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Der demografische Wandel bringt einen wachsenden ziert wird. Fachkräftemangel mit sich. Dem gegenüber steht eine schwierige Wirtschaftslage, die Unternehmen vor große Herausforderungen stellt. VIVID schaute sich genauer an, wie es dennoch gelingt, Betriebe und junge Talente zusammenzubringen.


Birgitta Kubsch-von Harten, Head of Employment Agency, Düsseldorf

Nordrhein-Westfalen hat mit sinkenden Azubi-Zahlen zu kämpfen: Laut statistischem Landesamt wurden im letzten Jahr 99.246 Ausbildungsverträge im dualen System neu abgeschlossen. Damit lag die Zahl der neuen Ausbildungsverträge erstmals seit Beginn der Erhebung der Berufsbildungsstatistik in den 1970er Jahren unter 100.000 und sank im Zehnjahresvergleich um 14,4 %.

In Düsseldorf gibt es aktuell einen leichten Anstieg der Bewerber:innen auf Ausbildungsstellen um insgesamt 2,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Birgitta Kubsch-von Harten, Leiterin der Agentur für Arbeit in Düsseldorf: „Grundsätzlich verfügen wir in der Landeshauptstadt über einen guten Branchenmix und ein breit gefächertes Angebot an Ausbildungsplätzen. Und bei den jungen Menschen wächst das Interesse an Ausbildung. Zum einen wächst in Krisenzeiten der Wunsch nach finanzieller Absicherung. Zum anderen ändern sich Berufsinhalte, so dass Themen wie Nachhaltigkeit, KI oder Digitalisierung eine größere Rolle spielen, die für junge Menschen wichtig sind.“

Das Angebot an Ausbildungsplätzen ging in Düsseldorf gegenüber dem Vorjahr allerdings um insgesamt 6 Prozent zurück, in ganz NRW waren es sogar fast 8 Prozent. „Unternehmen wissen zwar, dass sie mit Blick auf die demografische Entwicklung in Zukunft mehr Fachkräfte brauchen. Viele von ihnen empfinden jedoch in Zeiten globaler Krisen eine wirtschaftliche Unsicherheit. In der Folge sind sie derzeit zurückhaltend mit Einstellungen“, so Birgitta Kubsch-von Harten. Als Anreiz für die Unternehmen, auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten auszubilden, gibt es die sog. Einstiegsqualifizierung (EQ), eine Art Langzeitpraktikum über ein Jahr, bei dem sich junge Menschen und Betriebe zunächst einmal besser kennenlernen können. Während des EQ gibt es bereits eine finanzielle Vergütung, die zum Teil von der Bundesagentur für Arbeit finanziert wird.

Auch bei der Rekrutierung für Ausbildungsstellen unterstützt die Arbeitsagentur. Deren Berufsberater:innen arbeiten eng mit Schulen zusammen, der Arbeitgeber-Service mit Unternehmen. „Wir helfen beim Matching, veranstalten Bewerbertage oder branchenspezifische Börsen und bringen so die Bewerber:innen mit den passenden Unternehmen zusammen“, erklärt Birgitta Kubsch-von Harten. Wenn ein Betrieb junge Mitarbeitende oder Auszubildende aus dem Ausland rekrutieren möchte, arbeiten die Agenturen vor Ort mit der Zentralen Auslandsvermittlung (ZAV) der Bundesagentur zusammen. Diese unterstützt bei der Rekrutierung und hat Kooperationen zu konkreten Ausbildungberufen mit Latein-Amerika, Asien und afrikanischen Ländern. Bei Azubis mit Fluchthintergrund fördert die Arbeitsagentur im Rahmen „assistierter Ausbildung“ Sprachkurse und Förderunterricht. Fachkräfteeinwanderung ist ein wichtiges Mittel gegen den demografischen Wandel. In den letzten zehn Jahren sind 60.000 Menschen in Düsseldorf in Rente gegangen, in den nächsten zehn Jahren kommen 100.000 weitere hinzu.


Christian Henke, Managing Director, Düsseldorf Chamber of Trade (HWK)

