“I TRY TO LIVE IN A WAY THAT IS ANYTHING BUT DOGMATIC”
Er entwickelt Immobilien, sammelt seit Jahrzehnten Gegenwartskunst und hat mit der Sammlung Philara einen Ort geschaffen, der die Düsseldorfer Kunstszene prägt. Zum zehnjährigen Bestehen des Ausstellungshauses spricht Gil Bronner über seine Leidenschaft fürs Sammeln, unternehmerische Entscheidungen und die Verantwortung privater Initiativen.
Gil Bronner vor Georg Baselitz, Titel unbekannt (16.VII.1988), 1988, und Katja Tönnissen, DETOX 17, 2019
„Wenn Sie möchten, schneiden wir die Hose weg“ sagt der Fotograf. Gil Bronner blickt an sich herunter: Dunkelblaue Shorts mit weißen Punkten und Herzen. „Nicht nötig, dazu stehe ich.“ Belustigt wirkt er beim Pressetermin in der Sammlung Philara. Hinter ihm an der lilafarbenen Wand ein Georg Baselitz, der schon Teil der Sammlung seiner Eltern Cary und Dan Georg Bronner war. Sie haben ihm ihre Begeisterung für Kunst mitgegeben. Zusammen mit seiner Frau Anat ist er dieser Begeisterung so weit gefolgt, dass sie heute rund 2.000 Werke zählen. Teile davon werden öffentlich in der Sammlung Philara gezeigt, einer eigens umgebauten Glaserei, Flingerner Hinterhoflage. Die Sammlung feiert dieses Jahr zehnjähriges Jubiläum mit der Ausstellung „House of Balagan“. Balagan bedeutet Chaos. Ein freudvolles Chaos, voller Improvisation und Lebensenergie. Den Namen kann man als Hinweis auf die Kriterien lesen, die sich das Paar für Ankäufe setzt. Anders als in anderen Sammlungen gibt es keinen inhaltlichen Fokus oder einen auf bestimmte Künstler:innen. Das Einzige, was zählt ist Qualität. „Ich versuche alles andere als dogmatisch zu leben.“ sagt Gil Bronner.
IKONEN BLEIBEN IKONEN
Erster Standort der Sammlung war eine der ersten Immobilien Bronners. Eine ehemalige Leitz-Ordner-Fabrik in Reisholz, in der er Ateliers ansiedelte. „Unten im Keller hatten wir einen Lagerraum, in dem wir und Künstler des Hauses Ausstellungen gemacht haben.“ Die Sammlung wuchs genau wie das Portfolio des Projektentwicklers Gil Bronner. 1.000 Einheiten zählt er heute dazu. Auf die Frage nach den Ähnlichkeiten zwischen Kunstund Immobilienmarkt meint Bronner „Absolute Top-Immobilien wie das Drei-Scheiben-Haus haben einen Wert, den sie nicht verlieren, weil sie ikonisch sind. Das Gleiche gilt für Picasso, Gerhard Richter und andere Ikonen der Nachkriegszeit.“ Der Kaufprozess ist jedoch unterschiedlich. Während er Kunst oft aus einem Impuls heraus kauft, ist der Immobilienkauf deutlich rationaler geprägt. Meistens. „Meine ersten Bankgeschäfte habe ich am Brehmplatz getätigt und habe dann irgendwann diese Immobilie gekauft. Ein bisschen so, als würde man sich als Erwachsener das Auto kaufen, mit dem man als Kind im Matchbox-Format gespielt hat.“, sagt er amüsiert.
Die Sammlung Philara liegt in direkter Nachbarschaft zur Filmwerkstatt Düsseldorf, der Wim Wenders Stiftung und dem Bulle Bistro.
EIN ZUHAUSE FÜR DIE SAMMLUNG
Als die Sammlung zu groß wurde für die alte Leitz-Fabrik, baute Bronner die Glaserei in Flingern zum Museum um. 1.700 m2 Ausstellungsfläche mit teils über neun Meter hohen Decken plus Außenflächen, die Platz für Skulpturen bieten. „Ich hatte Sorge, dass die Sammlung, den Räumen nicht standhalten würde. Deswegen habe ich angefangen, große installative Arbeiten zu kaufen. Aber ich war ja auch Novize in Sachen Museumsneubau.“
Nach 10 Jahren, 35 Wechselausstellungen und zehn Sammlungspräsentationen, arbeiten in der Sammlung Philara vier Mitarbeitende plus freiberufliche Guides und Security. Seit März 2026 ist Hannah Niemeier künstlerische Leiterin. Sie hat die aktuelle Jubiläumsausstellung kuratiert. „Zusammen mit meiner Frau und dem kuratorischen Team entscheiden wir grundsätzlich Miteinander. Details der Hängung überlassen wir aber dem Team.“ Lediglich einen Raum hat Gil Bronner allein kuratiert. Es fällt auf, dass er anders ist, dieser Raum. Lila Wände, dicht behängt. Eine Arbeit von Friedrich Kunath ist dabei, dessen Einzelausstellung die erste in der Sammlung Philara war. Neben dem Gemälde von Georg Baselitz bildet eine Keramikarbeit der Düsseldorfer Künstlerin Katja Tönnissen einen weiblichen Gegenpol. „Auf Balance zwischen männlichen und weiblichen Künstler:innen zu achten, war die einzig bewußte Entscheidung in meiner Sammlung.“ Als das Team vor sieben Jahren Bilanz gezogen hat, lag der Anteil von Künstlerinnen in der Sammlung bei 35%. „Ich war echt geschockt, weil ich gedacht hätte, dass es pari sein würde.“ Von da an wurde verstärkt auf weibliche Positionen gesetzt. Heute liegt der Anteil bei rund 55%. „Ich finde es wichtig, dass es eine Balance gibt.“
Anat Bronner ist Kunsthistorikerin, Gil Bronner Immobilienentwickler – Kunst sammeln sie seit den 1990er-Jahren.
