmsten Länder der Welt, mit niedrigem Bildungsniveau und wenig digitaler Infrastruktur. Tansania daneben ist bereits eine andere Welt. Südamerika wiederum ist oft europäischer geprägt, Indien tickt wieder ganz anders. Es hängt aber viel stärker von den Menschen ab als vom Kontinent. Ein indischer Farmer, der in Neuseeland gelebt hat, arbeitet völlig anders als jemand, der immer in Indien war. Interkulturelle Kompetenz heißt: jedes Land neu verstehen.
Was ist aktuell Eure größte Herausforderung?
Die Preisschwankungen. Der Markt ist extrem volatil. Während Transport lange die größte Herausforderung war, geht es heute eher um Verlässlichkeit und Planungssicherheit. Wir haben über die Jahre starke Vertrauensverhältnisse aufgebaut. Viele Farmer sind Freunde geworden. Das hilft, gemeinsam durch Krisen zu navigieren.
„Geschmack ist keine mathematische Formel, deswegen diskutieren wir leidenschaftlich, aber immer konstruktiv“
Und wohin geht Eure Reise? Gibt es einen großen Masterplan?
Größe ist kein Kriterium für uns. Qualität ist unser Maßstab. Kaffee entwickelt sich permanent weiter, farmseitig wie in der Tasse. Jedes Jahr entdecken wir Neues. Für uns ist Evolution spannender als Revolution.
Was bedeutet Dir Düsseldorf?
Als Niederrheiner war Düsseldorf immer ein natürlicher Ankerpunkt. Für unser Konzept brauchten wir eine Großstadt und wir haben hier den richtigen Standort zur richtigen Zeit gefunden. Wenn man so viel unterwegs ist wie ich, nimmt man die Stadt auch anders wahr. Nach Monaten im Regenwald zurück in Düsseldorf zu sein, ist fast ein Kulturschock – aber ein schöner.
Und was rätst du jungen Gründerinnen und Gründern, die ein Café eröffnen wollen?
Hab einen Plan und halte daran fest! Dinge brauchen Zeit. Wenn das Konzept stimmig ist, dann bleib dran, gib ihm Raum, sich zu entwickeln! Geduld ist ein unterschätzter Erfolgsfaktor.
Zum Abschalten hast Du ein ungewöhnliches Hobby. Wie viele Fallschirmsprünge machst du im Jahr?
In einem guten Monat können es schon mal 20 sein. •
Interview: Rainer Kunst
Words: Tom Corrinth
Pictures: Celine Al-Mosawi