Die Situation für Auszubildende im Handwerk in der Landeshauptstadt schätzt Christian Henke, Gesch.ftsführer der Handwerkskammer Düsseldorf (HWK), als sehr gut ein. Besonders beliebt bei Auszubildenden der Region seien schon seit vielen Jahren dieselben Tätigkeiten, „Berufe, die von der Klima-Transformation profitieren: Sanitär, Elektrik und Dachdecker“. Auch die Entwicklung der Löhne und Ausbildungsvergütungen im Handwerk habe in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Die Aufstiegschancen seien gut, wenn Bereitschaft bestehe, sich weiterzubilden, „zudem gibt es kaum Arbeitslosigkeit“, weiß Christian Henke. Bei vielen Gewerken spielen innovative Technologien eine immer größere Rolle. „Dachdecker arbeiten mit Drohnen, um Solaranlagen und Paneelen zu verlegen, und im Tischlerberuf werden Werkstücke am Computer entworfen“, erklärt Henke. Die Sorge, dass diese Techniken zu anspruchsvoll für Abgangsschüler:innen mit niedrigeren Abschlüssen sein könnten, hat er nicht. Dies sei eine Stärke des Handwerks: sich die Zeit für die schwächeren Auszubildenden zu nehmen, sie bei den Hausaufgaben der Berufsschule zu unterstützen oder ihnen beim Erlernen der deutschen Sprache zu helfen. Daher liegt der Fokus bei der Einstellung auf dem persönlichen Kontakt, ob ein junger Mensch zuverlässig, teamfähig, fleißig und begeisterungsfähig ist. „Wir haben oft Delegationen aus der ganzen Welt hier, da es in wenigen Ländern eine derart gute Handwerksausbildung gibt wie bei uns“, freut sich Christian Henke.

Dass trotz der zahlreichen Kampagnen der HWK die Azubis im Handwerk immer noch vor allem männlich sind, möchte er gerne ändern „Der Frauenanteil ist in den letzten Jahren unter 20 Prozent gefallen, in den bei Männern beliebtesten technischen Gewerken liegt er sogar nur bei 3-5%, obwohl es unter den Jahresbesten immer überproportional viele Frauen gibt“, so Christian Henke.


Manfred Birkenfeld, Managing Director,, Restaurant “Grande Étoile“, Trainer & examiner in the culinary crafts

Die Besten der Besten, ob männlich oder weiblich, messen sich seit 2008 alle zwei Jahre bei den EuroSkills, der „Europameisterschaft der Berufe“. Im nächsten Jahr wird sie vom 22. bis 26. September in der Messe Düsseldorf stattfinden. Erwartet werden rund 150.000 Besucher:innen sowie 800 junge Spitzenfachkräfte im Alter von 18 bis 25 Jahren aus 51 Berufsfeldern und 36 Ländern. Mit dabei ist auch Manfred Birkenfeld als sog. Workshopmanager für die Köch:innen. Der gelernte Konditor ist nicht nur Gesch.ftsführung im Restaurant „GRANDE ÉTOILE“ in der Düsseldorfer Carlstadt, sondern auch Ausbilder und Prüfer im Kochhandwerk. „Die EuroSkills Düsseldorf 2027 sind eine einzigartige Bühne für berufliche Exzellenz und zeigen, wie attraktiv Ausbildung und Handwerk sein können“, erklärt Manfred Birkenfeld.

Neben den Wettbewerben bleibt noch viel Zeit zum Austausch zwischen den jungen Talenten, Besucher:innen, aber auch Unternehmen, die zum Teil auch als Sponsor:innen der Veranstaltung fungieren. Dementsprechend kommen viele Schüler:innen aus Berufsschulen oder vorbereitenden Klassen zu den EuroSkills Düsseldorf 2027, um sich zu orientieren. Auch Manfred Birkenfeld weiß, wie wichtig Betrieben Zuverlässigkeit, Disziplin, Sorgfalt und Sozialkompetenzen sind. „Viele Auszubildende haben da noch Nachholbedarf.“


Manfred Birkenfeld engagiert sich in seinem Projekt „The Big We“ für Azubis mit weniger guten Startchancen. „Alle sprechen vom Fachkräftemangel. Die Lösung beginnt nicht auf dem Arbeitsmarkt, sondern in einer exzellenten Ausbildung.“

Daher engagiert sich Birkenfeld für Azubis mit weniger guten Startchancen in seinem Projekt „The Big We“. Die Initiative arbeitet mit Betrieben, Verbänden und Ehrenamtlichen zusammen. „Wir machen mit den Azubis Wein- und Käseschulungen, Crêpes Suzettes oder filetieren Fische. Alle sprechen vom Fachkräftemangel. Die Lösung beginnt nicht auf dem Arbeitsmarkt, sondern in einer exzellenten Ausbildung“, so Manfred Birkenfeld. Ein wichtiger Teil von „The Big We“ ist das Thema Inklusion. Die Initiative unterstützt daher auch junge Menschen mit Förderbedarf bei ihrer verkürzten Ausbildung zur Fachpraktiker:in. „Viele brauchen intensive Unterstützung, aber diese Azubis sind oft sehr motiviert und wollen es unbedingt schaffen.“ Inzwischen wird „The Big We“ von der DEHOGA und dem Verband der Köche unterstützt, und auch die Politik in Berlin ist schon auf das Projekt aufmerksam geworden. Manfred Birkenfeld ist überzeugt, dass dieses Modell auch in anderen Berufsfeldern und Verbänden Schule machen wird. „Die Zukunft der Wirtschaft beginnt nicht in Positionspapieren, sondern dort, wo junge Menschen Verantwortung übernehmen und ihr Potenzial entfalten können.“ •


Text: Katja Vaders
Pictures: www.amh-online.de, Michael Lübke, HWK Düsseldorf

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