UNDOGMATISCH, ABER KONSEQUENT
Die Jubiläumsausstellung „House of Balagan“ zeigt über 100 der rund 2000 Werke umfassenden Sammlung.
Aus Unternehmertum leitet Bronner für sich eine Verantwortung ab. Die Sammlung Philara kann nach dem Prinzip „Pay what you wish“ besucht werden. Ihre Bedeutung für die Künstler:innen und Galerist:innen ist groß. Zudem engagiert sich Bronner noch für den Freundeskreis des Kunstpalasts. Seit 2017 ist er im Vorstand, seit 2019 Vorstandsvorsitzender. „Ich bin tatsächlich Shanghaied worden.“ Shanghaien bezeichnete die Praxis, in Hafenspelunken Menschen abzufüllen, die am nächsten Morgen an Bord eines bereits ausgelaufenen Schiffes erwachten und dort arbeiten mussten. „So ähnlich ist mir das mit dem Kunstpalast widerfahren. Felix Krämer (Direktor Kunstpalast, Anm. d. Red.) hat mich dazu überredet, dass ich diese Rolle übernehmen soll. Das habe ich anfangs eher widerstrebend getan. Aber nichts macht mehr Spaß als Erfolg. Und wir sind phänomenal erfolgreich. Als ich übernommen habe, waren wir weniger als 700 Mitglieder und jetzt streben wir 7.000 an.“ Den privaten Einsatz für Kunst und Kultur, hält er für wünschenswert. Düsseldorf böte dafür einen fruchtbaren Boden: „Die Stadt zieht Leute an, die kulturell interessiert sind, wie Julia Stoschek und Monika Schnetkamp (Gründerinnen der privaten Ausstellungshäuser Julia Stoschek Collection und KAI 10, Anm. d. R.). Und dadurch, dass so viele Museen und die Kunst präsent sind, werden mehr Leute involviert als in einer anderen Stadt, wo es nicht so viel gibt.“
Pläne für die Zukunft der Sammlung Philara? „Wieder mehr Sammlungspräsentationen. Die Reaktionen auf House of Balagan waren ausgesprochen positiv.“ Wie es längerfristig weitergeht, ob die Kinder des Ehepaars Bronner, Philip und Lara, nach denen die Sammlung benannt ist, übernehmen – ungewiss. „Wenn die Sammlung nicht irgendwann auseinandergepflückt wird, kann es sein, dass sie in 100 Jahren Künstler:innen aufweist, die hervorstechen. Von denen man das nicht geahnt hat und die dann sehr, sehr wertvoll sind. Es kann aber auch sein, dass Kunst, so ähnlich wie Perser-Teppiche, eines Tages überhaupt nicht mehr beachtet wird. Glaube ich zwar nicht, aber you never know.“
Beim Verlassen der Ausstellung fällt der Blick auf The Ringbinder Circle von Ignacio Uriarte. 128 Leitz Aktenordner bilden einen Kreis. Da ist es schon wieder, das Matchbox Auto. Diesmal nur umgekehrt: Das echte Auto in Form der Leitz-Ordner-Fabrik war zuerst da. Full-Circle-Moments scheinen ein Ding für Gil Bronner zu sein. •
Text: Lisa Maria Kunst
Pictures: Lisa Maria Kunst, Paul Schöpfer, Kai Werner Schmidt, Anat und Gil Bronner zwischen Arbeiten von Margarete Jakschik und Matthias Weischer auf einer Bank von Michaela Yearwood-Dan, Kai Werner Schmidt, Charlotte Posenenske Vierkantrohre Serie D 1967–2016 Reliefs Serie B 1967–2010 Courtesy of the artist & Sammlung Philara, Düsseldorf Autorisierte Rekonstruktion mit Zertifikat vom Nachlass