HR IN THE TIMES OF AI
Fachkräftemangel, (geo-)politische Unsicherheiten und Handelshemmnisse, KI-Entwicklung im Turbotempo: Wie wirkt sich all das auf den Arbeitsmarkt und die Gewinnung von Talenten aus? Und wie kann eine internationale und wirtschaftsstarke Metropole wie Düsseldorf gegensteuern?
Gregor Berghausen, General Manager Düsseldorf Chamber of Industry and Commerce (IHK)
28.300 Arbeitsstellen sollen im Jahr 2035 in Düsseldorf und im Kreis Mettmann unbesetzt bleiben, hat die IHK Düsseldorf in ihrem Fachkräftemonitor hochgerechnet. Das macht rund vier Prozent aller Beschäftigten aus und entspricht ungefähr der Einwohnerzahl des Stadtteils Düsseltal. Für einen Großteil der Unternehmen ist der Fachkräftemangel eines der schwersten Risiken für die Geschäftsentwicklung, wie beispielsweise aus der Sonderauswertung der IHK-Konjunkturumfrage im Herbst 2025 hervorging. „Der Fachkräftemangel lässt sich nur durch langfristiges und gemeinsames Handeln von Wirtschaft, Politik und allen Bildungs- und Arbeitsmarktinstitutionen bewältigen. Die Zukunftsfähigkeit unserer Region hängt entscheidend von gut qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ab“, unterstreicht Gregor Berghausen, Hauptgeschäftsführer der IHK Düsseldorf. Die Hebel, um dem entgegenzuwirken, reichen von einer Stärkung des Ausbildungsmarktes über passgenaue Qualifizierungs- und Weiterbildungsangebote bis hin zur Integration von internationalen Fach- und Arbeitskräften. Und dann ist da noch die große Frage, welche Rolle KI in dem ganzen Konstrukt spielen wird.
Jan Neumann, Managing Director DACH, Stepstone
Wie es dem Arbeitsmarkt derzeit geht, zeigt ein Blick in das Tagesgeschäft von Stepstone, einem der beiden großen Job- Portale in Düsseldorf neben Indeed. „Pro offenen Job haben wir auf stepstone.de noch nie so viele Bewerbungen erhalten wie in diesem Jahr. Das ist angesichts der derzeitigen wirtschaftlichen Lage, in der weniger Jobs ausgeschrieben werden, keine Überraschung. Aber das macht es für Recruiter noch viel schwieriger die richtigen Talente zu erkennen“, sagt Jan Neumann, Managing Director DACH bei Stepstone. Da einer Befragung des Unternehmens zufolge 61 Prozent der Jobsuchenden KI im Bewerbungsprozess nutzen, werden auch mehr Bewerbungen in kürzerer Zeit verschickt. „Unsere Aufgabe als Job-Plattform hat sich verschoben: Wir müssen noch viel stärker sicherstellen, dass Unternehmen die bestmögliche Qualität an Bewerbungen erhalten. Deshalb unterstützen wir im gesamten Recruiting- Prozess“, so Neumann.
KI spielt nicht nur eine wachsende Rolle im Bewerbungsprozess – der gekonnte Umgang mit ihr ist mittlerweile eine Grundkompetenz in vielen Jobprofilen: „Vor drei Jahren war der Umgang mit KI-Tools eine Spezialisierung. Der „Prompt Engineer“ galt als revolutionäres Tätigkeitsprofil. Heute spricht davon niemand mehr. Unternehmen erwarten von Marketingleuten, Ingenieurinnen und Beratern gleichermaßen den Einsatz von KI. Weiterbildungen und der versierte Umgang mit den KI-Anwendungen werden immer wichtiger“, berichtet Jan Neumann. Eine Analyse der Stellenanzeigen bei stepstone.de zeigt, dass die Nachfrage nach KI-Kompetenzen längst aus der IT herausgewachsen ist.
„Wissenschaft, Beratung, Ingenieurwesen und Marketing prägen dieses Feld heute mindestens genauso stark. Gleichzeitig ist KI auch für uns selbst ein zentraler Treiber in der Weiterentwicklung unserer Produkte und Serviceleistungen“, so Neumann. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Verschiebung von gefragten Skills. So zeigt eine Langzeit-Analyse aller Jobausschreibungen auf stepstone.de seit 2019: 2025 wurden Soft Skills in 45 Prozent aller Jobs genannt, 2019 nur in knapp einem Viertel. Besonders stark stieg die Nachfrage nach Zuverlässigkeit – sie wurde 2025 mehr als viermal so häufig genannt wie 2019! In einer wirtschaftlich unsicheren und gleichzeitig zunehmend automatisierten Welt werden menschliche Fähigkeiten also spürbar wichtiger, zuverlässige und anpassungsfähige Mitarbeitende sind besonders gefragt.
