THE GLOBAL RACE FOR TALENT

Deutschland konkurriert weltweit um qualifizierte Arbeitskräfte, aber entscheidend sind dabei nicht nur Visa und Einwanderungsregeln. Wer internationale Talente dauerhaft gewinnen will, muss in Sprache, Qualifizierung, faire Anwerbung und Integration investieren. Das Düsseldorfer Unternehmen Onea Care zeigt am Beispiel der Pflege, wie dieser Prozess funktionieren kann und warum er für immer mehr Branchen zum strategischen Thema wird.

Auch Erzieher:innen gehören zu den 157 Engpassberufen in Deutschland.

Der deutsche Arbeitsmarkt lebt zunehmend von Zuwanderung. Seit 2024 wird das Beschäftigungswachstum nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit ausschließlich von ausländischen Beschäftigten getragen. Besonders deutlich zeigt sich das in den sogenannten Engpassberufen, 157 waren es 2025: Bau- und Handwerksberufe, Erziehung, Berufskraftverkehr, Gastronomie und technische Berufe. Dort hat sich der Anteil internationaler Fachkräfte innerhalb von zehn Jahren auf gut 14 Prozent verdoppelt. Die Zahlen zeigen, dass internationale Rekrutierung kein Spezialthema einzelner Branchen mehr ist, sondern zu einer zentralen Frage der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit Deutschlands wird.

Deutschland steht damit in einem globalen Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte, denn in den kommenden Jahren verlassen die geburtenstarken Jahrgänge den Arbeitsmarkt. Gleichzeitig werben Kanada, Australien, die Golfstaaten und weitere europäische Länder um dieselben Talente, häufig mit schnelleren Verfahren, englischsprachigen Arbeitsmärkten oder klaren Karriereperspektiven. Mit der Reform des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes hat die Bundesregierung die Zuwanderung qualifizierter Fachkräfte deutlich erleichtert. Die seit Ende 2023 schrittweise in Kraft getretenen Regelungen erleichtern qualifizierten Fachkräften aus Nicht-EU-Staaten den Weg nach Deutschland. Es vereinfacht unter anderem die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse mit dem Ziel, Unternehmen den Zugang zu internationalen Fachkräften zu erleichtern und den Fachkräftebedarf langfristig zu decken.


Leon Bauer, Managing Director, Onea Care

Wie komplex internationale Rekrutierung ist, zeigt Onea Care. Das 2019 gegründete Düsseldorfer Unternehmen gewinnt Pflegefachkräfte im Ausland, überwiegend in Indien, Brasilien und Nordafrika und begleitet sie bis in deutsche Gesundheitseinrichtungen. Geschäftsführer Leon Bauer beschreibt Onea Care weniger als klassische Personalvermittlung denn als Bildungseinrichtung. Die Fachkräfte lernen bereits im Herkunftsland Deutsch bis zum Niveau B2 und werden fachlich auf ihren Berufsalltag vorbereitet. „Sprache ist der zentrale Punkt in diesem ganzen Prozess. Ohne ein hohes Niveau funktioniert es auf der Station nicht“, sagt Bauer.

Vom ersten Kontakt bis zum Arbeitsbeginn vergeht im Schnitt rund ein Jahr. In dieser Zeit greifen Auswahl, Sprachunterricht, fachliche Qualifizierung, Visum, Anerkennung und Vorbereitung auf den Alltag in Deutschland ineinander. Die Pflegekräfte müssen nicht nur medizinische Fachbegriffe beherrschen. Sie müssen auch verstehen, wie Teams kommunizieren, welche Verantwortung sie auf der Station tragen und welche Erwartungen Patienten und Arbeitgeber an sie haben.

