FRESH IDEAS FROM DÜSSELDORF

Dass Düsseldorf sich mittlerweile zu einer deutschen Startup-Hochburg gemausert hat, liegt auch an der Startup Week. Just zu unserem Redaktionsschluss endete die diesjährige Ausgabe: Vom 7. bis 11. September 2026 trafen wieder Startups, Investoren und Unternehmen aufeinander, um Wissen zu teilen und sich gegenseitig zu inspirieren. Das zog rund 9.000 Teilnehmende an! Zu den Programm-Highlights zählten zum Beispiel der Female Founders Summit, die ERGO Pitch Party Vol. 2, die DayOne Venture Night Vol. V und natürlich das Future Tech Fest 2026, Deutschlands führende B2B-Startup-Messe und -Konferenz. Insgesamt standen 93 Events zu vielfältigsten Themen auf der Agenda. Diese Düsseldorfer Institution haben vermutlich auch schon mal die drei Startups erlebt, die wir in dieser Ausgabe vorstellen: LearnSlices, navou und rh:ool Yarn. Happy reading.


Verbindet regionale Wolle mit Handarbeit: Frieda Feld von rh:ool Yarn.

FROM DÜSSELDORF SHEEP TO FAVOURITE JUMPERS

Wolle ist ein wertvoller Rohstoff – und wird in Deutschland dennoch häufig kaum vergütet oder sogar entsorgt. Das Düsseldorfer Projekt rh:ool Yarn will das ändern. Gegründet hat es die leidenschaftliche Spinnerin Frieda Feld im Juni 2021, nachdem sie bei der Schur von Schafen der Düsseldorfer Rheinwiesen diesen Rohstoff erstmals in eigenen Händen hielt. Im Februar 2022 bot sie die ersten Produkte im Onlineshop an. „Ich finde den Gedanken sehr erfüllend, etwas von Anfang an erschaffen zu können und mich für Ressourcenverwertung einzusetzen“, sagt die Gründerin. Gleichzeitig stellt sie fest, wie schwierig es für Handarbeitende noch ist, an regionale Wolle zu kommen und deren Herkunft nachzuvollziehen. rh:ool Yarn will Schäfer:innen und Handarbeitsszene deswegen auch besser miteinander vernetzen.

Kund:innen erfahren, woher die Wolle stammt und können sich – im Fall der Düsseldorfer Herde – sogar aus „ihren“ Schafen einen Pullover stricken. Es geht dabei auch um das Bewusstmachen, dass Schäfer:innen für ihre Wolle sonst oft nur Centbeträge erhalten, während die Schur rund 3,50 Euro pro Schaf kostet. „Wolle ist kein Abfall. Sie ist ein Rohstoff, für den wir wieder Wertschätzung entwickeln müssen“, findet Frieda. Das kommt gut an: Ihre Fangemeinde wächst, 2023 kam eine Herde aus dem Kölner Grüngürtel hinzu, in diesem Jahr eine dritte aus Kandel. Dass inzwischen weitere kleine Unternehmen regionale Wolle vermarkten, sieht Frieda nicht als Konkurrenz, sondern als Zeichen für eine Bewegung in die richtige Richtung. Die Schafe auf den Rheinwiesen sind fast schon lokale Berühmtheiten, ihre Wolle wird mittlerweile bundesweit verkauft. „Man kann so etwas ja überall machen. Aus den Schafen vor der eigenen Haustür einen Pullover zu stricken, hat aber natürlich einen besonderen Reiz“, so Frieda.


Gründete den KI-Mentor LearnSlice: Alesia Kunz.

AI MENTOR FOR CAREER STARTERS

Als Lehrbeauftragte in der beruflichen Ausbildung beobachtete Alesia Kunz immer wieder dasselbe Problemmuster: Auszubildende haben zu Beginn häufig kaum Orientierung, während Ausbilder:innen oft nicht die Zeit finden, sie eng zu begleiten. „Ausbildung läuft in vielen Unternehmen neben dem Tagesgeschäft. Das ist ein Strukturproblem, das Deutschland Fachkräfte kostet“, sagt sie. Die Lösung sieht sie nicht in mehr Personal, sondern in Technologie, die Menschen bei Routinetätigkeiten unterstützt und ihnen Freiräume für wertschöpfende Aufgaben schafft. 2025 gründete sie daher den KI-Mentor LearnSlice. Die Plattform begleitet User von der IHK-Prüfungsvorbereitung über personalisiertes Onboarding und ein unternehmensspezifisches Wiki bis zum kontinuierlichen Upskilling. Die KI erstellt individuelle Lernpfade, berücksichtigt Rolle und Unternehmenskontext.