„Vor drei Jahren war der Umgang mit KI-Tools eine Spezialisierung. Der „Prompt Engineer“ galt als revolutionäres Tätigkeitsprofil.“
GEHALTSTRANSPARENZ: STUDIE ZEIGT TEILS GROSSE GEHALTSSPRÜNGE IN KONSUMGÜTERINDUSTRIE
Wegen der EU-Richtlinie zur Gehaltstransparenz müssen Unternehmen unter anderem bereits im Bewerbungsprozess Angaben zum Einstiegsgehalt oder zu einer Gehaltsspanne machen. Die Nigel Wright Group, eine auf die Konsumgüterindustrie spezialisierte Personalberatung, hat umfassende Marktdaten analysiert und festgestellt: Insgesamt zeigt sich ein überwiegend stabiles Gehaltsniveau in der Konsumgüterindustrie, größere Gehaltssprünge gab es jüngst vor allem bei Funktionen im Bereich Operations, Supply-Chain, Procurement und Digital.
Besonders auffällige Gehaltsanstiege 2026 vs. 2025:
· Chief Procurement Officer: +50.000 € (200.000 € → 250.000 €)
· COO: +35.000 € (215.000 € → 250.000 €)
· Chief Supply Chain Officer: +35.000 € (215.000 € → 250.000 €)
· Travel & Leisure Director Operations: +25.000 € (140.000 € → 165.000 €)
· Fashion & Lifestyle Supply Chain Manager: +24.000 € (96.000 € → 120.000 €)
· FMCG Key Account Manager: +20.000 € (80.000 € → 100.000 €)
· Consumer Electronics Sales Director: +19.500 € (115.500 € → 135.000 €)
Quelle: Nigel Wright Gehaltsreport 2026 Konsumgüterindustrie Deutschland / Group European Business Resilience and Growth Report 2026
Prof. Dr. Fabiola Gerpott, Holder of the Chair of Leadership, WHU – Otto Beisheim School of Management
„Entscheidend ist die Frage, wie sich Führung und Zusammenarbeit von Menschen durch KI verändern. Dafür braucht es neben technischen auch soziale, psychologische und betriebswirtschaftliche Kompetenzen“, sagt Prof. Dr. Fabiola Gerpott, Inhaberin des Lehrstuhls für Personalführung an der WHU – Otto Beisheim School of Management in Düsseldorf. In einem aktuellen Forschungsprojekt untersucht sie zum Beispiel, wie Beschäftigte und Führungskräfte darauf reagieren, dass KI-generierte E-Mails zunehmend die persönliche Kommunikation ersetzen – auch bei sensiblen Themen, die eigentlich persönliche Zuwendung benötigten. „Wir stellen fest, dass sich viele Menschen dadurch nicht mehr so gesehen und wertgeschätzt fühlen, vor allem in ländlichen Gegenden, wo noch mehr im Homeoffice gearbeitet wird“. Fabiola Gerpott könnte sich daher gut vorstellen, dass das Arbeiten im gemeinsamen Büro dadurch wieder attraktiver wird. „Persönliche Begegnungen und öffentliche Räume sind einfach wichtige Voraussetzungen für gelingende Beziehungen, für Austausch und für Lebensqualität“, so die Professorin.
Sie forscht ebenso zu der Frage, welche Kompetenzen menschliche Führungskräfte in Zukunft haben sollten, wenn Führungsaufgaben zunehmend durch KI unterstützt und zum Teil auch schon übernommen werden. „Wichtiger wird zum Beispiel die Identitätsgestaltung: Führungskräfte müssen noch mehr den Rahmen dafür schaffen, dass sich Mitarbeitende miteinander verbunden fühlen und ihre Arbeit als sinnhaft erleben. Eine weitere wichtige Aufgabe ist es, für eine notwendige kritische Distanz zur KI zu sorgen, damit Mitarbeitende nicht nur leichtgläubig KI-Entscheidungen übernehmen, sondern selbst entscheidungsfähig und -freudig bleiben“, so Gerpott. Ihrer Erfahrung nach stünden viele Führungskräfte bei all den aktuellen Herausforderungen gerade noch ziemlich isoliert da. Hier habe eine Stadt wie Düsseldorf viele Vorteile, weil es beispielsweise zahlreiche Business-Netzwerke für regelmäßigen Austausch und Support gebe.