Integration beginnt für Bauer deshalb vor der Einreise, endet aber nicht mit dem ersten Arbeitstag. Auch die Einrichtungen müssten sich vorbereiten. Interkulturelle Seminare dürften nicht als Sonderprogramm für die Neuankömmlinge verstanden werden, sondern müssten die bestehenden Teams einbeziehen. Führungskräfte seien gefordert, Zuständigkeiten zu klären, Mentoren zu benennen, Entwicklungsperspektiven aufzuzeigen und die entsprechende Haltung von der Führung bis in alle Ebenen des Unternehmens zu tragen. Integration sei eine strategische Führungsaufgabe.

Pflegekräfte bringen bereits einen Abschluss aus ihrem Heimatland mit, teils ist Pflege dort ein Studienberuf.

Hinzu kommt die Frage, unter welchen Bedingungen Menschen angeworben werden. Immer wieder gerät die internationale Rekrutierung in die Kritik. Etwa wegen hoher Vermittlungsgebühren, intransparenter Verträge oder fehlender Unterstützung nach der Ankunft in Deutschland. Internationale Fachkräfte investieren Zeit, Geld und Vertrauen und verlassen oft mit ihren Familien ihr gewohntes Umfeld. „Jede Fachkraft, die diesen Schritt geht, geht ein enormes Risiko ein“, sagt Bauer. Onea Care gehört zu den Gründungsmitgliedern des Vereins Faire Anwerbung Pflege Deutschland. Bauer ist Obmann des Güteausschusses, der die Einhaltung ethischer Standards überwacht. Dazu gehören transparente Verträge, der Verzicht auf Vermittlungsgebühren für die Fachkräfte sowie regelmäßige unabhängige Kontrollen.


„Sprache ist der zentrale Punkt in diesem ganzen Prozess. Ohne ein hohes Niveau funktioniert es auf der Station nicht.“

Wer gut ankommt, bleibt im besten Fall langfristig im Unternehmen.

Ob internationale Rekrutierung nachhaltig ist, zeigt sich nicht an der Zahl der Einreisen, sondern daran, ob Menschen bleiben. Nach Angaben von Onea Care arbeiten rund 95 Prozent der vermittelten Pflegefachkräfte auch zwei Jahre nach ihrer Ankunft noch bei ihrem ursprünglichen Arbeitgeber. Diese Quote ist nicht nur ein Erfolg der Vorbereitung. Sie ist auch ein Hinweis darauf, ob Erwartungen und Arbeitsbedingungen zusammenpassen.

Seit Mai 2025 gehört Onea Care zu BorderPlus, einer indischen Bildungs- und Technologieplattform für internationale Arbeitskräftemobilität. Durch die Übernahme sollen Qualifizierungsprogramme stärker skaliert und mit KI-gestützten Lernangeboten personalisiert werden. Künftig können auch Inhalte des späteren Arbeitgebers bereits vor der Einreise vermittelt werden. Digitale Lernangebote ermöglichen individuelle Qualifizierung und machen sie gleichzeitig für deutlich mehr Menschen zugänglich. Deutschland hat in diesem Wettbewerb weiterhin gute Karten. Vergleichsweise hohe Löhne, soziale Sicherheit, Ausbildungsmöglichkeiten und langfristige berufliche Perspektiven sprechen für den Standort. Dem stehen eine anspruchsvolle Sprache, Bürokratie, langwierige Anerkennungsverfahren und ein Alltag gegenüber, auf den viele Unternehmen noch nicht ausreichend vorbereitet sind. Der entscheidende Wettbewerb findet deshalb nicht nur zwischen Staaten statt, sondern auch zwischen Arbeitgebern.

Wer internationale Talente gewinnen will, muss mehr bieten als einen freien Arbeitsplatz. Gefragt sind verlässliche und transparente Verfahren, gute Bildung, Unterstützung im Alltag und eine Unternehmenskultur, die neue Kolleginnen und Kollegen nicht nur anwirbt, sondern wirklich integriert. Der globale Wettbewerb um Talente entscheidet sich am Ende nicht bei der Einreise, sondern beim Ankommen und Bleiben. •


Text: Lisa Maria Kunst
Pictures: Liliana Drew, Mikhail Nilov, privat, Jsme MILA, cottonbro studio

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