und verbindet Wissen mit praxisnahen Aufgaben und Karriere-Coaching. Grundlage können dabei auch interne Materialien des jeweiligen Unternehmens sein. Nachwuchskräfte sollen dadurch schneller produktiv werden, während erfahrene Teams Zeit für die Aufgaben zurückgewinnen, bei denen menschliche Begleitung entscheidend ist. Erste Proof-of-Concepts mit großen Unternehmen aus gewerblichtechnischen Branchen zeigen laut LearnSlice deutliche Effekte: Ausbilder:innen sparen bis zu 50 Prozent ihrer Betreuungszeit, Auszubildende werden bis zu 65 Prozent schneller einsatzbereit. „KI übernimmt das Wiederholbare, Menschen übernehmen die wichtigen Interaktionen“, beschreibt Kunz das Prinzip. Für die kommenden Jahre will LearnSlice vor allem den Mittelstand erreichen. Düsseldorf bietet dafür kurze Wege zu Wirtschaft, Hochschulen, Kammern und Förderstrukturen. „Wir wollen beweisen, dass KI Fachkräftesicherung nicht ersetzt, sondern erst möglich macht“, sagt Alesia Kunz. •


Mit dem Startup navou machen Sebastian Rademacher, Lisa Weise-Hoff und Mario Schmoltzi Gebäudeumbau planbarer (v.l.n.r.).

FROM VACANT PROPERTY TO HOUSING

Deutschland hat zu wenig Wohnungen und gleichzeitig Millionen Quadratmeter leerstehender oder untergenutzter Gebäude. Genau an diesem Widerspruch setzt das 2024 gegründete Düsseldorfer Startup navou an. Das Gründungsteam Mario Schmoltzi, Lisa Weise-Hoff und Sebastian Rademacher bringt Erfahrungen aus Investmentbanking, Managementberatung, Unternehmertum und Bauplanung mit. „Wir wollen Gebäudeumbau planbar machen“, sagt Lisa. Denn gerade bei leerstehenden Problemimmobilien ist oft monatelang unklar, ob sich eine Umnutzung überhaupt lohnt. navou analysiert deutlich schneller, ob und wie sich ein Bestandsgebäude in energieeffizienten Wohnraum umwandeln lässt, inklusive einer ersten Kosten- und Machbarkeitsindikation, bevor teure Planungsleistungen anfallen. Davon profitieren Bestandshalter:innen, Projektentwickler:innen und Kommunen. Anschließend begleitet navou die Umsetzung mit standardisierten Umbaukonzepten. „Wir denken den Sanierungsprozess neu und lösen die Silos zwischen Planung und Ausführung auf“, erklärt Sebastian Rademacher.

Aktuell ist das Startup im vierten Batch des PropTech Accelerators ATechX und plant gemeinsam mit einem großen europäischen Bestandshalter ein Büro-zu-Wohnen-Pilotprojekt. Zudem arbeitet navou mit etablierten Industrie- und Bauunternehmen, wie z.B. Würth, an der gemeinsamen Produktentwicklung. Das Ziel: Die digitale Machbarkeitsprüfung soll zum Standardwerkzeug für die Erstbewertung von Umbaupotenzialen werden. Die Umbaukonzepte sollen als lizenzierbare Lösungen von Partnern eingesetzt werden. „Dort, wo Leerstand und Wohnraumbedarf aufeinandertreffen, wollen wir zuerst deutschlandweit, dann europaweit ansetzen“, sagt Lisa Weise-Hoff. Düsseldorf ist dafür der passende Ausgangspunkt: In NRW gibt es besonders viele Bestandsgebäude, Wohnraumbedarf und ein dichtes Netzwerk aus Immobilienunternehmen, Entwicklern und Kapitalgebern. •


Text: Tom Corrinth
Pictures: privat, navou_House of Yas

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“I TRY TO LIVE IN A WAY THAT IS ANYTHING BUT DOGMATIC”