Die hohe Lebensqualität der Landeshauptstadt ist auch bei der Anwerbung internationaler Fachkräfte ein schlagkräftiges Argument. „Deswegen bieten wir unseren Master in Finance und das MBA-Programm am Standort Düsseldorf an: Auch außerhalb des Campus können internationale Studierende sich hier gut verständigen und finden sehr attraktive Lebensbedingungen vor“, so Professor Gerpott. Mit Blick auf den Fachkräftemangel, der sich in den nächsten Jahren durch den demografischen Wandel weiter verstärken wird, ergänzt Jan Neumann: „Deshalb ist es so wichtig, bürokratische Hürden gering zu halten, sodass Arbeitgeber den bestmöglichen Zugang zu Talenten erhalten und wir den Wirtschaftsstandort Düsseldorf weiter stärken können.“
Auftaktveranstaltung für die Deutschlandstiftung Integration Regional NRW in Düsseldorf: OB Dr. Stephan Keller (M.), Staatssekretärin Gonca Türkeli-Dehnert (2.v.l.) und Dr. Thomas Gauly (l.), Gesellschafter DSI Deutschlandstiftung, mit dem DSI-Regional-NRW-Team
NRW-NACHWUCHSTALENTE MIT MIGRATIONSHINTERGRUND WERDEN STÄRKER GEFÖRDERT
Die Deutschlandstiftung Integration (DSI), eines der führenden Förderwerke für Bildung, Chancengleichheit und gesellschaftliche Teilhabe von jungen Menschen mit Migrationshintergrund, setzt ihre erfolgreiche Arbeit nun in NRW fort. Die Auftaktveranstaltung für die DSI Regional NRW fand auf Einladung von Oberbürgermeister Dr. Stephan Keller am 09. Juli 2026 im Düsseldorfer Rathauses statt. Gäste waren Vertreter:innen von Unternehmen, Institutionen sowie aktuelle und ehemalige Stipendiat:innen des DSI-Förderprogramms GEH DEINEN WEG. „Für die Landeshauptstadt ist es eine große Bereicherung, dass die Deutschlandstiftung bei ihrer Arbeit nun auch einen besonderen Schwerpunkt auf unsere Region setzt. Chancengleichheit und gesellschaftliche Teilhabe sind zentrale Themen, auf die von der Deutschlandstiftung ein zusätzlicher besonderer Fokus gelegt wird“, so Stephan Keller. Neben der Stärkung lokaler Netzwerke zwischen Akteur:innen und den rund 250 qualifizierten Nachwuchstalenten in NRW, die von der Deutschlandstiftung Integration gefördert werden, möchte die Initiative die Wege der Stipendiat:innen als Erfolgsgeschichten sichtbar machen, um zu zeigen, welches Potenzial in einer vielfältigen Gesellschaft steckt.
Professor Stefan Süß, Lead researcher of ProHome, Heinrich-Heine-Universität
REMOTE WORKING: IT’S ALL ABOUT BALANCE
Das Forschungsprojekt ProHome der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf räumt mit Mythen über das Homeoffice auf und zeigt, wann Arbeiten von zu Hause produktiver und zufriedener macht.
Seit der Corona-Pandemie hat sich Homeoffice zu einem in vielen Bereichen selbstverständlichen Arbeitsmodell entwickelt – rund ein Viertel aller Beschäftigten machten im letzten Jahr Gebrauch davon. Seit Anfang 2026 gibt es auch wissenschaftlich evidenzbasierte Leitlinien zur optimalen Gestaltung: Dafür untersuchte ein interdisziplinäres Forschungsteam drei Jahre lang, unter welchen Bedingungen Homeoffice Produktivität, Zufriedenheit und Gesundheit fördert. Acht Düsseldorfer Organisationen mit insgesamt rund 1.400 Beschäftigten machten bei der Studie mit.
In einer Befragung wurden dabei auch Homeoffice-Mythen widerlegt. Beispielsweise ging Arbeit im Homeoffice unter bestimmten Bedingungen mit höherer Arbeitszufriedenheit einher. Besonders zufrieden waren Beschäftigte, die ihre Bürotage flexibel wählen konnten: Ihre Zufriedenheit lag bei 4,1 von 5 möglichen Punkten, bei fest vorgeschriebenen Bürotagen nur bei 3,8. „Für diejenigen, die Homeoffice machen können, ist das Modell durchaus eine gute Ergänzung. Allerdings würde ich immer zu hybriden Modellen tendieren. Ich glaube, in der Mischung liegt das Optimum – und welche Mischung, hängt von der Tätigkeit und der Person ab. Das bestätigen unsere Ergebnisse“, sagt Studienleiter Professor Stefan Süß.
Die Projektergebnisse können Interessierte in einem kostenlosen Abschlussbericht einsehen. Hier gibt es auch konkrete Handlungsempfehlungen für Unternehmen zu wichtigen Fragen wie zum Beispiel: Wie funktioniert die Umsetzung von bestimmten Interventionen in der Praxis? Wie gelingt Führung auf Distanz? Wie sieht ein optimaler Arbeitsplatz im Homeoffice aus? •
Hier geht es zum Abschlussbericht.
Text: Tom Corrinth
Pictures: IHK Düsseldorf/ Felix Gemein, The Stepstone Group/ Benjamin Simon, Anna Kaduk, Landeshauptstadt Düsseldorf/ Claus Lange